Mittwoch, 22. Juli 2020

Abschiedsfarben, Bernhard Schlink

Mit diesem brandneuen Kurzgeschichtenband liefert Schlink mal wieder gewohnte Qualität ab. Die sieben Geschichten werden durch den roten Faden des Abschiedsthemas zusammengehalten. Eine leise Melancholie durchweht das Buch. Die durchweg männlichen Protagonisten jenseits der siebzig dürften auf der Perspektive des Autors beruhen, der inzwischen selbst 76 Jahre alt ist.

Abschiede können vielfältig im Leben vorkommen. Nicht selten meint Abschied in Schlinks Geschichten jedoch den Tod. Der Tod mag ein punktuelles Ereignis sein, der Abschied ist es nicht. Dieser findet allein im Kopf und im Herzen statt und kann sich über längere Zeit hinziehen. In Schlinks Geschichten treten mit den Erinnerungen an die Vergangenheit nicht selten Lebenslügen oder alte Verletzungen zutage.

In „Künstliche Intelligenz“ stirbt der alte Freund und Weggefährte Andreas, ohne dass der Protagonist ihm das eine gesagt hat, was er getan hat. War es wichtig? Hat er nicht nur im Sinne des Freundes gehandelt, so dass der Freund es verstanden hätte?

 „Von meinem Freund Andreas wollte ich gar nicht Abschied nehmen. (…) Auch er war nach seinem Tod nicht anders in meinem Leben als davor; auch mit ihm blieb ich im Zwiegespräch, als gelte es nur, eine Weile zu überbrücken, bis wir uns wiedersähen. Und während ich, als Andreas lebte, Angst hatte, unsere Freundschaft könnte plötzlich einer Belastung ausgesetzt werden, war das Zwiegespräch mit dem toten Andreas angstfrei.“ (Künstliche Intelligenz, S. 9/10)

Um die väterliche Freundschaft zur Tochter eines Freundes geht es in „Picknick mit Anna“. Er hat Anna aufwachsen sehen. Aber als sie eine junge Frau geworden war, liebte sie es, zu provozieren. Nein, nicht was Ihr jetzt denkt! Die Geschichte geht plötzlich in eine ganz unerwartete Richtung.

Den „Sommer auf der Insel“ verlebte der inzwischen gealterte Mann 1957 allein mit seiner Mutter, als er elf Jahre alt war. Er erinnert sich daran, dass er noch nie zuvor allein mit seiner Mutter verreist gewesen war und nun neue Seiten an ihr entdeckt hatte. Auch die Bekanntschaft mit einer anderen Familie am Urlaubsort bringt viel Neues für den Jungen. Erst nach dem Tod der Mutter kann er die Erlebnisse richtig einordnen.

„Geschwistermusik“ zeigt eine seltsame Dreiecksgeschichte auf, zwischen Susanne und ihrem behinderten Bruder Eduard und Philip, der in Susanne verliebt ist, aber auch Eduards Freund wird. Eines Tages gibt es einen abrupten Bruch, sehr viel später ein Wiedersehen, durch das Philip die Konstellation erst durchschaut.

Man sieht, es geht um eine Fülle von Beziehungen und Abschiede unterschiedlicher Couleur. Jede einzelne Geschichte ist sehr dicht erzählt. Es gelingt Schlink – wie so oft in seinen Kurzgeschichten – mit wenigen Worten das Setting zu umreißen und eine Stimmung zu erzeugen. Das Ausgangsszenario macht bereits Spaß beim Lesen. Dann jedoch merkt der Leser, dass er auf eine falsche Fährte gelockt wurde und der Clou in einer ganz anderen Richtung liegt. Es sind keine Kleinigkeiten, die sich offenbaren. Ihnen ist gemeinsam, dass es in der Regel zu spät ist, sie wiedergutzumachen. Man muss einfach damit leben, wie die Dinge gewesen sind. Deshalb haben die Geschichten Wucht und Schwere. Ich musste nach jeder eine Pause machen um sie zu verdauen. Fast jede würde auch genug Material für einen Roman abgeben. Durch die kurze Form sind Inhalt und Emotionen so dicht und ergreifend. Mein einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass die männlichen Hauptpersonen alle dem gleichen Typ „intellektueller Bildungsbürger“ angehören, vielleicht weil dieser Typ dem Autor am nächsten ist? Die Protagonisten hätten für mich unterschiedlicher sein dürfen. Allerdings sind die Ereignisse in allen Geschichten sehr verschieden und Schlinks großartige Erzählkunst hat mich bei jeder einzelnen gefangen genommen.

Großartige Erzählungen mit wehmütiger Färbung, nicht immer leicht zu verdauen, mit berührender Tiefe. Wieder ein typischer Schlink, der kann’s einfach.

