Freitag, 8. Oktober 2021

Der perfekte Kreis, Benjamin Myers

Mit seinem ersten Roman „Offene See“ hatte Benjamin Myers mir ein wunderbares, unvergessenes Leseerlebnis beschert. Daher war ich ungeheuer gespannt auf sein neues Buch, „Der perfekte Kreis“. Dieser Roman spielt ebenfalls in Myers Heimatland England, jedoch in einer ganz anderen Zeit. Wir gehen zurück in das Jahr 1989 und begleiten zwei junge, ungleiche Männer bei einem höchst interessanten Projekt: Sie machen Kornkreise.

Kornkreise sind von alters her Gegenstand vielgestaltiger Mythen gewesen. Ihre Herkunft wird nicht selten Außerirdischen zugeschrieben. Über ihre Bedeutung – je nach konkreter Form – wird gerätselt. Vor allem sind sie aber schön und vergänglich. Redbone und Calvert begeben sich nachts auf abgelegene Felder, damit sie niemand sieht. Zuvor haben sie bereits wunderschöne symmetrische Muster aus Kreisen entworfen, dies sie im wogenden Kornfeld nachbilden wollen, indem sie einige Halme umbiegen, andere aufrecht stehen lassen. Dabei verletzen sie die Ernte der Farmer nicht, sie brechen die Halme nicht ab. Allerdings muss das Korn schon eine gewisse Höhe haben, so dass bis zur Aberntung des Feldes nicht mehr viel Zeit bleibt, in der das Kunstwerk zu bewundern sein wird. Ihr Ziel ist es, Schönheit zu schaffen, die alle anschauen können. Sie scheren sich nicht um tiefere Bedeutungen. Aber sie streben nach Präzision. Von Mal zu Mal werden die Kreise komplizierter, verschlungener, denn sie wollen den perfekten Kreis schaffen. An Berühmtheit ist ihnen nicht gelegen, deshalb geben sie sich nie als Schöpfer der Kunstwerke zu erkennen.

Wozu das alles? Beide Männer tragen seelischen Ballast mit sich herum. Calvert hat in der Armee in Vietnam gedient und kann den inneren Schreckensbildern nicht entfliehen. Redbone ist Musiker und tritt mit eher abseitigen, wenig gefälligen Musikstilen auf. Seine Beziehungen, die er gleichzeitig versuchte zu jonglieren, scheitern. Er lebt im Auto. Beide wünschen sich Freiheit, innere und äußere.

„Für Calvert ist das Leben ein aufgeschlagenes Ei. Er ist die Schale, und Redbone weiß, dass er noch immer versucht, sie zusammenzuhalten.“ (S. 68, zitiert nach Leseexemplar)

Der Erzählstil ist langsam und unaufgeregt, der Sound erinnert mich stark an „Offene See“. Die konkrete Ausführung der nächtlichen Kornkreise nimmt breiten Raum ein. Jedem kreisrunden Kunstwerk ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Leserin lernt die beiden Freunde, die sich eigentlich nur auf den Kornfeldern treffen und ihre sehr unterschiedlichen Alltagsleben getrennt voneinander leben, immer besser kennen. Wirklich nahe konnte ich jedoch keinem von ihnen kommen. Beide reden nicht viel, ihr Innerstes bleibt ihr Geheimnis. Beide Hauptfiguren sind auf der Suche nach etwas. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Handlung auf etwas zuläuft. Nun, auf den perfekten Kreis am Ende des Sommers läuft sie natürlich zu. Aber ansonsten ist die Geschichte eher ereignis- und spannungslos. Einen richtigen Höhepunkt in der Entwicklung der Personen oder ihrer Freundschaft konnte ich auch nicht ausmachen. So bleibe ich mich einem etwas flauen Gefühl zurück.

Schöne Naturbeschreibungen im bekannten Myers-Sound, liebenswerte Charaktere, aber leider kaum Handlung. Der Roman kann an das großartige Leseerlebnis von „Offene See“ leider nicht anschließen.

Der perfekte Kreis, Benjamin Myers, aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmerman, DuMont Verlag, Köln 2021, 224 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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