Mittwoch, 6. November 2019

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, im Oktober 2019 an einer Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek teilzunehmen. Das Frankfurter Haus ist die westdeutsche Dependance der Bibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig hatte ich bereits in einem eigenen Beitrag vorgestellt. Da beide Bibliothekszweige einen einheitlichen Sammelauftrag haben, verweise ich insoweit auf meinen früheren Artikel und berichte an dieser Stelle nur über die Besonderheiten in Frankfurt.

Das Gebäude
Als erstes fällt auf, dass das Frankfurter Gebäude sehr viel jünger ist als der schöne Altbau in Leipzig. Während die Leipziger Bibliothek bereits 1913 mit dem Sammeln begann, wurde das Frankfurter Haus erst als Folge des 2. Weltkriegs (Leipzig lag in der sowjetischen Besatzungszone) im Jahr 1946 gegründet und sammelt Werke ab 1945. Das jetzige Gebäude in der Adickesallee 1 wurde 1997 eröffnet. Zuvor war die Nationalbibliothek ein Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek.

Beim Betreten der Bibliothek fällt zuerst die Eingangshalle mit Glaskuppel auf. Der starke Hall im Foyer war architektonisch nicht geplant und entstand erst durch die nachträglich geplante Abflachung der Glaskuppel. In der Mitte des Raumes, direkt unter der Kuppel, steht eine Skulptur von Georg Baselitz mit dem Namen „AMARLAMOR“. Geschaffen wurde sie mit Axt und Säge, sodann wurde sie mit Stoff bezogen. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben anderer Bildhauer zusammen. (Aus Gründen des Urheberrechts kann ich die Skulptur hier leider nicht zeigen.)

Auf den neun Etagen des Gebäudes, sechs oberirdischen und drei unterirdischen, arbeiten ca. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine ähnlich große Zahl arbeitet am Leipziger Standort. Neben dem Lesesaal, den Büros der MitarbeiterInnen und den (unterirdischen) Archiven befinden sich im Gebäude noch das Deutsche Exilarchiv 1933 - 1945, ein Veranstaltungssaal, ein Konferenzraum sowie ein Café. Zum Schutz vor Wassereinbruch ist das ganze Gebäude in ein Wannensystem mit Abflusskanälen eingebettet. Eine Schicht Eisenerz unter der Bodenplatte dient als zusätzlicher Schutz.

Die Sammlung
Lesesaal
Die beiden Bibliotheksstandorte leisten keine Doppelarbeit. Medienwerke aus den neuen Bundesländern sowie Nordrhein-Westphalen werden nach Leipzig abgeliefert, Werke aus allen anderen Bundesländern gehen nach Frankfurt. Seit 2006 sind Netzpublikationen in den Sammelauftrag der Bibliothek eingeschlossen. Welche Werke zu sammeln sind, bestimmt das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) vom 22.06.2006. Darin geregelt ist auch die Ablieferungspflicht für Medienwerke. Jede gedruckte oder online veröffentlichte Publikation (sowie weitere im Gesetz definierte Medienwerke wie Musiknoten etc.) ab einer Auflage von 25 Stück sind abzuliefern. Diese Pflicht trifft z.B. auch Selfpublisher.

Wichtig ist, dass die Bibliothek Medienwerke ohne Wertung ihrer inhaltlichen Qualität sammelt. Gesammelt wird alles, was erscheint, z.B. auch Comics. Die Bewertung einzelner Werke ist einem ständigen Wandel unterworfen. Wurden Comics früher oft belächelt und nicht als Literatur eingestuft, gibt es heute wissenschaftliche Kreise, die sich nur damit befassen.

Archiv
Die Bibliothek umfasst in Frankfurt und Leipzig zusammen ca. 38 Mio. Medienwerke. Pro Jahr kommen ca. 2 Mio. gedruckte Medien dazu. Pro Tag verarbeiten die Bibliotheken ca. 7.000 Neueingänge, darunter auch eine große Anzahl digitaler Veröffentlichungen. Wie die Leipziger Bibliothek ist auch das Frankfurter Haus eine reine Präsenzbibliothek ohne Ausleihmöglichkeit. Man muss hierzu das gewünschte Werk aus dem Archiv in den Lesesaal bestellen, um damit zu arbeiten. Frankfurt verzeichnet täglich 744 Bestellungen dieser Art, wird also rege genutzt.