Abschiedsfarben, Bernhard Schlink, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 240 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)


Zusatz-Info:

Weitere Kurzgeschichten von Bernhard Schlink habe ich hier rezensiert:

Liebesfluchten

Sommerlügen

Freitag, 17. Juli 2020

Writers & Lovers, Lily King

Es ist kein Geheimnis, dass die Literatur-Kanones überwiegend Literatur von männlichen Autoren enthalten. Von diversen Männern sind uns Bücher bekannt, in denen es um das Ringen eines Schriftstellers mit seinem Schreiben geht, vor allem in der Phase, in der ein Autor noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hat. Was aber ist mit den weiblichen Autoren? Gehen sie anders mit dem Schreibprozess um? Wo sind die Vorbilder für schreibende Frauen?

Genau diese Frage hat sich die inzwischen mehrfach preisgekrönte Lily King gestellt. Da sie sich auf der Suche nach Vorbildern schwertat, hat sie beschlossen, das Buch selbst zu schreiben, das sie in jüngeren Jahren gern gelesen hätte. Das Ergebnis ist „Writers & Lovers“, in das offenbar viel autobiografisches Material der 1963 geborenen amerikanischen Autorin eingeflossen ist.

Casey Kasem ist 31 Jahre alt und in ihrem Leben läuft gerade so einiges nicht rund. Sie arbeitet seit sechs Jahren an ihrem ersten Roman, verdient ihren bescheidenen Lebensunterhalt in Boston durch Doppelschichten als Kellnerin und lebt in einem winzigen Zimmer, das eher ein Schuppen ist, zur Untermiete. Mehr kann sie sich nicht leisten, denn nachdem sie ihren Master in Creative Writing abgeschlossen hat, belaufen sich die Schulden aus diversen Studienkrediten auf 73.000 Dollar. Nachdem kürzlich ihre Mutter verstorben ist, hat sie nun auch noch ihr Freund Luke verlassen.

Casey ist an einem Scheideweg angekommen. Soll sie es machen wie so viele ihrer Collegefreundinnen, einfach das Schreiben sein lassen, sich einen lukrativen Job suchen oder heiraten und Kinder bekommen? Aber wen könnte sie heiraten? Luke ist nur einer in einer langen Reihe von Schriftstellern, mit denen Casey zusammen war und mit denen nichts Verbindliches auf Dauer zustande gekommen ist. Da tauchen zwei neue Bekanntschaften in ihrem Leben auf, zwei sehr verschiedene Männer, die sehr unterschiedliche Perspektiven aufzeigen.

Im Zentrum steht für Casey aber eigentlich die Arbeit an ihrem Roman. Sie wird von Selbstzweifeln und Schreibblockaden geplagt, bekommt den Text nicht fertig und wagt nicht, ihn jemandem zu zeigen. Ist sie überhaupt eine Schriftstellerin, wenn sie noch nichts veröffentlicht hat außer einer kleinen Kurzgeschichte? Hat sie etwas zu sagen, das sich zu lesen lohnt? Oder vergeudet sie ihr Leben an eine Spinnerei?

„Und?“, sagt er, bevor ich zu weit von ihm weggelangen kann, „was macht der Roman?“ Er sagt es, als wäre das Wort meine Privaterfindung. (…)

„Geht so.“ In meiner Brust fangen die Bienen zu summen an. Ein paar krabbeln an der Innenseite meines Arms hinab. Ein kurzes Gespräch kann meinen ganzen Morgen aus den Angeln heben. „Ich muss mich gleich nochmal dransetzen. Nicht viel Zeit heute. Doppelschicht.“ (…)

„Weißt du“, er stößt sich von seinem Auto ab, wartet, bis er meine volle Aufmerksamkeit hat, „ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.“ (S. 7/8)

Neben der Trennung von Luke, den Mahnschreiben der Inkassobüros und dem stressigen Kellnerjob muss Casey die Trauer um ihre Mutter verarbeiten. Immer wieder kommen Erinnerungen an Verletzungen aus ihrer Familie in ihr hoch, an den ehrgeizigen Vater und die weltoffene Mutter, die einst sehr plötzlich aus Caseys Leben verschwand, von ihr aber sehr geliebt wird.

