Freitag, 15. Februar 2019

Das Papierhaus, Carlos María Domínguez

Ein Buch ist ein interessantes Ding, zumal wenn es an eine Verstorbene geschickt wird und äußerlich in so merkwürdiger Verfassung ist. Ein Buch ist ferner ein gefährliches Ding, genau genommen lebensgefährlich. Bluma Lennon, Professorin für lateinamerikanische Literatur in Cambridge, verdankt ihren frühen Tod letztlich der Lektüre eines Buches, und zwar „in der Sekunde, als die Literatur und die Welt über dem Körper der guten Bluma ineinanderkrachten“ (S. 11).

Ihr Vertreter an der Universität, ebenfalls Literaturprofessor und unser Erzähler, öffnet deshalb das Päckchen, in dem sich ein merkwürdiges, vor Dreck starrendes Buch mit aufgequollenen Seiten befindet. Es ist schon einmal um die halbe Welt gereist, nur um jetzt zurück nach England zu kommen. Der geheimnisvollen Widmung darin muss der aus Buenos Aires stammende Erzähler einfach nachgehen, dem Andenken an seine geschätzte Kollegin zuliebe, und begibt sich auf eine Reise nach Südamerika. Dort trifft er auf Buchkenner, Buchhändler und Buchverrückte, die ihm bei der Aufklärung der Frage helfen, welchen Weg das Buch genommen hat, wer dessen Absender ist und welche Geschichte dahinter steckt. Allen Charakteren des Buches ist der Glaube daran gemein, dass Bücher das Schicksal von Menschen verändern.

Das Schönste an dieser Erzählung ist ihre Sprache, die einen sofort abtauchen lässt. Die fantasievolle und geistreiche Ausdrucksweise webt den Leser hinein in die kühle Universität in Cambridge, und dann bald in die bunte, lebendige Welt von Buenos Aires und Montevideo. Dabei geht es immer um Literatur und Bücher, welche Freude und Last zugleich sein können. Ergänzt wird der Band durch wenige wohlplatzierte, meist in rot gedruckte Zeichnungen der im Buch auftauchenden Buchmotive.
„‘Ein Buch kann noch so neu sein und sein Papier noch so weiß, im Kerzenlicht wird es von einer Patina überzogen und offenbart Nuancen von großem Reiz. Und erst die Korridore, welch ein Genuss!‘
‚Welche Korridore?‘, fragte ich verwirrt.
‚Sehen Sie, darum rankt sich eine alte Diskussion. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sie dem Talent des Autors oder dem Wert der Ausgabe zuzuschreiben sind. Da gehen die Meinungen auseinander. Aber vielen Lesern genügt es, die Korridore anzuschauen, um zu wissen, ob ein Buch gut ist und eine Lektüre sich lohnt.‘“ (S. 53)

Durch diese Unterhaltung lernt unser Erzähler die Korridore kennen, „die durch die Wortabstände entstehenden vertikalen oder diagonalen Strecken“ (S. 54) auf einer Buchseite. Ob sie von Bedeutung sind, wer weiß? Aber sie machen Freude, ebenso wie das Lesen bei Kerzenschein (natürlich nur wenn das Buch vor der Erfindung des elektrischen Lichts geschrieben wurde) oder die Untermalung der Lektüre durch die passende Musik, die sogar schlechte Prosa aufzuwerten vermag, wie mancher meint. Des Rätsels Lösung fällt da kaum noch ins Gewicht, wenn schon der Weg dorthin so schön geschildert wird.

Eine Erzählung, die uns auf den Flügeln der Imagination zu einer Lesereise fortträgt und in wunderschöner Sprache schwelgen lässt, bis die Kerze herunter gebrannt ist. Schön!

Das Papierhaus, Carlos María Domínguez, aus dem Spanischen von Elisabeth Müller, mit Illustrationen von Jörg Hülsmann, Insel Verlag Berlin 2018, 92 Seiten, 8,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Insel Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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