Montag, 21. Januar 2019

Becoming, Michelle Obama

Von Null auf Hundert, so hat sich die Biografie der sympathischen ehemaligen First Lady der USA sofort nach Erscheinen auf die Bestsellerlisten katapultiert. Michelle Obama hat mit ihrer Biographie einen Meilenstein gesetzt. Nie zuvor hat eine Präsidentengattin so authentisch, detailliert und interessant berichtet wie es sich anfühlt, mit zwei kleinen Kindern ins Weiße Haus einzuziehen. Das Buch bietet indes viel mehr als nur Anekdoten über diesen Abschnitt in Michelles Leben, denn mehr als ein Abschnitt unter mehreren waren die acht Jahre der Präsidentschaft ihres Mannes nicht.

Offen strahlt einem Michelle Obama vom Buchcover entgegen. Wer sie schon einmal in Interviews und Fernsehshows hat sprechen hören, erkennt ihre klare und authentische Sprache sofort im Buch wieder. (Dies sei in der deutschen Übersetzung weniger gelungen, hörte ich, habe diese aber nicht selbst gelesen.) Dies ist kein Buch über ihren Mann Barack, auch wenn dessen chaotische Art seine Sachen überall herumliegen zu lassen, durchaus erwähnt wird. Es ist ein Buch über die nicht minder starke Persönlichkeit von Michelle, die weit mehr ist als „die Frau von“.

Unter der Überschrift „Becoming Me“ nimmt Michelle Obama uns mit bis zu den Anfängen und berichtet ausführlich von ihrer Kindheit in der South Side von Chicago. Sie lässt nicht aus, dass Hautfarbe und soziale Herkunft von Beginn an Themen in ihrem Leben waren. Ihre Eltern legten besonderen Wert auf Bildung und sahen diese als Eintrittskarte in eine bessere Zukunft. So berichtet Michelle, sie sei bereits als Kind von anderen farbigen Kindern darauf angesprochen worden, sie spreche ja wie eine Weiße! Gemeint ist die besonders korrekte Aussprache und Grammatik. Die Suche nach Zugehörigkeit durchzieht diese Lebensgeschichte.

Offen erzählt Michelle, dass sie in ihrem Leben von Beginn an mit der Frage kämpfte, „Am I good enough?“. Zuerst in der Schule, dann auf dem College, bis hin zum Einzug ins Weiße Haus. Sie erkannte bald, dass es auf dem Weg zum Erfolg nicht nur um die eigenen Fähigkeiten geht, sondern auch um Förderung und Chancen. Vielen gleichermaßen begabten Kindern und jungen Menschen aus schwarzen Arbeitervierteln gelingt es nicht ihr Potenzial zu entfalten, weil sie auf schlechte Schulen gehen oder man ihnen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft nichts zutraut. Gegen diese Ungerechtigkeit zu kämpfen, hat Michelle sich auf die Fahne geschrieben. Sie selbst bekam von der Collegeberaterin ihrer Schule trotz glänzender Noten zur hören, „I’m not sure that you‘re Princeton material.“. Zum Glück ließ sie sich von dieser niederschmetternden Ansage nicht daran hindern sich dennoch bei dieser Hochschule zu bewerben – und wurde angenommen, ebenso wie später an der elitären Law School der Harvard Universität.

Im Abschnitt „Becoming Us“ tritt Barack Obama auf die Bildfläche, der sich in Michelle verliebte, als diese bereits eine erfolgreiche Rechtsanwältin und er noch Jurastudent war. Sie war seine Mentorin während eines Sommerpraktikums in der Anwaltskanzlei. Michelle beschreibt eine romantische Liebesgeschichte, die bis heute andauert. Barack tritt in ihr Leben, als sie sich auf Sinnsuche befindet. Sie ist unzufrieden mit dem geraden juristischen Karriereweg, wünscht sich eine Arbeit mit mehr Kontakt zu Menschen und möchte gesellschaftlich etwas bewirken. Mehr noch als sie selbst wünscht sich dies indes Barack, der bereits vor der Law School in sozialen Projekten gearbeitet und Erfahrungen an der Basis gemacht hat.

Eindrucksvoll schildet Michelle, wie sie zur Politikerehefrau wider Willen geworden ist. Nachdem die beiden gemeinsamen Kinder geboren sind und sie selbst gern vollschichtig berufstätig bleiben möchte, wünscht sie sich einen präsenten Vater und Ehemann in der Familie. Ihr wird jedoch von Jahr zu Jahr deutlicher, dass es für ihren Mann kein Halten gibt. Er hat eine Vision, die ihn von der Lokal- zur Bundespolitik treibt. Nach erfolgreichen Amtsperioden als Senats- und Kongressabgeordneter ist die Präsidentschaftskampagne der nächste logische Schritt. Dies bedeutet mehr und mehr Einschränkungen für sie, die die Kinder meist allein erzieht und während der länger werdenden beruflichen Abwesenheiten ihres Mannes auf telefonischen Kontakt mit ihm angewiesen ist. Aber sie unterstützt ihn, gibt schließlich mehr und mehr ihre Berufstätigkeit auf und stürzt sich aktiv in seinen Präsidentschaftswahlkampf.

