Dienstag, 7. Mai 2019

Besuch beim Rowohlt Verlag, 6. Mai 2019

Maskottchen der Rotfuchs-Buchreihe

Im Rahmen der jährlichen Veranstaltungsreihe „Verlage besuchen“, bei der Verlage in Deutschland und der Schweiz Interessierte zu sich einladen, habe ich am 6. Mai 2019 den Rowohlt Verlag in Hamburg besucht. Erst vor wenigen Wochen ist der Verlag von Reinbek in die Hamburger Innenstadt, in das Bieber-Haus nahe des Hauptbahnhofs umgezogen. Der kaufmännische Geschäftsführer des Verlags, Herr Kraus vom Cleff sowie Lektor Dr. Naumann führten eine Gruppe von knapp 30 Personen durch eine der beiden vom Verlag genutzten Etagen. 155 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten für Rowohlt in Hamburg. 

Schon im Empfangsbereich waren ein paar Schätzchen aus der Verlagsgeschichte zu bewundern. Hinter Glas geschützt standen alte Rowohlt-Buchausgaben in diversen Sprachen, die Teil des umfangreichen Verlagsarchivs sind. In unmittelbarer Nachbarschaft waren aktuelle Bücher aus dem Verlagsprogramm aufgereiht. Im ganzen Haus waren wir umgeben von deckenhohen Regalen mit Büchern, Büchern, Büchern (Wohlfühlatmosphäre also). Wie viele Bücher Rowohlt seit seinem Beginn 1908 herausgebracht hat, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Geschätzt sind es etwa 25.000 Titel in einer Auflage von ca. 7 Mio. Büchern.

Anhand alter Wochenschau-Ausschnitte wurde uns die Verlagsgeschichte nahe gebracht. Der Verlag wurde 1908 von Ernst Rowohlt in Dresden gegründet. Das erste von ihm verlegte Buch war ein Gedichtband mit dem Titel „Lieder der Sommernächte“ in einer Auflage von nur 300 Stück. Ernst Rowohlt, im Verlag liebevoll „Väterchen“ genannt, muss eine bemerkenswerte Persönlichkeit gewesen sein. Dr. Naumann berichtete, dass es Rowohlts Marotte gewesen sei, bei geselligen Anlässen zunächst dem Wein zuzusprechen und sodann beherzt in das Weinglas zu beißen und dieses aufzuessen. Nun, die Geschmäcker sind verschieden. Um dem Vater in nichts nachzustehen, entwickelte auch Ernst Rowohlts Sohn, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, seine Eigenart. Er sei dafür bekannt gewesen, auf öffentlichen Veranstaltungen wie etwa der Buchmesse Purzelbäume zu schlagen. Bedauerlicherweise scheinen die Verleger des 21. Jahrhunderts von dieser Sitte abgekommen zu sein, da uns nichts dergleichen bei unserem Besuch vorgeführt wurde. (Möglicherweise aufgrund der Abwesenheit des verlegerischen Geschäftsführers?)

Nachdruck eines Rotationsromans
Das Haus Rowohlt ist bis heute stolz auf die verlegerischen Innovationen, die der Verlag über die Jahrzehnte auf den Weg gebracht hat, etwa die Herausgabe von (preiswerteren) Dünndruckausgaben von Klassikern wie Honoré de Balzac. Nachdem der Verlag unter den Nazis verboten und nach dem 2. Weltkrieg neu gegründet worden war, mangelte es an Materialien für den Buchdruck. Vorhanden war allerdings Zeitungspapier. So kam es zur Herausgabe von „Rowohlts Rotations-Romanen“ (von denen das rororo-Kürzel bis heute geblieben ist). Ein ganzer Roman wurde im Format einer Tageszeitung im Rotationsverfahren (Druck auf rotierenden Papierrollen, der zuvor nur zum Zeitungsdruck genutzt worden war) gedruckt, mit einer Aufalge von je 100.000 Stück. Die Herstellung war derart preiswert, dass ein Roman in den Jahren 1946 bis 1950 für 50 Pfennige in der Buchhandlung verkauft werden konnte und so für viele erschwinglich war. Das Zeitungspapier war natürlich nicht sehr haltbar und zerfledderte bald. Es war sehr schön, mal ein Original dieser legendären Drucke zu sehen – auch wenn wir das fragile Exemplar nicht anfassen durften. Mir gefiel auch der Nachdruck von "Schloss Gripsholm" als Rotationsroman. Der Roman enthält einen (fiktiven) Schriftwechsel zwischen Kurt Tucholsky und Ernst Rowohlt.