Casey ist eine Frau mit vielen Facetten, was das bunte Cover sehr treffend illustriert. Wie in einem Prisma scheinen unterschiedliche Talente, Gefühle und Wünsche in ihr auf, die sich manchmal schwer vereinen lassen. Auf ihrem Weg des Romanschreibens merkt Casey, dass sie nur authentisch schreiben kann, wenn sie sich ihren Gefühlen stellt und auch die schlimmsten davon an sich heranlässt. Denn dann kann sie all diese in Ihr Schreiben fließen lassen. Es hat mir Spaß gemacht, Casey auf diesem Weg zu begleiten, durch ihre Verzweiflung, erschütternde Panikattacken, durch elektrisierende Rendezvous und Liebe. Sie bleibt sich selber treu und gibt nicht auf, das ist das Schöne an der Geschichte. Die Autorin macht Caseys Erleben körperlich spürbar, die aufsteigenden Tränen, die Leere, aber auch echte Zuneigung. Ich kann mich jetzt besser in den Schreibprozess hineinversetzen und nachvollziehen, wie anstrengend er sein muss. Insgesamt ein sehr lohnender Roman, dessen Sprache mir sehr gefällt.

Eine Frau voller widerstreitender Gefühle kämpft um ihren Roman, um ein Stück ihrer Selbst und die Anerkennung ihres Tuns. Gleichzeitig ringt sie um den Frieden mit ihrer Vergangenheit. Ein Kaleidoskop des Lebens einer Schriftstellerin.

Writers & Lovers, Lily King, aus dem Englischen von Sabine Roth, C.H.Beck Verlag, München 2020, 319 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 11. Juli 2020

Emil und die Detektive, Comic von Isabel Kreitz, Text von Erich Kästner

Wer hätte gedacht, dass Kästners „Emil und die Detektive“ schon über 90 Jahre alt ist? Erstmals veröffentlicht wurde es 1929 mit Illustrationen von Walter Trier. Bis heute ist das Buch nicht totzukriegen und kommt jetzt im neuen Gewand daher – als Comic oder Graphic Novel, wie man Neudeutsch sagt.

Die Geschichte kennt Ihr sicher alle. Der Realschüler Emil Tischbein aus Neustadt fährt in seinem besten Anzug mit dem Zug nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. Er soll Geld für die Großmutter überbringen. Damit er es nicht verliert, steckt er es mit einer Stecknadel in der Innentasche seiner Jacke im Futter fest. Dennoch wird es von dem Mann mit dem steifen Hut gestohlen. Mit Hilfe einer Horde Berliner Kinder gelingt es Emil jedoch, den Dieb in die Enge zu treiben und sein Geld wiederzubekommen.

Das Schönste sind die Charaktere der Geschichte und ihre herrlichen Namen. Da gibt es Gustav mit der Hupe, den kleinen Dienstag und Emils Cousine Pony Hütchen. Auch die Erwachsenen sind schwer in Ordnung, etwa Emils hart schuftende Mutter oder die quietschfidele Großmutter. Zu diesen Helden des Alltags passt ihre sympathische Berliner Schnauze, echt knorke. Das alles wird zusammengehalten durch Erich Kästners sehr eigene Schreibe. Er wendet sich vor Beginn der eigentlichen Geschichte direkt an die jungen Leser und berichtet, warum er ausgerechnet diese Geschichte über lauter ganz alltägliche Leute geschrieben hat und nicht die Südsee-Geschichte, die ihm eigentlich vorschwebte.

Es ist Isabel Kreitz gelungen, die Essenz der Geschichte herauszufiltern. Für die Comic-Adaption musste der Text natürlich stark verkürzt werden (der Roman hat ca. 170 Seiten, der Comic 112). Was dringeblieben ist, stimmt meist wörtlich mit Kästners Original überein. Das meiste erzählen natürlich die durchweg farbigen Bilder (Triers Illustrationen des Originals waren schwarz-weiß), manchmal auch ganz ohne Sprechblasen. Die Personen sind wunderbar getroffen. Die Jungs tragen Schiebermützen und kurze Hosen, die flanierenden Damen die typischen Glockenhüte der Zeit. Das Berlin der 1920er Jahre zeigt sich mit einem Straßenbahnschaffner, der persönlich im Wagen die Billetts verkauft und der Tatsache, dass nicht jeder einen Telefonanschluss hat, so dass alle beim „Verbindungsmann“, dem kleinen Dienstag anrufen müssen, um sich in der Stadt wiederzufinden.

Isabel Kreitz, die 1997 den Deutschen Comic-Preis gewonnen hat, hat noch weitere Kästner-Bücher zu Graphic Novels umgestaltet, darunter „Das doppelte Lottchen“ sowie „Pünktchen und Anton“. Aber bevor ich mir die vornehme, muss ich die Romanvorlage von Emil und den Detektiven noch einmal ganz lesen. Bin gerade so schön in Stimmung.

Erich Kästner hätte seine Freude gehabt an diesem Comic, in dem nicht ein Wort an der Geschichte fehlt und die Illustrationen den Humor des Autors zugleich authentisch und zeitlos wiedergeben.

Emil und die Detektive, Comic von Isabel Kreitz, Text von Erich Kästner, Dressler Verlag, Hamburg und Atrium Verlag, Zürich, 2012, 112 Seiten, 16,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...