Sonntag, 10. Mai 2020

Power, Verena Güntner


Verena Güntners Roman Power war auf der Shortlist für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ich konnte die Autorin im Rahmen der Shortlistlesung im Literaturhaus Hamburg am 4. März 2020 live erleben, gerade noch vor dem Corona Shutdown.

Die Handlung des Romans ist ebenso skurril wie seine Charaktere und übt dadurch eine seltsame Faszination aus. Ein elfjähriges Mädchen, das sich selbst nur Kerze nennt, lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf. Dort lebt auch die verwitwete alte Hitschke mit ihrem Hund Power. Eines Tages ruft die Hitschke Kerze zu sich und bittet sie, ihren verschwundenen Hund zu suchen. Kerze übernimmt diesen Auftrag und verspricht Power zu finden. Ihre Versprechen hält Kerze – immer! Nach und nach schließen sich immer mehr von den Dorfkindern der mehrwöchigen Suche im nahegelegenen Wald an. Kerze ist der Meinung, nur ein Hund könne den verschwundenen Hund finden, weshalb sie mit den Kindern trainiert ein wildes Hunderudel zu werden. Die Kinder kehren über Wochen nicht aus dem Wald zurück.

„Hast du ihn denn gefunden?“

Kerze zieht die Augenbrauen hoch und beugt sich zur Hitschke hinüber.

„Jetzt denk mal nach, denk mal ganz scharf nach“, sagt sie, „dann kommst du sicher drauf.“

Die Hitschke überlegt, und die Haut auf ihrer Stirn schiebt sich zu winzigen schmalen Röllchen zusammen. (…)

„Du hast ihn nicht gefunden“, sagt die Hitschke matt und zieht Rotz die Nase hoch. „Du hast ihn nicht gefunden, denn …“ Ihr Unterkiefer zittert, und weil Kerze sie streng ansieht, schließt sie kurz die Augen, damit das Zittern aufhört. „… wenn du ihn gefunden hättest, dann hättest du ihn jetzt dabei.“

Kerze nickt langsam, sie lächelt milde. „So ist es, Hitschke, so ist es. Gut, dass du nochmal nachgedacht hast.“ (S. 17/18)

Sowohl Kerze als auch die Hitschke sind Außenseiter im Dorf. Kerze spricht wie eine Erwachsene, die Hitschke eher wie ein Kind. Es ist Kerze, die die Dinge in die Hand nimmt und der alleinstehenden Hitschke hilft. Die anderen Erwachsenen bleiben passiv, auch weil sie die Hitschke nicht mögen. Obwohl Kerze eigentlich nicht mit den anderen Kindern befreundet ist und meist abseits bleibt, versammeln sich diese hinter ihr. Während die Kinder das Problem im Wald allein und auf ihre Weise lösen, bleiben die Erwachsenen draußen, obwohl sie über die Eskapaden der Kinder sehr erbost sind. Die Situation eskaliert auf beiden Seiten, sowohl unter den Kindern, die immer mehr zu Tieren werden, als auch unter den Erwachsenen, die auf andere Weise verrohen.

Man kann die Geschichte als eine Gesellschaftsparabel deuten. Es geht um Angst, die als „Geister“ beschrieben wird, um Werte, Gewalt, und darum, wer oder was Kontrolle in unserem Leben ausübt. Kerze spricht manchmal mit „Keingott“, da sie überzeugt ist, dass es Gott nicht gibt. Sie weiß, dass die Geister, die sie oft nachts bedrängen, von Keingott kommen, der ihr Hindernisse in den Weg legt. Anstatt sich vor den Geistern zu verstecken, hat Kerze eine andere Lösung parat: Hingabe! Sie belehrt nicht nur ihre Mutter, die über dumme Fernsehsendungen lacht, über die Ernsthaftigkeit des Lebens, sie empfiehlt auch der Hitschke diese Lösung. Kerze ist im Dorf lange Zeit die einzige, die sich ihren Geistern stellt.

Kerze ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, da sie völlig frei von Selbstzweifeln ist. Sie ist absolut überzeugt davon, ihre Mission erfüllen zu können. Erwachsene scheinen keinerlei Einfluss auf sie zu haben, weder die Mutter, noch die Lehrer oder der Rest der Dorfgemeinschaft. Zugegebenermaßen geben die Erwachsenen auch kein nachahmenswertes Vorbild ab, da sie die Schuld für Probleme eher bei anderen suchen, gewaltvoll reagieren und nicht zu Verhaltensänderungen bereit sind. Im Ergebnis sind die Erwachsenen dabei nicht weniger radikal als Kerze und verfolgen ihre Linie ebenso kompromisslos wie sie. Was sie dabei innerlich antreibt, bleibt rätselhaft, während Kerze konsequent einem inneren Gerechtigkeitsgefühl folgt. Sie verlässt mit den anderen Kindern ihre Komfortzone, was die Erwachsenen – einschließlich der Hitschke – nicht schaffen. So vertreibt Kerze ihre eigenen Geister und hilft auch anderen Kindern dabei, während die Erwachsenen dazu nicht in der Lage sind.

Ein außergewöhnlicher Roman, auf dessen Skurrilität man sich einlassen sollte. Kerze ist eine beeindruckende Anti-Heldin, eine moderne Pippi Langstrumpf, allerdings mit sehr ernsthafter Miene.

Power, Verena Güntner, DuMont Verlag, Köln 2020, 254 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Der Schrank, Olga Tokarczuk

Dieser kleine Band von Erzählungen ist mein erster Versuch, mich der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zu nähern. Die st...