Die logische Weiterentwicklung des „Gebrauchsbuchs“, das nicht dazu gedacht war bis in alle Ewigkeit im Bücherschrank aufbewahrt zu werden, war das Taschenbuch. Die Idee dazu brachte Heinrich Maria Ledig-Rowohlt von einer USA-Reise mit, wo es die sog. Pocketbooks schon gab. 1950 brachte Rowohlt als erster deutscher Verlag ein Taschenbuch heraus, und zwar „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fallada. Die Deutschen sind bekanntermaßen bis heute pingelig mit ihren Büchern. So verwundert es nicht, dass sich das Taschenbuch erst durchsetzen musste und von vielen Kunden nicht als „richtiges“ Buch akzeptiert wurde. Damit der Einband nicht zu sehr aus dem Leim ging, wurde der Buchrücken in den ersten Jahren noch durch ein Leinenbändchen verstärkt. Diese Art der Taschenbuchbindung ist heute längst vom Buchmarkt verschwunden. Ich erinnere diese Bände aber vom Bücherregal meiner Großeltern.

Zum Schluss diskutierte die Gruppe mit den Verlagsmitarbeitern über den jetzigen Buchmarkt und die Zukunft des Lesens. Ernst Rowohlt wird mit dem Ausspruch zitiert, „Rowohlt ist erstens ein Verlag und zweitens eine Firma.“ Er wollte seinen Anspruch ausdrücken, dass die Literatur an erster Stelle, die Wirtschaftlichkeit des Verlags erst an zweiter Stelle stehen sollte. Größter Antreiber (manche sagen größtes Ärgernis) des Buchhandels ist derzeit der Online-Riese Amazon. Dieser sieht sich als „Allesverkäufer“ über das Internet, der deshalb mit dem Verkauf von Büchern begann, weil sie robust im Versand und unkompliziert in der Lagerung waren. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich der Buchmarkt heute.

Herr Kraus vom Cleff berichtete, dass Rowohlt 370 neue Titel pro Jahr verlege. Die durchschnittliche Auflage eines Titels wurde mit 2.500 Stück angegeben. Täglich erreichen den Verlag zwischen 20 und 40 unverlangt eingesandte Manuskripte, von denen nur ein winziger Bruchteil angenommen werde. Der Buchmarkt werde schnelllebiger. Ein neuer Titel liege nur ca. 6 Wochen in den Buchhandlungen, bevor die Händler die Remittenden an den Verlag zurück senden. Der Titel bleibe danach zwar jahrelang bestellbar auf der Backlist, sei aber nicht mehr in der Auslage der Buchhandlungen präsent. Die Buchhändler bevorrateten sich für immer kürzere Zeiträume mit Büchern, so dass die Kalkulation der Auflagenstärke immer schwieriger werde. Verkaufe sich ein Titel in den ersten zwei Jahren weniger als 700mal, werde er nur noch einzeln aufgrund einer konkreten Bestellung gedruckt (Book on demand-Verfahren). Das rechne sich im Vergleich zur Vorhaltung eines Lagerbestandes. Werde wegen großer Nachfrage schnell eine neue Auflage eines Titels benötigt, könne diese binnen fünf Werktagen in großer Stückzahl nachgedruckt werden.
Wie viele verkaufte Exemplare einen Titel zum Bestseller machen, ist unterschiedlich. Allgemein spreche man im Falle eines Hardcover Belletristiktitels bei ca. 80.000 Exemplaren von einem Bestseller. Um auf die Spiegel-Bestsellerliste zu kommen, reichten aber auch kleine fünfstellige Zahlen. Vor allem im Weihnachtsgeschäft hätten alle Verlage ihre besten Titel im Rennen, so dass die Konkurrenz besonders groß sei. Zu anderen Jahreszeiten reichten deutlich geringere Verkaufszahlen, um Platz eins der Bestsellerliste zu belegen. Was dazu führt, dass ein Buch derart große Verkaufszahlen bringt, wisse im Vorhinein niemand. Der Verlag erwirtschafte mit 10 % seiner Titel 90 % des Gesamtumsatzes.

Dieser Blick hinter die Kulissen eines Verlags hat mir sehr gefallen, es war sehr informativ. Ich habe nach den Gesprächen keinen Zweifel daran, dass die anwesenden Mitarbeiter des Verlags echte Buchliebhaber sind, die für ihren Beruf und das Lesen brennen. Wie schön, dass sie sich Zeit genommen und die Mühe gemacht haben, uns herum zu führen und die vielen Fragen zu beantworten. Es hat sehr viel Spaß gemacht!
Im Bieber-Haus

Informationen zu der Veranstaltungsreihe gibt es unter https://verlagebesuchen.de. Der Verlag ist im Internet zu finden unter www.rowohlt.de.

Buch-Lady.de steht in keinem geschäftlichen oder sonstigen Verhältnis zu den Veranstaltern von „Verlage besuchen“ oder dem Rowohlt Verlag und haftet nicht für die verlinkten Inhalte. Für diesen redaktionellen Artikel erhält Buch-Lady.de keine Gegenleistung des Verlags.

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