Samstag, 15. Oktober 2022

Meine Tage als Herr Pastorin, Rainer Kolbe

Wie nennt man den Ehemann einer Pastorin? Herr Pastor? Nein, er ist ja selbst kein Geistlicher, also Herr Pastorin! Und was passiert, wenn Herr Pastorin auch noch hauptzuständig ist für die Betreuung des gemeinsamen Kleinkindes und des Haushalts? Das finden die Leute dann ungewöhnlich. Dies alles spielt sich auch noch auf dem platten Land in Schleswig-Holstein ab, wo besagte Ehefrau die erste weibliche Vertreterin ihres Berufstandes seit 900 Jahren ist. Keine Frage, darüber muss man(n) schreiben.

Rainer Kolbe, freiberuflicher Autor und Lektor aus Hamburg, hat mehr als 400 Kolumnen über seinen Alltag als Vollzeitvater, Hausmann und Herr Pastorin geschrieben, die in einem Zeitraum von acht Jahren in der Nordelbischen (jetzt: Evangelischen Zeitung) veröffentlicht wurden. Die besten davon finden sich in diesem vergnüglichen Buch.

Her mit den modernen Männern, die Verantwortung in der Familien- und Care-Arbeit übernehmen, möchte frau rufen! Da verwundert es doch sehr, dass Vollzeitväter offenbar nicht immer ernstgenommen werden. So wird ihnen der Gang mit dem Kinderwagen als „Freizeit“ ausgelegt oder gar bei der Mutter besorgt angefragt, ob sie es verantworten könne, ein kleines Kind allein in der Obhut eines Mannes zu belassen, wenn sie arbeitet?! Auch scheint die dörfliche Umgebung programmiert zu sein auf althergebrachte Rollenverteilung, da auch auf Nachfrage das „Mutter-Kind-Turnen“ keinesfalls in „Kinderturnen“ umbenannt werden kann, auch wenn mehr als ein Vater regelmäßig sein Kind in die Sporthalle begleitet. Rainer Kolbe nimmt es mit Humor und ohne jede Bitterkeit, bleibt einfach freundlich stehen, wenn „alle Mütter“ von der Vorturnerin zum Mitmachen aufgefordert werden.

Natürlich ist der Alltag mit der kleinen Tochter von den drolligen Aussprüchen des Kindermundes geprägt. Etwa so:

„Papa: ‚Nun mach hinne, ich bin auch müde.‘ Kind: ‚Warum?‘ Papa: ‚Ich bin ja ein alter Papa.‘ Kind: ‚Dann kommst du ins Museum?! Mama und ich gehen dann ins Museum und gucken dich an!‘“ (S. 24)

In einem christlichen Haushalt kommt es natürlich auch zu gelegentlichen Gottesdienstbesuchen, die vor allem außerhalb des Kindergottesdienstes beschwerlich für alle Beteiligten sein können. Aber Frau Pastorin hilft mit mannigfachen erprobten Ratschlägen zur Vorbereitung (genügend Pixie-Bücher einpacken), dem Verhalten während der Predigt (die manchmal von Geschichten untermalt wird, welche das Kind unbedingt sofort erzählen muss) und dem gelassenen Aufräumen nach dem Gottesdienst, wenn das Kind längst einer Freundin hinterher rennt, das Schlachtfeld in der Bank aber noch beseitigt werden muss. Und was macht Herr Pastorin sonst noch so? Natürlich sowas wie Stühle vom Gemeindehaus in die Kirche schleppen, Kuchen backen, alte Grabsteine aus dem Erdreich stemmen, Glocken läuten, was eben sonst die Frau des Pastors so macht. Oder?

„Recht eigentlich betrachtet sind einige Dinge dabei, die Frau Pastor in den letzten Hunderten von Jahren eher selten gemacht haben dürfte, Grabsteine aus dem Erdreich stemmen zum Beispiel. Dafür backe ich dann einen Kuchen weniger. Obwohl: Grabsteine stemmen macht hungrig.“ (S. 14)

Mir haben die alltäglichen Episoden Spaß gemacht, die außer humorig erzählt auch noch herrlich nachdenklich reflektiert sind. Der Band ist mit bunten Illustrationen versehen und eignet sich als leichte Lektüre für zwischendurch.

Witzige bis rührende Alltagsepisoden eines Vollzeitvaters bei Kirchens mit hohem Schmunzelfaktor, nicht nur für Eltern sehr empfehlenswert.

Meine Tage als Herr Pastorin – Das Kind, das Dorf und der Hund, Rainer Kolbe, Illustrationen von Sina Arlt, KJM Buchverlag, Hamburg 2020, 144 Seiten, 16,00 EUR

(Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag. Ich danke dem Autor für das kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

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