Derzeit erscheinen Medienwerke häufig inhaltsgleich als physisches Buch sowie in digitaler Form. Sofern es keine digitale Veröffentlichung gibt, werden die Printwerke in der Bibliothek nicht digitalisiert. Dies geschieht nur, wenn ein gedrucktes Werk bereits Verfallserscheinungen zeigt, die Digitalisierung also für den Erhalt des Werkes notwendig ist. Digitalisiert wird jedoch das Inhaltsverzeichnis jedes einzelnen Werkes. Durch die digitale Verfügbarkeit soll die Katalogsuche erleichtert werden. Oft stellt sich erst bei Einsicht in das Inhaltsverzeichnisses heraus, ob ein Werk nützlich für die eigene Recherche ist und erspart so unnötige Archivbestellungen des körperlichen Werks.

Das Archiv
Besonders interessant fand ich die Begehung der unterirdischen Archivräume. Dort wird die Sammlung bei 50 % Luftfeuchtigkeit und 18˚ C gelagert. Um diese Bedingungen zu erhalten, gibt es Schleusen an den Eingängen zu den Archivräumen. Eine elektrische Buchtransportanlage transportiert Kunststoffwannen, in die die Bücher gelegt werden, über die verschiedenen Ebenen des Gebäudes.

Das Archiv ist natürlich mit Bücherregalen gefüllt. Diese darf man sich jedoch nicht vorstellen wie in einer Leihbibliothek, wo die Bücher nach Themengruppen geordnet sind. Die Lagerung erfolgt in einer sog. chaotischen Aufstellung. Damit ist keine Unordnung gemeint, sondern die Aufstellung nach Jahrgängen und Einlieferungsnummern. Das erste im Jahr 2019 eingelieferte Buch erhält die Nummer 2019/1 usw. So kann es passieren, dass ein Roman von Konsalik neben einem medizinischen Fachbuch zu stehen kommt. Die einzelnen Bücher sind nur über das Katalogsystem auffindbar.

Aus Platzgründen sind nicht alle Regale jederzeit zugänglich, sondern werden auf einem Schienensystem mittels eines Drehrads bewegt, so dass an der gewünschten Stelle ein Abstand zwischen zwei Regalen geschaffen wird, der den Zutritt ermöglicht. Derzeit werden die Bücher zusätzlich teilweise nach Größen geordnet. Dies dient einerseits dem Platzsparen, andererseits der Konservierung der Bücher und der Minimierung der Brandgefahr. Stehen die Bücher aufgrund ihrer ähnlichen Größe eng aneinander, befindet sich zwischen ihnen weniger Sauerstoff, was im Falle eines Feuers günstig ist. Die Verwendung von Metallregalen mit geschlossenen Seitenteilen verringert neben dem Einstauben natürlich auch die Brandgefahr.

Lesesaal

Ich danke der Nationalbibliothek Frankfurt am Main für die interessante Führung sowie die Erlaubnis zur Veröffentlichung meiner Fotos.

