Samstag, 27. Juni 2020

Die Analphabetin, Agota Kristof

Kann man Buchautorin sein, nachdem man Analphabetin gewesen ist? Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Die 1935 in Ungarn geborene Autorin von Romanen wie „Das große Heft“ berichtet in dieser kurzen autobiografischen Erzählung davon, wie sie mehrmals ihre Sprache verlor.

Dabei hätte Agota sich niemals träumen lassen, dass ihr so etwas passieren könnte. Bereits im Alter von 4 Jahren konnte sie lesen und verschlang alles Gedruckte, das ihr in die Finger kam.

„Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir in die Hände, vor die Augen kommt: Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist.

Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.“ (S. 7)

Agota weiß noch nicht, dass andere Menschen andere Sprachen sprechen. Ungarisch ist die einzige Sprache, die alle Menschen um sie herum sprechen. Bis die Russen das Land besetzen und in der Schule nur noch Russisch gesprochen werden darf, obwohl niemand diese Sprache beherrscht.  Agota verliert ihre Sprache und ihr Lesen zum ersten Mal.

Später, 1956, geht sie mit ihrem Mann und ihrem Kind illegal über die Grenze nach Österreich und schließlich in die Schweiz, wo man Französisch spricht. Dort bleibt sie. Das mühsam erworbene Russisch nützt ihr dort nichts. Sie lernt Französisch, lernt es dreißig Jahre lang und beginnt zu schreiben, in einer Sprache, die nicht ihre eigene ist. Sie weiß, dass sie nie so Französisch schreiben können wird, wie jemand, dessen Sprache es von Anfang an gewesen ist. Und was macht das alles mit ihrer ungarischen Muttersprache?

Sie fühlt sich wie eine Analphabetin. Sie ist eine Migrantin, die Land, Leute und Sitten nicht kennt und die Sprache nicht versteht. In einer Fabrik muss sie arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber sie hat all diese Geschichten in sich, die sie seit Kindertagen so gern erzählt und zu der täglich eine neue hinzukommt.

„Wie soll ich ihm, ohne ihn zu kränken und mit den wenigen Wörtern, die ich auf französisch kann, erklären, daß sein schönes Land für uns, die Flüchtlinge, nur eine Wüste ist, eine Wüste, durch die wir hindurch müssen, um zu dem zu kommen, was man „Integration“, „Assimilation“ nennt. In diesem Moment weiß ich noch nicht, daß manche nie so weit kommen werden.“ (S. 60)

Agota Kristof beschreibt ein Flüchtlingsschicksal am Bild der Sprache. Zuerst erscheint es ihr unwahrscheinlich, dass sie je dazugehören und je richtig verstehen wird. Als sie eine publizierte Autorin ist, erscheint es anderen unwahrscheinlich, dass sie „so eine“ gewesen sein soll, die so anders ist, nur zwischen Fabrik und Wohnung gependelt ist und nichts verstanden hat, wie die Flüchtlinge, die man auf der Straße sieht.

Eine leise Erzählung einer beeindruckenden Frau, die es sich von keiner Sprache der Welt nehmen lässt, ihre Geschichte zu erzählen.

Die Analphabetin, Agota Kristof, aus dem Französischen von Andrea Spingler, Piper Verlag, München 2007, 80 Seiten, 9,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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