Montag, 3. Februar 2020

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht, Jojo Moyes

Ein echter Schmöker! Über 500 Seiten, typisch für Jojo Moyes. Das Thema dieses in den USA spielenden Romans hatte mich angesprochen. Es geht um eine „Satteltaschenbibliothek“, also eine Bibliothek, von der die Bücher zu Pferd zu den Menschen gebracht werden, die zu weit entfernt von der Stadt leben, um sich die Bücher selbst zu holen. Die Idee beruht auf dem realen „Packhorse Library Project“, das es von 1935 bis 1943 in Kentucky gegeben hat. Die reitenden Bibliothekarinnen waren mutige Frauen, die sich zutrauten in unwirtliches Bergland zu reiten, um Bildung zu verbreiten.

Die fiktive Geschichte spielt 1937 in der Kleinstadt Baileyville, Kentucky. Die Initiative der Präsidentengattin Roosevelt zur Stärkung von Literatur und Bildung soll aufgegriffen werden durch Einrichtung einer mobilen Bücherei. Zunächst finden sich kaum freiwillige Frauen. Viele Menschen in der kargen Gegend sind skeptisch gegenüber anderen Büchern als der Bibel und halten es für keine gute Idee, Frauen allein durch die Wildnis reiten zu lassen. Doch schließlich startet ein zusammengewürfelter Haufen von Frauen das Projekt.

Leiterin der Bibliothek ist die furchtlose und eigenwillige Margery O´Hare, eine unverheiratete Frau von Ende dreißig, die lebt wie sie will und sich von niemandem reinreden lässt. Die Tochter der Vorsteherin des Frauenvereins, Isabelle Brady, wird von ihrer Mutter zwangsverpflichtet, obwohl sie aufgrund von Kinderlähmung nur mühsam gehen und kaum reiten kann. Beth Pinker, die fluchen kann wie ein Kerl, ist mit von der Partie. Und schließlich ist da Alice Van Cleve, die gerade aus England zugezogene Gattin des Sohns eines reichen Minenbesitzers, die sich in ihrer neuen Heimat und in ihrer Ehe schrecklich langweilt. Später stößt Sophia Kenworth hinzu, eine farbige Bibliothekarin.

Margery ermutigt die anderen Frauen zu ihrer Arbeit und entdeckt in jeder von ihnen Potenzial. Sie macht die anderen mit der Umgebung vertraut und spricht die rauen, skeptischen Bergbewohner an, um ihnen das Lesen näher zu bringen. Sie tritt für Frauenrechte und Gleichberechtigung ein. Es ist ihr gleichgültig, dass über sie getratscht wird. Auch will sie aus Prinzip nicht heiraten, was sie von einer Beziehung zu einem Mann jedoch nicht abhält.

Alice fühlt sich im Haus ihres Mannes Bennet, das sie mit dessen Vater teilen, wie eine Fremde. Alles muss so gemacht werden, wie es die verstorbene Schwiegermutter gewollt hätte. Den Haushalt macht eine Angestellte. Die Leute lachen über ihren fremden Akzent und Bennet scheint an Alice nach anfänglicher Verliebtheit nicht wirklich interessiert zu sein. Er ist entsetzt, als Alice sich eine neue Aufgabe sucht und in der Bücherei anfängt. Alice weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, an welchen Machenschaften die Familie ihres Mannes in den örtlichen Minengesellschaften beteiligt ist. Dort werden Arbeiter ausgebeutet und müssen unter gefährlichsten Bedingungen schuften.

„Wo soll’s denn hingehen?“
Margerys Kopf fährt herum.
Er schwankt leicht, aber sein Blick ist fest und direkt. Der Hahn seines Gewehrs ist gespannt, das sieht sie, und er trägt es wie ein Schwachkopf mit dem Finger am Abzug. „Jetzt schaust du mich an, was, Margery?“
„Ich sehe Sie genau, Clem McCullough.“
„Ich sehe Sie genau, Clem McCullough.“ Speichel sprüht, während er ihre Worte wiederholt wie ein gehässiges Kind auf dem Schulhof. Sein Haar steht auf der einen Kopfseite ab, als wäre er gerade aufgestanden. „Du siehst auf mich herab. Du siehst mich an wie Dreck an deinem Schuh. Als wärst du was Besonderes.“
Sie war noch nie der ängstliche Typ, aber sie kennt diese Männer aus den Bergen gut genug, um keinen Streit mit einem Betrunkenen anzufangen. Ganz besonders, wenn er ein geladenes Gewehr dabeihat.“ (S. 9)

Insgesamt wirkt das Setting auf mich wie aus „Unsere kleine Farm“ (nur weniger harmonisch), obwohl jene Geschichten 100 Jahre früher spielen. Die Gesellschaft ist extrem konservativ, die Lebensumstände primitiv. Frauen haben zu gehorchen, hart zu arbeiten, wenn sie arm sind und tugendhaft-zurückhaltend zu sein, wenn sie wohlhabend sind. Häusliche Gewalt und Alkoholmissbrauch sind an der Tagesordnung. Die Menschen sind streng religiös, Literatur wird als sittengefährdend angesehen. Über Themen der Körperlichkeit kann nicht gesprochen werden, auch nicht in der engsten Familie, geschweige denn bekommen die Frauen Informationen über ihren Körper oder Geburtenkontrolle. Die reichen Minenbesitzer haben das Sagen, sie bedienen sich der Korruption und Gewalt. Die fehlende Bildung der kleinen Landbesitzer nutzen sie aus, um dort kostengünstig Kohle abzubauen. Rassismus ist alltäglich, es herrscht Rassentrennung.

Dieses Gesellschaftssystem wird in Frage gestellt durch die selbständigen Bibliothekarinnen, die Information und Bildung weitertragen sowie ein Vorbild dafür sind, dass Frauen selbstbestimmt arbeiten können. Natürlich geraten sie damit in Konflikt mit den Mächtigen, insbesondere mit den Minenbesitzern und patriarchalen Ehemännern der Stadt. Die Geschichte lebt von der Entwicklung, die alle beteiligten Frauen durchmachen, jede auf ihre Weise. Es ist herzerwärmend, wie die Bibliothek mit spartanischen Mitteln in einem alten Schuppen aufgebaut wird und Menschen nach Lesestoff dürsten. Natürlich gibt es Liebesgeschichten und zum Schluss sogar einen krimiartigen Showdown.

Man hätte den Roman gut um 100-200 Seiten kürzer erzählen können. Die Handlung ist in weiten Teilen vorhersehbar, die Charaktere etwas schwarz-weiß gezeichnet. Dennoch liest sich dieser Unterhaltungsschmöker gut weg und macht Spaß, schon wegen der leidenschaftlichen Bücherliebe. Ein bisschen Cowboyromantik wurde ungewöhnlich verpackt, da es eben um Cowgirls geht, die trotz ihrer Verschiedenheit schließlich durch enge Freundschaft und Zusammenhalt als Team verbunden sind.

Schöner Schmöker über starke Frauen und das Geschenk des Lesens, mit etwas Gesellschaftskritik und Liebesgeschichten vermischt. Macht auch mal Spaß.

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht, Jojo Moyes, aus dem Englischen von Karolina Fell, Wunderlich im Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 544 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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