Dienstag, 5. November 2019

Vaterschaftstest, Markus Behr

Fabian, Mitte dreißig und Lehrer, ist schon ein bisschen verklemmt. Und schüchtern. So schüchtern, dass er in seinem Alter noch Jungfrau ist. Er macht sich immer viele Gedanken, über alles und jedes. Oft führt das dazu, dass er das, worüber er nachdenkt dann lieber doch nicht tut. Zu peinlich, zu unsicher. Mit Hilfe seiner Therapeutin versucht Fabian nachzuspüren, welche Aktivitäten angenehm und welche unangenehm sind. Das ist manchmal gar nicht so leicht. Körperkontakt zum Beispiel ist ja gar nicht so einfach, da muss Fabian erst mal auf einer Kuschelparty üben gehen.
„Sie setzten sich hin, ohne zu reden oder sich anzusehen.
„Darf ich dich berühren?, fragte Fabian. Er sprach leise, als würde das die Verfänglichkeit der Frage verringern.
„Vielleicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ach nein. Also, ich meine: Ja.“ (…)
Sie legten sich nebeneinander auf die Seite. Die Frau lächelte nicht, aber sie sah auch nicht widerwillig aus. Fabian begann, ihr über den rechten Arm zu streicheln, von der Schulter zur Hand und wieder zurück. Sie hielt die Augen geschlossen. Versuchte sie sich vorzustellen, er wäre jemand anders? Fabian strich über ihren Bauch. Wie lang blieb man bei einem Körperteil? Wenn er zu lange streichelte, fand sie ihn dann aufdringlich? Wenn er zu kurz streichelte, war es dann beleidigend?“ (S. 110)

Aus heiterem Himmel bekommt Fabian einen Anruf von zwei kichernden 16-jährigen Mädchen, Zwillingen. Sie wollen ihn treffen, sie hätten ihm etwas zu sagen. Und ehe er sich’s versieht, ist er mit den beiden zum Eis essen verabredet, obwohl er keine Ahnung hat, wer sie sind. Fabian ist sehr erstaunt, als die Mädchen ihm einen Zettel zuschieben mit der Aufschrift „Sie sind unser Vater“. Wie soll das denn zugegangen sein?! Er kann sich an nichts erinnern! Aber wenn es ihre Mutter doch sagt? An die kann Fabian sich auch nicht erinnern. Aber so ganz auszuschließen ist ja wenig im Leben…

Die Zwillinge sind ja irgendwie ganz nett. Und Fabian ist ein bisschen einsam. Wäre es nicht vielleicht sogar ganz schön, wenn er vielleicht ihr Vater …? Erstmal weiter zuhören, fragen, nachforschen, denkt sich Fabian, man hat ja Verantwortung. Oder sollen sie einen DNA-Test machen?

Fabian ist so ängstlich, verschroben und fast schon sozial phobisch, dass ich mich besonders am Anfang des Buches ständig fremdgeschämt habe. Interessant ist, wie er es im Laufe der Geschichte schafft, immer wieder über seine sozialen Ängste hinwegzukommen. Schließlich will er die Dinge klären, und das geht nur im Kontakt mit Menschen. Natürlich möchte man ihm ständig zurufen, „frag endlich!“ oder „tu das!“. Aber es ist auch ganz rührend, wie er seine Sehnsucht nach einer eigenen Familie in dieser seltsamen Konstellation zu verwirklichen sucht. Ist es denn wirklich so wichtig, ob er wirklich der Vater ist, wenn man sich doch gegenseitig mag?

Ein verrückter Plot für eine klemmige Geschichte, vor allem in der zweiten Hälfte ganz amüsant.

Vaterschaftstest, Markus Behr, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 192 Seiten, 12,90 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Montag, 4. November 2019

Hertzmann’s Coffee, Vanessa F. Fogel

Wir befinden uns in New York City, in einem vornehmen Apartmenthaus mit Blick auf den Central Park. Yankele und Dora Hertzmann, beide Mitte achtzig, sitzen dort und lesen die Zeitung. Yankele kauft jeden Morgen zwei Exemplare, für jeden eine. Ihr Leben könnte wunderschön sein. Sie haben in ihrem Leben eine gutgehende Kaffeefirma aufgebaut und verkaufen in alle Welt. Ihre vier Kinder sind längst Teilhaber.

Aber die Idylle trügt. Es gibt Streit in der jüdischen Familie. Yankele überlegt verzweifelt, was er falsch gemacht hat, da er es nicht hat verhindern können. Hat er die Kinder falsch erzogen, ihnen nicht den Wert der Familie beigebracht? Und hat er ihnen nicht alles gegeben, was sie für ein sorgenfreies Leben brauchen? Die Firma, die er mit Dora aufgebaut hat, könnte sie alle gut ernähren. Warum nur? Und was ist zu tun?