Es ist erfrischend und zuweilen heiter zu lesen, wie Michelle die menschlichen Hürden und Freuden dieser turbulenten Zeiten erlebt hat. Jede Frau kann nachvollziehen, wie sie Beruf und Kinder jongliert und angesichts der politischen Karriere ihres Mannes dennoch nicht auf dessen Anhängsel reduziert werden möchte. Sie ist selbst eine top ausgebildete Akademikerin mit eigener Botschaft, die mit dem „schmutzigen Geschäft der Politik“ eigentlich möglichst wenig zu tun haben möchte. Sie beschreibt die gleichen Schwierigkeiten, mit denen viele Paare kämpfen, wie destruktiven Streit, den sie mithilfe eines Eheberaters entschärfen, eine Fehlgeburt und das Ausbleiben der erwünschten Schwangerschaften bis hin zur Invitrofertilisation. Dies alles zu berichten ist mutig für eine Frau, die jahrelang derart im Rampenlicht und im öffentlichen Interesse gestanden hat. Doch gerade dies ist ihr wichtig, ist ihr ein echtes Anliegen. Sie will Tabus brechen und gesellschaftliche Diskussionen anregen, sowohl zu Familienthemen als auch zur Frage der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen verschiedener Hautfarbe und Frauen im Allgemeinen.

Die Geschichten hinter den Kulissen des Weißen Hauses, auf die man zu diesem Zeitpunkt der Lektüre schon ungeduldig wartet, folgen im Abschnitt „Becoming More“. Michelle berichtet, welche Umstellung es für eine Mutter zweier Kinder bedeutet, wenn man plötzlich aus Sicherheitsgründen kein Fenster mehr öffnen, das eigene Zuhause nicht mehr allein verlassen und Freunden die eigene Handynummer nicht mehr geben kann. Wie begegnet man eigentlich der Queen von England, benimmt sich auf diplomatischem Parkett und wird eine amerikanische Ikone in diesem Job der First Lady, der nirgendwo definiert ist? Die Frage „Am I good enough?“ taucht wieder auf, und auch die Sinnsuche, bei der die ewig optimistische Michelle die nun gewonnene Popularität und Medienaufmerksamkeit für ihre Themen nutzen möchte (z.B. Übergewicht bei Kindern und Unterstützung von amerikanischen Militärfamilien). Diverse der beschriebenen Ereignisse kann man auf YouTube in Videos sehen.

Besonderes Augenmerk richtet Michelle darauf, ihren beiden Töchtern auch im Weißen Haus so viel Normalität wie möglich zu bieten und diese nicht zu überfordern. Was dabei herauskommt, zeigt die folgende Anekdote:
„Surely it was a lot for them to process, but I was learning that each child took in what she could and from her own perspective. Sasha had returned home from our summer travels to start third grade. Walking around her classroom at Sidwell’s parents’ night that fall, I’d come across a short “What I Did on My Summer Vacation” essay she’d authored, hanging alongside those of her classmates on one of the walls. ‘I went to Rome and met the Pope,’ Sasha had written. ‘He was missing part of his thumb.’
I could not tell you what Pope Benedict XVI’s thumb looks like, whether some part of it isn’t there. But we’d taken an observant, matter-of-fact eight-year-old to Rome, Moscow, and Accra, and this is what she’d brought back. Her view of history was, at that point, waist-high.” (S. 351/352)

Das Buch endet mit dem Auszug aus dem Weißen Haus nach der Wahl von Donald Trump. Was Michelle von dem Nachfolger ihres Mannes im Präsidentenamt hält, wird durchaus deutlich, ohne dass dieses Thema viel Aufmerksamkeit bekommt oder der stets respektvolle Ton sich ändert. Das ist sehr gelungen.

Es ist ein mutiges, erfrischendes, aber auch vollgepacktes Buch eines prall gefüllten Lebens. Fotos aus jeder Lebensphase lassen die Geschichte plastisch werden. Michelle Obama hat viel zu sagen und dazu kann man ihr nur gratulieren. Es braucht etwas Zeit die über 400 dicht bedruckten, großen Seiten zu lesen, aber jede einzelne lohnt sich.

Ein phantastisches, hoch relevantes, stets optimistisches Buch, das jede/r lesen sollte!

Becoming, Michelle Obama, Crown Publishing Group New York 2018, 428 Seiten, englischsprachige Ausgabe

Zusatz-Info: Das Buch ist in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Becoming: Meine Geschichte" beim Goldmann Verlag 2018 erschienen, gebundene Ausgabe 26,00 EUR

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