Donnerstag, 5. März 2020

Fast genial, Benedict Wells


Francis ist siebzehn und lebt mit seiner Mutter in einer Provinzstadt in New Jersey in einem Trailerpark. Sie haben nicht immer dort gewohnt. Früher hatten sie ein normales Haus. Als sein Stiefvater Ryan und sein Halbbruder Nicky noch da waren. Aber als es seiner Mutter schlechter und schlechter ging, hat Ryan sich scheiden lassen und ist mit Nicky weggezogen. Jetzt sind sie ganz unten angekommen. Francis‘ Mutter ist psychisch krank. Manchmal gibt sie Geld aus, das sie nicht haben und denkt, sie kann alles schaffen. Doch der Zusammenbruch folgt irgendwann. Manchmal versucht sie sich das Leben zu nehmen. Dann muss Francis sie ins Krankenhaus bringen.

Wer sein Vater ist, weiß Francis nicht. Er hat ihn nie gesehen. Das war bestimmt auch so ein Loser wie er selbst. Eine schnelle Affäre, von denen seine Mutter so viele hatte. Francis ist sehr überrascht, als seine Mutter ihm schließlich mitteilt, dass sein Vater ein hochbegabter Samenspender sei. In Francis setzt sich die Idee fest, dass alles sich ändern würde, wenn er seinem leiblichen Vater auch nur ein einziges Mal begegnen könnte.

In der Klinik seiner Mutter hat Francis die wunderschöne Anne-May kennengelernt, die nach einem Suizidversuch auch am liebsten alles hinter sich lassen würde. Zusammen mit ihr und seinem besten Freund Grover macht Francis sich im Auto auf die Suche nach seinem Dad. Sie fahren einmal quer durch die USA, immer Francis‘ Traum hinterher.

„Er wusste immer weniger, was er sich von dieser Reise eigentlich erhoffte. Bis vor kurzem war seine Zukunft noch wie ein vorgedrucktes Blatt gewesen, auf dem fett und schwarz „Versager“, „Schulabbrecher“ und „Schichtarbeiter“ gestanden hatte. Doch nun hatte jemand mit Farbe die Worte „Genie“, „künstliche Befruchtung“ und „Westküste“ darübergeschrieben, und er war nicht sicher, was er davon halten sollte. Er wollte nur, dass sein Vater ihn gernhatte. Dass sie sich kennenlernten und auf Anhieb sympathisch fanden. Gleichzeitig fürchtete er sich immer mehr vor einer Zurückweisung.“ (S. 112)

Francis sucht seine Identität. Mit seinem Leben ist er unzufrieden, fühlt sich jedoch hilflos dabei es zu ändern. Plötzlich scheint die große Chance von außen zu kommen. Wenn sein Vater anders ist, kann er auch anders sein. Francis glaubt an Schicksal. Hängt im Leben nicht so viel von Zufällen ab? Wo und als wessen Sohn man geboren wird, ob man gute Gene hat oder früh stirbt. Francis glaubt zum ersten Mal den Zufall auf seiner Seite zu haben. Euphorisch macht er sich auf die schwierige Suche nach seinem Vater und nach sich selbst. In Amerika ist doch alles möglich! Heute noch Trailerpark, morgen schon Millionär.

Ich fand es zunächst seltsam, dass ein deutscher Autor sich derart in den American Dream versenkt und einen klassischen Roadtrip schreibt. Ich muss aber sagen, dass es Benedict Wells sehr gut gelungen ist. Die Geschichte ist bis zum Schluss spannend, die Charaktere pubertär, aber echt. Jeder der drei jungen Protagonisten hat sein Päckchen zu tragen, ist unfertig und kämpft auf seine Weise mit seinen Unsicherheiten. Alle wollen ihr Leben gestalten und stellen dabei jeden Tag alles – auch sich selbst – in Frage. Ebenso wie in „Vom Ende der Einsamkeit“ (vgl. meine Rezension) bringt Wells uns die Figuren authentisch nahe, so dass wir ihre Zerrissenheit und Trauer mitleiden. Jeder wird ein Stück der eigenen Pubertät wiederentdecken und sich mit der kompromisslosen Suche identifizieren können.

Im Hintergrund läuft die Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, in der Menschen ohne Krankenversicherung leben und der soziale Abstieg ungebremst sehr schnell gehen kann.  Zum Schluss muss der Leser die Frage für sich selbst beantworten, wieviel die Gene und wieviel die Umwelt zu unserem Werden beitragen, wieviel wir selbst in der Hand haben und wieviel von Schicksal und Zufall bestimmt werden.

Die berührende Suche eines Jungen nach dem eigenen Genie und Potenzial hat mich mitgerissen. Das Ende ist fast unaushaltbar spannend!

Fast genial, Benedict Wells, Diogenes Verlag, Zürich 2013, 336 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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