Yankele und Dora sind seit über sechzig Jahren verheiratet und einander von Herzen gut. Früher lebten sie noch in Berlin. Nach dem schrecklichen Krieg haben sie sich kennengelernt. Sie wollten eine Familie gründen, denn ihre bisherigen Familien waren ausgelöscht worden. Darüber wollen sie nie wieder sprechen. Nur die Zukunft ist wichtig. Während einer Familienfeier kommt es zum Eklat. Yankele weiß nicht warum. Ein Gespräch scheint nicht möglich. Schließlich kommt er auf eine sehr moderne Idee, nachdem er ein Elektronikfachgeschäft aufgesucht hat. Ob das hilft?

„Ich holte tief Luft und murmelte: Gam zu le'toyveh. Auch das wird zum Guten sein. Gam zu le'toyveh. Es muss so sein, dachte ich und spürte, wie neue Hoffnung aufkam und sich in mir ausbreitete wie Milch, die man in eine Tasse Kaffee gießt. Sanft und vielversprechend.“ (S. 119)

Dieser spannende und ergreifende Roman schildert familiäre Beziehungen auf allen Ebenen, die zwischen Geschwistern, Eltern und Kindern und zwischen Eheleuten. Die Konflikte betreffen alle Generationen. Gerade mit denen, die einem am nächsten stehen, gelingen Gespräch, Nähe und Versöhnung oft am wenigsten. Jeder hat Verletzungen und hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen, damit zu leben. Der Weg ist nicht für alle der gleiche.

Die Geschichte setzt sich nach und nach aus Bruchstücken zusammen. Vieles bleibt zunächst unverständlich, viele Antworten bleibt der Roman bis zum Schluss schuldig. Liebevoll werden die Charaktere Yankele und Dora ausgearbeitet, mit ihren Schrullen, Wünschen und Ansichten. Der Duft des Kaffeeimperiums ist allgegenwärtig und steigt aus den Seiten empor. Er vermischt sich mit dem Geruch des alten Europa, auch wenn niemand dies ausspricht. Viel bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, gerade an dem – für mich unbefriedigenden – Ende. Der Roman ist an einigen Stellen atmosphärisch dicht, an anderen episodenhaft brüchig, eine spannende Mischung aus unterschiedlichen Erzählweisen.

Ein anrührender Familienroman, in dem jeder sich erkennen wird, der eine Familie hat oder aus einer stammt. Große, generationenübergreifende Konflikte, auf knappem Raum erzählt. Ein tolles Buch!

Hertzmann’s Coffee, Vanessa F. Fogel, aus dem Amerikanischen von Eva Bonné unter Mitarbeit von Vanessa F. Fogel, btb Verlag, Random House Gruppe, München 2015, 320 Seiten, 10,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 3. November 2019

Die Letzten ihrer Art, Maja Lunde

Punktgenau zur Buchmesse ist Maja Lundes dritter Umweltroman erschienen, den sie im Rahmen des Norwegischen Ehrengastprogramms präsentieren konnte. Nach Bienen und Wasser widmet sich der dritte Teil des Umweltquartetts nun dem Artensterben. Konkret geht es um die Erhaltung des Takhi oder Prewalski-Pferdes, einer mongolischen Wildpferderasse. Es handelt sich dabei um eine Art Ur-Pferd, eine nicht zähmbare Rasse, die für den Menschen also keinen Nutzen als Reit- oder Nutztier hat.


Wie schon in „Die Geschichte der Bienen“ werden parallel drei Geschichten von drei (bzw. vier) Personen in drei Epochen erzählt. Der russische Zoologe Michail erfährt 1881 in St. Petersburg, dass es in der mongolischen Steppe angeblich noch Wildpferde gebe, obwohl man diese für seit tausenden von Jahren ausgestorben gehalten hatte. Er ist fasziniert von der Idee, diese verschollene Art in Tiergärten sichtbar zu machen und durch Züchtung zu vermehren. Er plant eine Expedition in die Mongolei, um dort Tiere zu fangen und nach Europa zu bringen. Er bittet den deutschen Zoologen Wilhelm Wolff um Hilfe, der Erfahrung mit derart exotischen Expeditionen hat. (Die Figur des Wolff wurde inspiriert von Carl Hagenbeck, dem Gründer des Hamburger Tierparks Hagenbeck.)

