Mittwoch, 6. November 2019

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, im Oktober 2019 an einer Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek teilzunehmen. Das Frankfurter Haus ist die westdeutsche Dependance der Bibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig hatte ich bereits in einem eigenen Beitrag vorgestellt. Da beide Bibliothekszweige einen einheitlichen Sammelauftrag haben, verweise ich insoweit auf meinen früheren Artikel und berichte an dieser Stelle nur über die Besonderheiten in Frankfurt.

Das Gebäude
Als erstes fällt auf, dass das Frankfurter Gebäude sehr viel jünger ist als der schöne Altbau in Leipzig. Während die Leipziger Bibliothek bereits 1913 mit dem Sammeln begann, wurde das Frankfurter Haus erst als Folge des 2. Weltkriegs (Leipzig lag in der sowjetischen Besatzungszone) im Jahr 1946 gegründet und sammelt Werke ab 1945. Das jetzige Gebäude in der Adickesallee 1 wurde 1997 eröffnet. Zuvor war die Nationalbibliothek ein Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek.

Beim Betreten der Bibliothek fällt zuerst die Eingangshalle mit Glaskuppel auf. Der starke Hall im Foyer war architektonisch nicht geplant und entstand erst durch die nachträglich geplante Abflachung der Glaskuppel. In der Mitte des Raumes, direkt unter der Kuppel, steht eine Skulptur von Georg Baselitz mit dem Namen „AMARLAMOR“. Geschaffen wurde sie mit Axt und Säge, sodann wurde sie mit Stoff bezogen. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben anderer Bildhauer zusammen. (Aus Gründen des Urheberrechts kann ich die Skulptur hier leider nicht zeigen.)

Auf den neun Etagen des Gebäudes, sechs oberirdischen und drei unterirdischen, arbeiten ca. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine ähnlich große Zahl arbeitet am Leipziger Standort. Neben dem Lesesaal, den Büros der MitarbeiterInnen und den (unterirdischen) Archiven befinden sich im Gebäude noch das Deutsche Exilarchiv 1933 - 1945, ein Veranstaltungssaal, ein Konferenzraum sowie ein Café. Zum Schutz vor Wassereinbruch ist das ganze Gebäude in ein Wannensystem mit Abflusskanälen eingebettet. Eine Schicht Eisenerz unter der Bodenplatte dient als zusätzlicher Schutz.

Die Sammlung
Lesesaal
Die beiden Bibliotheksstandorte leisten keine Doppelarbeit. Medienwerke aus den neuen Bundesländern sowie Nordrhein-Westphalen werden nach Leipzig abgeliefert, Werke aus allen anderen Bundesländern gehen nach Frankfurt. Seit 2006 sind Netzpublikationen in den Sammelauftrag der Bibliothek eingeschlossen. Welche Werke zu sammeln sind, bestimmt das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) vom 22.06.2006. Darin geregelt ist auch die Ablieferungspflicht für Medienwerke. Jede gedruckte oder online veröffentlichte Publikation (sowie weitere im Gesetz definierte Medienwerke wie Musiknoten etc.) ab einer Auflage von 25 Stück sind abzuliefern. Diese Pflicht trifft z.B. auch Selfpublisher.

Wichtig ist, dass die Bibliothek Medienwerke ohne Wertung ihrer inhaltlichen Qualität sammelt. Gesammelt wird alles, was erscheint, z.B. auch Comics. Die Bewertung einzelner Werke ist einem ständigen Wandel unterworfen. Wurden Comics früher oft belächelt und nicht als Literatur eingestuft, gibt es heute wissenschaftliche Kreise, die sich nur damit befassen.

Archiv
Die Bibliothek umfasst in Frankfurt und Leipzig zusammen ca. 38 Mio. Medienwerke. Pro Jahr kommen ca. 2 Mio. gedruckte Medien dazu. Pro Tag verarbeiten die Bibliotheken ca. 7.000 Neueingänge, darunter auch eine große Anzahl digitaler Veröffentlichungen. Wie die Leipziger Bibliothek ist auch das Frankfurter Haus eine reine Präsenzbibliothek ohne Ausleihmöglichkeit. Man muss hierzu das gewünschte Werk aus dem Archiv in den Lesesaal bestellen, um damit zu arbeiten. Frankfurt verzeichnet täglich 744 Bestellungen dieser Art, wird also rege genutzt.

Derzeit erscheinen Medienwerke häufig inhaltsgleich als physisches Buch sowie in digitaler Form. Sofern es keine digitale Veröffentlichung gibt, werden die Printwerke in der Bibliothek nicht digitalisiert. Dies geschieht nur, wenn ein gedrucktes Werk bereits Verfallserscheinungen zeigt, die Digitalisierung also für den Erhalt des Werkes notwendig ist. Digitalisiert wird jedoch das Inhaltsverzeichnis jedes einzelnen Werkes. Durch die digitale Verfügbarkeit soll die Katalogsuche erleichtert werden. Oft stellt sich erst bei Einsicht in das Inhaltsverzeichnisses heraus, ob ein Werk nützlich für die eigene Recherche ist und erspart so unnötige Archivbestellungen des körperlichen Werks.

Das Archiv
Besonders interessant fand ich die Begehung der unterirdischen Archivräume. Dort wird die Sammlung bei 50 % Luftfeuchtigkeit und 18˚ C gelagert. Um diese Bedingungen zu erhalten, gibt es Schleusen an den Eingängen zu den Archivräumen. Eine elektrische Buchtransportanlage transportiert Kunststoffwannen, in die die Bücher gelegt werden, über die verschiedenen Ebenen des Gebäudes.

Das Archiv ist natürlich mit Bücherregalen gefüllt. Diese darf man sich jedoch nicht vorstellen wie in einer Leihbibliothek, wo die Bücher nach Themengruppen geordnet sind. Die Lagerung erfolgt in einer sog. chaotischen Aufstellung. Damit ist keine Unordnung gemeint, sondern die Aufstellung nach Jahrgängen und Einlieferungsnummern. Das erste im Jahr 2019 eingelieferte Buch erhält die Nummer 2019/1 usw. So kann es passieren, dass ein Roman von Konsalik neben einem medizinischen Fachbuch zu stehen kommt. Die einzelnen Bücher sind nur über das Katalogsystem auffindbar.

Aus Platzgründen sind nicht alle Regale jederzeit zugänglich, sondern werden auf einem Schienensystem mittels eines Drehrads bewegt, so dass an der gewünschten Stelle ein Abstand zwischen zwei Regalen geschaffen wird, der den Zutritt ermöglicht. Derzeit werden die Bücher zusätzlich teilweise nach Größen geordnet. Dies dient einerseits dem Platzsparen, andererseits der Konservierung der Bücher und der Minimierung der Brandgefahr. Stehen die Bücher aufgrund ihrer ähnlichen Größe eng aneinander, befindet sich zwischen ihnen weniger Sauerstoff, was im Falle eines Feuers günstig ist. Die Verwendung von Metallregalen mit geschlossenen Seitenteilen verringert neben dem Einstauben natürlich auch die Brandgefahr.

Lesesaal

Ich danke der Nationalbibliothek Frankfurt am Main für die interessante Führung sowie die Erlaubnis zur Veröffentlichung meiner Fotos.

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