Sonntag, 9. Februar 2020

Mobbing Dick, Tom Zürcher

Mobbing Dick, der im Zürcher Bankenmilieu spielende Roman eines Zürcher Autors, war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 zu finden. Das Buch ist schwer zu beschreiben. Es handelt von verschiedenen Arten des Wahnsinns. Es handelt sich um eine Satire, eine Groteske, die zuweilen sehr witzig ist, an anderer Stelle aber auch die Leserin fast in den Wahnsinn treibt.

Worum geht es? Protagonist ist Dick Meier, der mit Mitte zwanzig noch mit den Eltern in einem Reihenhaus in einem grünen Zürcher Vorort wohnt und gerade sein Studium hingeschmissen hat. Seinen seltsamen Vornamen hat er dem Umstand zu verdanken, dass seine Eltern Fans von Dick Cheney sind. Außer mit dem Haushalt ist Dicks Mutter damit beschäftigt darüber nachzudenken, was aus ihrem Sohn werden soll und was die Nachbarin Frau Welti im Misserfolgsfall darüber denken könnte. Dick heuert als Ungelernter in einer Schweizer Großbank an.

Dick erlebt im Alltag der Bank zunächst, dass alle beschäftigt tun, aber hauptsächlich den Tag rumbringen müssen, ohne dass jemand merkt, dass sie nichts Sinnvolles tun. Entsprechend oft muss Dick in die Confiserie Sprüngli hinunter gehen, um Cremeschnitten zu essen. Natürlich haben alle Kollegen Dreck am Stecken, sind verschuldet durch waghalsige Spekulationen, schlafen sich in der Bank nach oben oder nehmen Happy Pills. Vor allem will jeder befördert werden, die Wochenstatistik der erfolgreichsten Verkäufer anführen und am meisten zu sagen haben. Alle sind von geheimen Seilschaften und Verschwörungen gegen sich überzeugt, Dick eingeschlossen.
„Am Montag liegt eine schwarze Bibel auf dem Hellraumprojektor. Die Kursleiterin zündet eine Kerze an und bittet Dick, nach vorn zu kommen. Heute beginnt der richtige Kurs, sagt sie, und der beginnt mit einem Eid, dem Vreneli-Eid. Dick muss die rechte Hand auf die Bibel legen und ihr nachsprechen:
Hiermit schwöre ich zu schweigen. Zu schweigen über den Vreneli-Kurs und zu schweigen über den Vreneli-Code. Amen.
Das Mütterchen guckt ihm streng in die Augen und er versucht, nicht zu lachen. Dann wird die Bibel durch ein Heidi-Buch ersetzt, auf dem Dick noch einen zweiten Schwur leisten muss, nämlich, die Schätze der Schweiz nicht ans Ausland zu verkaufen. Dieser zweite Eid ist neu und wurde nötig, nachdem ein Bankmitarbeiter Kundendaten an Amerika verraten hat.“ (S. 124)
Während Dick damit beschäftigt ist, Briefumschläge an Kunden in Schönschrift zu adressieren, damit sie wie unverdächtige Privatpost aussehen, erzählt er zuhause, wie erfolgreich er in der Bank aufsteigt. Obwohl er eher den Betrieb durcheinanderbringt, steigt er durch eine Reihe absurder Missverständnisse tatsächlich auf. Nun muss er noch von zuhause ausziehen, um endlich den Eltern zu entkommen, landet dabei aber in einer ziemlich miesen Gegend, was neue Komplikationen bringt. Alles ist so verfahren, dass Dick ein skrupelloses Alter Ego namens Mobbing Dick entwickelt, das sich endlich alles traut, was Dick als Mutters guter Junge eben nicht tun kann. Auch das gerät natürlich außer Kontrolle und führt direkt in die Katastrophe.

Der Plot ist irrsinnig, die Geschichte übt Gesellschaftskritik nicht nur am Schweizer Bankenwesen, sondern auch an der Schweizer Spießbürgerlichkeit. Alle Charaktere sind satirisch überzeichnet, was auf 300 Seiten manchmal ein bisschen anstrengend wird. Aber das ist mal etwas anderes in der Buchlandschaft. Ob ich es zur Lektüre empfehlen soll, weiß ich nicht so recht. Es ist jedenfalls sehr speziell. Insbesondere am Schluss schießt der Autor aus allen Rohren. Da wurde es mir ein bisschen zu viel. Am Lustigsten ist da noch die Figur der 2-Meter-Hure Cornelle.

Eine Tour de Force durch das wahnsinnige Leben eines paranoiden Muttersöhnchens, das in der Machowelt einer Schweizer Großbank erwachsen werden will. Nur für Leser mit Hang zum Grotesken zu empfehlen.

Mobbing Dick, Tom Zürcher, Salis Verlag, Zürich 2019, 320 Seiten, 24,00 EUR

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