Die deutsche Tierärztin Karin betreibt ein Zuchtprogramm für mongolische Wildpferde in Frankreich. Im Jahr 1992 bringt sie eine kleine Herde davon in die Mongolei, um sie dort wieder auszuwildern. Sie wird von ihrem Sohn Mathias dorthin begleitet und vor Ort unterstützt von dem Mongolen Jochi. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist nicht einfach. Welche Rolle Jochi in menschlicher Hinsicht für Karin spielt, ist zunächst unklar.

In der Zukunft, im Jahr 2064 lebt Eva in Süd-Norwegen auf dem Familienbauernhof. Dieser beherbergte einst auch Wildtiergehege, die Eva nach dem Klimakollaps aber größtenteils aufgeben musste. Sie hat genug damit zu tun, sich und ihre 14jährige Tochter Isa (die teilweise miterzählt) zu ernähren. Sie konnte hauptsächlich Nutztiere wie Kühe und Ziegen behalten, da sie Milch und Fleisch geben, hat sich aber auch von ihren beiden mongolischen Wildpferden noch nicht trennen können. Die Art der Wildpferde ist akut bedroht, Eva möchte sie erhalten. In diesem Erzählstrang begegnen wir einer Figur aus dem Band „Die Geschichte des Wassers“ wieder.

Den drei Geschichten ist gemeinsam, dass es stets um einen Existenzkampf geht. Bereits 1881 gelten die Wildpferde als ausgestorben, so dass Menschen sich für die Erhaltung dieser Art einsetzen. Die Notwendigkeit des menschlichen Eingreifens bleibt bis 2064 erhalten. Es sind aber nicht nur die Tiere, die um ihr Überleben kämpfen. Zwei Erzählstränge spielen hauptsächlich in der mongolischen Steppe oder auf dem Weg dorthin. Die Mongolei ist ein unwirtliches Land, in dem kaum Pflanzen wachsen und den größten Teil des Jahres große Kälte herrscht. Mit der Ausrüstung des 19. Jahrhunderts fällt es Menschen schwer, dort zu überleben, die dort nicht geboren wurden. Aber auch über einhundert Jahre später sind -40 Grad keine Freude und erschweren Leben und Arbeit der Menschen. Noch schwerer aber haben es die Menschen in der Zukunft nach dem Klimakollaps. Städte und Kraftwerke sind zerstört, funktionierende Staatsregierungen und öffentliches Leben gibt es nicht mehr, Menschen stehlen einander die letzten Nahrungsmittel und sind permanent auf der Flucht, auf der Suche nach Nahrung und Lebensraum.

Zusätzlich zum äußeren Kampf hat jede der drei Geschichten einen menschlichen Konflikt zum Gegenstand. Die Erzähler kämpfen mit einem Teil ihrer eigenen Persönlichkeit, eigenem menschlichen Versagen oder den Beziehungen zu ihnen nahestehenden Menschen. Alle wachsen im Laufe der Geschichte und offenbaren Teile ihrer Vergangenheit, die zu den heutigen Konflikten beigetragen haben.

