Montag, 11. Januar 2021

Die verschwindende Hälfte, Brit Bennett

Desiree und Stella sind Zwillinge, geboren in den 1950er Jahren in dem winzigen Ort Mallard in Louisiana. Die Menschen dort halten sich für etwas Besonderes, denn die meisten sind Farbige, aber mit auffallend heller Haut. Darauf sind sie stolz. Die Zwillingsschwestern sehen keine Zukunft in dem ländlichen Ort und wollen nur eins: weg. Doch schon bald nach ihrem Weggang trennen sich die Wege der Mädchen. Stella merkt, dass sie sich als Weiße ausgeben kann und beginnt ein neues Leben in der weißen Gesellschaft von New Orleans. Sie bricht alle Brücken hinter sich ab und verschwindet. Desiree heiratet einen sehr dunkelhäutigen Mann und bekommt eine ebenso dunkelhäutige Tochter.

„Du musst da rein wie eine, der die Leute Antworten schuldig sind“, sagte er. „Eine, die kriegt, was sie will.“

„Du meinst, ich soll weiß sein.“ (S. 97)

Der Roman berichtet aus verschiedenen Perspektiven und mit einigen Zeitsprüngen das Leben der beiden Schwestern und ihrer Kinder, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Beide leiden unter dem Verlust ihres Zwillings, ihrer anderen Hälfte. Rassismus prägt das Leben beider Frauen. Die Frage stellt sich: Was bedeutet es eigentlich, weiß zu sein? Wie muss man sich benehmen, um als weiß zu gelten? Was bedeutet es für die Identität, die eigene Hautfarbe täglich als Beschränkung wahrzunehmen oder sie ganz zu verleugnen?

In einem weiteren Handlungsstrang wird das Thema Transsexualität angesprochen. Ist die Geschlechtsidentität als Merkmal mit der Hautfarbe vergleichbar? Wie wirkt es sich aus, im Körper des falschen Geschlechts zu leben und diesen zu verstecken, um im anderen Geschlecht leben zu können? Leiden ist die Folge, wenn das eigene Selbst auf dieses eine Merkmal reduziert wird, auf die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Herkunft. Fehlende Zugehörigkeit macht einsam, die Angst vor Enttarnung ist groß.

Als Leserin gehen wir ein Stück in den Schuhen der verschiedenen Menschen, die sich nur wünschen, selbst bestimmen zu dürfen, wer sie sind. Jede Person zahlt einen Preis für ihre Wahl. Die Erzählung ist so eindringlich, dass wir jede Entscheidung nachvollziehen können und mit den Personen vor dem Dilemma stehen, auf welchen Teil ihrer selbst sie bereit sind zu verzichten, um ein erträgliches Leben zu führen. Obwohl der Rassismus im Süden der USA in den 1950er und 60er Jahren sicher ausgeprägter war als heute und Rassentrennung praktiziert wurde, ist die Geschichte heute nicht weniger aktuell. Auch die Akzeptanz gewählter Genderidentität steht heute erst am Anfang. So macht das Buch sehr nachdenklich und ruft uns dazu auf, tolerant zu sein und Menschen als Individuen zu sehen, die nicht festgelegt sind auf Rollen, die auf angeborenen Merkmalen beruhen.

Ein aktueller, nachdenklicher Roman über die Frage von Identität und Zugehörigkeit, der weit über das Thema Rassismus hinausgeht. Sehr empfehlenswert!

Die verschwindende Hälfte, Brit Bennett, aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan und Robin Detje, Rowohlt Verlag, Hamburg 2020, 416 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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