Donnerstag, 15. August 2019

Die Farbe von Milch, Nell Leyshon

Dieses Buch hat eine eigentümliche Sprache, die es ganz besonders eindringlich macht. Die Erzählerin Mary schreibt ohne Kommata, in einfacher Sprache, reiht die Sätze mit lauter unds aneinander, denn sie erzählt uns die Dinge, wie sie sich ihr darstellen. Sie ist ein einfaches Bauernmädchen ohne Bildung in England 1830/31 und hat mit ihren fünfzehn Jahren gerade erst Schreiben und Lesen gelernt. Der Preis dafür war hoch. Davon berichtet sie.

Mary ist nicht dumm, im Gegenteil. Entgegen aller Schläge und Aufforderungen gehorsam ihre Arbeit zu tun, hat sie ihre eigene Meinung – und traut sich, diese stets laut zu sagen. Durch ihren Scharfsinn legt sie dabei den Finger in manche Wunde, die niemand ausgesprochen wünscht. Doch Mary lässt sich nicht beirren. Sie hat eine Geschichte zu erzählen.

Marys Haar hat die Farbe von Milch. Sie ist die jüngste von vier Schwestern, die bei einem übellaunigen, herrschsüchtigen Vater und einer ihm ergebenen Mutter auf einem Bauernhof leben. Harte körperliche Arbeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang sind ihr Leben. Die Mädchen sollen arbeiten wie Männer – selbst schuld, dass sie keine Söhne sind. Das gilt auch für Mary, die mit einem schlimmen Bein zur Welt gekommen ist. Wegen ihres Handycaps ist sie am leichtesten zu entbehren, als der örtliche Pfarrer den Vater bittet, eine seiner Töchter in seinem Haushalt anstellen zu dürfen. Die Frau des Pfarrers ist schwer krank.

Mary will gar nicht weg aus der ihr bekannten Umgebung des Bauernhofs, lernt dann aber die völlig andere Welt im Pfarrhaushalt kennen. Da gibt es also Leute, die mehr als einen Satz Kleidung haben? Die den Tageslauf mit Uhren messen (die Mary nicht lesen kann), anstatt sich am Sonnenstand zu orientieren, am Knurren des eigenen Magens oder daran, dass es Zeit ist die Kühe zu melken. Wie seltsam. Auch dort nimmt Mary kein Blatt vor den Mund und erklärt ihre einfache und klare Sicht der Dinge.

„Sieht aus als sollte das zurück in die Küche, sagte ich.
Danke. Ich hoffe, es wird dir gut gehen bei uns, Mary.
Ich werd es überleben.
Wie alt bist du?
Vierzehn. Fast fünfzehn.
Und wann hast du Geburtstag?
Im Spätsommer. Mutter war draußen auf dem Feld und es heißt sie hat geschwitzt. Und es war nachdem die Gerste geerntet war.
Und daran macht ihr das fest?
Eine andere Art gibt es ja nicht. Dann werd ich das Tablett jetzt mal mitnehmen.“ (S. 61/61)  

Der Roman beeindruckt durch Marys bestechende Wahrheiten. Sie sieht die Welt so klar, besonders weil sie keine Bildung genossen hat. Sie kennt keine Euphemismen. Sie weiß, wie ein Schwein lebt oder eine Kuh und hält das Menschenleben für nicht viel unterschiedlich. Sie weiß, welche Umstände ihr keine Wahl lassen und benennt diese auch so. Wo sie aber die Möglichkeit sieht selbst zu entscheiden, da tut sie es. Sie ist eine bemerkenswerte Frau, an der die Härte des Landlebens im 19. Jahrhundert und die Unterdrückung der Frauen deutlich werden. Dennoch verliert sie nie ihre Fröhlichkeit und Tatkraft, obwohl ihr Schicksal nicht einfach ist. Sie hat eine natürliche menschliche Wärme und Freundlichkeit, obwohl sie selbst kaum je Freundlichkeit von anderen erfahren hat.

Ein starker Roman, der einen zum Schluss zu Tränen rührt, zuvor aber in Ehrfurcht vor dieser jungen Frau gefangen nimmt. Beeindruckend!

Die Farbe von Milch, Nell Leyshon, aus dem Englischen von Wibke Kuhn, Wilhelm Heyne Verlag, München 2019, 208 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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