„Wolff war der Beste auf seinem Gebiet. Mein Respekt vor ihm wuchs mit jeder Geschichte, die ich las, und jetzt stand ich also im Briefwechsel mit ihm … mit ihm. Obwohl ich diese Korrespondenz unsagbar schätzte und mich auf jeden seiner Briefe diebisch freute, reichte das allein nicht aus. Der finanzielle Druck stieg von Tag zu Tag.
Zu guter Letzt, ein halbes Jahr nachdem ich den Schädel in Poljakows Büro gesehen und die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, erhielt ich einen Brief, dessen Inhalt die Vorstellungen meiner kühnsten Träume übertraf. (…)
Im Stehen las ich den Brief weiter, ließ mir die Worte auf der Zunge zergehen wie ein kostbares Konfekt. Wolff hatte nicht allein die fehlenden Mittel zur Finanzierung beschafft, sondern auch beschlossen, die Expedition selbst zu leiten.“ (MICHAIL, S. 146/147)

Zu Anfang des Buches fand ich es etwas anstrengend, in die Geschichten hineinzukommen. Man muss sich in jedem Kapitel auf neue Personen und Zeiten einlassen und es dauert ein bisschen, bis die Handlung in Gang kommt. Im ersten Drittel des Romans gibt es einige Längen. Später entspinnt sich aber eine komplexe Handlung, die Spannung entwickelt, vor allem als zur äußeren Geschichte der Arterhaltung die inneren Konflikte der Erzählerinnen deutlicher hinzutreten. Es entstehen glaubhafte Charaktere, deren innere Nöte der Leser mitleidet. (Einzig Karin bleibt ein bisschen farblos.)

Maja Lunde auf der Frankfurter Buchmesse 2019
Die Rahmenhandlung wurde von der Autorin gut recherchiert und basiert auf realen Geschehnissen. Sie zeigt die Zweischneidigkeit der Arterhaltung auf. Allen Beteiligten geht es um die Erhaltung faszinierender Tiere. Dennoch wollen die Zoologen des 19. Jahrhunderts die Tiere auch für den Profit ausbeuten, sie verkaufen, Einnahmen in Zoos erwirtschaften, und nehmen dazu in Kauf, dass beim Einfangen, Halten in Gefangenschaft und Transport der Tiere über tausende Kilometer viele von ihnen sterben. Als Hamburgerin hat mir besonders gefallen, dass die von Carl Hagenbeck organisierten „Völkerschauen“ thematisiert wurden, bei denen mit den exotischen Tiere auch indigene Menschen mitgebracht und für Geld zur Schau gestellt wurden.

Wie schon in „Die Geschichte des Wassers“ bin ich nicht ganz einverstanden mit dem Entwurf der Dystopie von Maja Lunde. Sie beschreibt eine Welt nach dem Klimakollaps, die einer archaischen Welt gleicht. Die Menschen leben vom dem, was sie in ihren Gärten anbauen oder den Fischen, die sie fangen. Sämtliche Errungenschaften der Zivilisation funktionieren nicht mehr, da es keinen Strom, keine Medikamente und Fortbewegungsmittel mehr gibt. Menschen leben weitgehend wie im vorindustriellen Zeitalter und isoliert voneinander ohne organisierte Gemeinschaften. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Wenn das Klima und die Umwelt erst derart ruiniert sind, sehe ich keinen Grund, warum Menschen nicht weiter Atomkraftwerke betreiben würden, um Strom zu haben, das Internet am Laufen zu halten, die vorhandenen Satelliten zu nutzen etc. Maja Lunde geht von einem Weltkrieg nach dem Klimakollaps aus, der diese Infrastruktur zerstört. Der Zustand gleicht dem nach dem 2. Weltkrieg. Ich stelle mir das wahrscheinliche Szenario deutlich anders vor. Lässt man sich aber auf die von der Autorin dargestellte Situation ein, ist sie in sich stimmig.

Ich bin ein Fan von Lundes „Die Geschichte der Bienen“, war dann aber von „Die Geschichte des Wassers“ enttäuscht. Der dritte Teil des Klimaquartetts ist wieder deutlich besser und lebendiger gelungen. Trotz der Dystopie empfinde ich diesen Roman insgesamt als nicht ganz so düster und deprimierend wie den zweiten Teil.

Ein komplexer, spannender Roman, der mit „Die Geschichte der Bienen“ mithalten kann. Man braucht etwas Durchhaltevermögen beim Lesen, wird dafür aber belohnt.

Die Letzten ihrer Art, Maja Lunde, aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein, btb Verlag, Random House Gruppe, München 2019, 640 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...