Donnerstag, 23. Januar 2020

Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden, Hédi Fried

Hédi Fried ist eine jüdische Holocaust-Überlebende, die 1924 in Siebenbürgen, damals in Rumänien gelegen, geboren wurde. Sie hat zusammen mit ihrer jüngeren Schwester die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt (1944-45). Der Rest ihrer Familie wurde von den Nazis ermordet.  Nach dem Krieg hat sie in Schweden eine neue Heimat gefunden, wo sie bis heute lebt.

Seit 30 Jahren hält Hédi Fried Vorträge über ihre Erlebnisse in Schulen. Hierbei ermutigt sie die Kinder stets, ihr Fragen zu stellen. Sie betont, dass es keine dummen Fragen gebe, nur Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Die wichtigsten und häufigsten Fragen sowie ihre Antworten darauf hat Hédi Fried in diesem Buch zusammengestellt.

Kinder wagen in ihrer direkten Art manchmal Fragen zu stellen, vor denen Erwachsene zurückschrecken. Zu privat erscheinen sie, um sie einem fremden Menschen zu stellen. Das ist das Erfrischende an diesem Buch. Da gibt es z.B. die Frage, wie es im Lager war, seine Periode zu haben, oder ob es auch nette SS-Soldaten gegeben habe. Die Kinder wollten wissen, ob Hédi Fried nachts im Lager geträumt habe und wie es war, dass sie zusammen mit ihrer Schwester im Lager war. Was war das Schlimmste, das sie erlebt habe, wurde gefragt, und auch, was war das Beste? – Das Beste? Gab es so etwas in einem KZ? Hédi Fried beantwortet geduldig jede dieser Fragen. Die Vermittlung von Faktenwissen ist ihr nicht so wichtig. Sie möchte die Kinder nicht nur im Kopf, sondern in den Herzen erreichen. Sie möchte, dass die Kinder durch ihre Detailfragen wirklich verstehen und sich vorstellen können, wie sich das Leben in einem Konzentrationslager angefühlt hat.

„Kurz gefasst kann man sagen: Es war, als würde man in einer grauen Blase leben. Die Erde war grau vom Staub, die Baracken waren grau, die Gefangenenkleidung war grau, der Himmel war grau von all dem Rauch. Es war ein Leben in der Schwebe. Die Zeit existierte nicht, man wusste nicht, ob man einen Tag, ein Jahr, das ganze Leben dort war.“ (Wie war es, im Lager zu leben?, S. 45)

Das Buch behandelt Fragen nach den Ursachen des Faschismus, der Ankunft im Lager, dem Alltag dort, aber auch nach der Zeit danach, der Aufnahme in Schweden und ob sich Hédi Fried eigentlich als Schwedin fühle. Die Frage nach fortdauerndem Hass gegen die Deutschen wird nicht ausgespart, nach ihrem Umgang mit Neonazis und ihrer Meinung zu heutigen Flüchtlingen. So schlägt das Buch einen weiten Bogen vom frühen Antisemitismus weit vor dem 20. Jahrhundert über die Nazizeit und die Nachkriegsjahre bis heute. Die Antworten sind so formuliert, dass Kinder sie verstehen können. Aber auch für Erwachsene sind sie sehr interessant. Die Autorin erlaubt uns, sie ein wenig kennenzulernen. So ist ihr Buch persönlich und anrührend, ganz ohne Bitterkeit oder Anklage. Man merkt, wie stark die Autorin, die selbst Psychologie studiert hat, sich mit ihren Erlebnissen auseinandergesetzt hat. Sie senkt die Hemmschwelle, über die Details des Holocaust zu sprechen. Und das ist so wichtig.

Ein anschauliches Buch gegen das Vergessen in moderner Form, gut lesbar und anrührend persönlich.

Fragen, die mir zum Holocaust gestellt werden, Hédi Fried, aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann, DuMont Buchverlag, Köln 2019, 160 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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