Sonntag, 27. Januar 2019

Das Mädchen, das in der Metro las, Christine Féret-Fleury


Juliette lebt in Paris und fährt tagein, tagaus mit der Metro zur Arbeit, immer zur selben Zeit mit immer denselben fremden Menschen. Ihr Leben ist eintönig, ihre Einzimmerwohnung schäbig und ihre Arbeit langweilig. Deshalb liest Juliette ständig. Und sie beobachtet die anderen Fahrgäste, die ebenfalls lesen.

Der Roman plätschert zunächst dahin, die Figuren – auch Juliette – erscheinen flach und farblos, doch das ist gewollt. Die Eintönigkeit ihres Lebens trieft aus den Seiten:
„In Juliettes Rücken war die Wand mit den Akten, diese scheußlich gelbe Wand, bei deren Anblick es sie jedes Mal innerlich schüttelte. (…) Ein Stück weiter entfernt, vor den Schaufenstern der Agentur, lag die Straße, Autos fuhren mit leisem Quietschen über den regennassen Asphalt, zu beiden Seiten befanden sich weitere Läden und Hunderte, nein, Tausende von Schachteln, die man Wohnungen nannte, (…) Genau, Tausende und Abertausende Unbekannte, und sie, sie blieb inmitten des Stroms sitzen, der sie unaufhörlich umtoste, und rührte sich nicht, (…) sie würde ausharren, und eines Tages würde sie sterben.“ (S. 79)

Doch Juliette ist nicht abgestumpft, sondern sensibel. Trinkt sie eine duftende Tasse Tee, so steigen vor ihrem inneren Auge Bilder eines orientalischen Marktes auf oder von Blütenfeldern. Sie bemerkt, dass der Mann mit dem grünen Hut in der Metro stets in einem dicken Buch über Insekten liest, nie in einem anderen. Und dass die Frau, die stets dicke Liebesromane liest, immer in Tränen ausbricht, sobald sie auf Seite 247 angelangt ist, bei jedem Buch.

Bei einem kleinen Spaziergang entdeckt Juliette ein altes Tor mit der Aufschrift „Bücher ohne Grenzen“ und lernt Soliman sowie seine Tochter Zaïde kennen. Soliman verlässt nie die alte Lagerhalle, in der so viele Bücher liegen, dass die Stapel ständig umkippen und kaum noch Platz zum Gehen lassen. Er hat eine Mission. Er meint, dass es für jeden Menschen das passende Buch gibt, das ihm gibt, was er gerade braucht, seien es Mut oder Trost, Hilfe oder Wut. Und als Juliette ein Buch mit dem Titel „Das Ende der Normalität“ in die Hände fällt, verändert sich ihr Leben tatsächlich.

Dieser Roman handelt von der Leere, die ein gesichertes, gleichförmiges Leben mit sich bringen kann, und der Angst, die einem die Freiheit und das Leben einjagen können. Aber auch von der Poesie, der Leichtigkeit, der Wucht der Lektüre, dem Genuss des Einatmens von Bücherduft und der Zärtlichkeit, mit der Menschen über eine Buchseite streichen können. Für Buchliebhaber wie Juliette sind Bücher keine leblosen Gegenstände, sie sind selbst Subjekte.
„Juliette hatte vom ersten Tag an begriffen, dass sie außerstande sein würde, unter den Tausenden von Büchern, die Soliman hier angesammelt hatte, eine Auswahl zu treffen. Und so wählte sie, wie zuvor bereits während ihrer ‚Kurierdienste‘ in der Metro, zufällig aus. Man musste nur abwarten. Sich in Geduld üben. Sie konnte den Inhalt der Bücher nicht sehen – in denen es von unzähligen Sätzen und Wörtern wimmelte wie in einem Ameisenhaufen -, doch die Bücher durchschauten sie sehr wohl. Sie setzte sich ihnen mit Haut und Haaren aus. Erregt leichte Beute, ohne Deckung und ohne Instinkt zur Flucht oder Selbstverteidigung, bei Räubern Argwohn? Aber waren die Bücher überhaupt wie kleine Raubtiere, die nur davon träumten, ihren papierenen Käfigen zu entkommen, sich auf sie zu stürzen und sie zu verschlingen?“ (S. 116)

Juliette macht in dem Roman eine Entwicklung durch, jedoch eine leise, langsame und daher glaubhafte. Kein Märchenprinz springt nach der Lektüre eines bestimmten Buches hervor. Sie wagt kleine Umwege von ihren ausgetretenen Pfaden. Nicht ganz realistisch, eher verträumt-märchenhaft.
Es bleibt offen, wie weit sie sich getrauen wird zu gehen.

Freude macht die hochwertige Aufmachung dieses gebundenen Buches aus feinem Papier, das man gern streichelt, mit einem Lesebändchen und großzügiem Satz, der sich leicht lesen lässt. Das mit Büchern geschmückte, zurückhaltende Cover fällt Buchliebhabern gleich ins Auge und lässt auf Gleichgesinnte schließen.

Ein kurzes, verträumtes Buch für trübe Tage. Lesenswert.

Das Mädchen, das in der Metro las, Christine Féret-Fleury, aus dem Französischen von Sylvia Spatz, DuMont Buchverlag Köln 2017, 175 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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