Donnerstag, 19. September 2019

Dunkelgrün, fast schwarz, Mareike Fallwickl

Moritz ist ein sensibler Mensch mit einer besonderen Eigenschaft: Er kann Menschen als Farben sehen. Für ihn hat jeder Mensch eine Art farbige Aura, die sich stimmungs- und situationsabhängig verändern kann. Sein bester Freund Raffael zum Beispiel ist dunkelgrün, fast schwarz. Die beiden haben sich in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen sind, schon als Kinder kennengelernt. Dabei sind sie grundverschieden. Moritz ist ein lieber Junge, der einfach dazugehören möchte. Raffael sucht stets seinen Vorteil, setzt seinen Willen durch und ist manchmal ganz schön hässlich zu anderen. Zu dem Tandem gesellt sich in ihrer Jugendzeit Johanna, genannt Jo. Sie hat einen Schicksalsschlag erlebt, der sie aus der Bahn geworfen hat. Aber mit Motz und Raf kommt Jo gut aus.

Außer dem Dreiergespann erzählt uns auch Moritz‘ Mutter Marie einen Teil dieser vielschichtigen Geschichte. Sie möchte nur das Beste für ihre Kinder und ist daher mit ihnen aufs Dorf gezogen, als es sich so ergab. Dort lernt sie Raffaels Mutter Sabrina und deren Mann kennen. Eine wirkliche Freundschaft wird daraus nicht.

Der Roman springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Personen hin und her, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter der drei Freunde, und webt so ein Beziehungsgeflecht zwischen Familien, Freunden und Nachbarn. Wer kann es entwirren? Wer ist mit wem befreundet? Und verstehen überhaupt alle das Gleiche unter dem Begriff Freundschaft? Wem kann man vertrauen und vom wem Hilfe erwarten? Wann ist es in einer Beziehung wichtig, einfach loyal zu sein und wann muss man sich abgrenzen, seine Meinung sagen, etwas anders machen? Und wenn etwas schief läuft – sollte man das ansprechen? Oder ist es nicht doch besser, es bleibt ungesagt? Verletzt es dann weniger?

In diesem Buch sehen wir alle Ausprägungen menschlicher Beziehungen von Gleichgültigkeit, Aufrechterhalten einer unechten Fassade über Freundschaft und Liebe bis hin zur Hörigkeit. Wie kommt es zu diesen Beziehungen? Sind wir selbst daran schuld durch unser Verhalten, oder sind manche Menschen einfach von Geburt an so und nicht anders, können nur diese Art der Beziehung leben und keine andere? Je nachdem wie wir unsere Beziehungen leben, werden unsere Zukunftserwartungen geprägt. Folge ich meinem Plan oder nehme ich Rücksicht auf andere, übernehme Verantwortung? Geht beides?

Mareike Fallwickl hat realistische, interessante Charaktere geschaffen, die Ecken und Kanten sowie menschliche Schwächen haben. Nicht alle sind sympathisch. Auch wenn man ihnen manchmal zurufen möchte, „Tu das und das!“, kann man doch nachvollziehen, warum sie anders handeln. Wer von uns kann sich schon von allen Abhängigkeiten und familiären Erwartungen befreien, wen treibt nicht die Sehnsucht nach etwas. Mir gefällt die wunderschöne bildhafte Sprache der Autorin, mit der sie die Gefühle der Figuren schildert.
„MORITZ – 2017
Die Musik wummert ihm den Herzschlag weg. Sie dringt in seinen Körper ein, nicht nur durch die Ohren, auch durch die Haut, durch jede Pore, umwickelt seine Knochen, setzt ihn neu zusammen. (…) Der Alkohol schwemmt die Wurzeln fort, die ihn so fest halten. Wenn Gin und Whiskey durch sein Blut jagen, bleibt kein Platz für das Unbeherrschbare, das ihn sonderbar macht und hilflos. Sobald Moritz betrunken ist, haben die Dinge und die Menschen und die Lichter keine Grenzen. Alles verliert sich, er muss sich nicht fürchten vor einzelnen Wahrnehmungen, die herausfallen aus dem Normalen. (…) Er hält der Musik nichts entgegen, sinkt in sie hinein, greift durch ihr weiches Gewebe bis hinunter zu ihrer Struktur, lässt davon seine Bewegungen bestimmen.“ (S. 105)
Die Zusammenhänge der Geschichte sind sehr komplex, es bleibt bis zum Schluss spannend. Der Roman hinterlässt mich fassungslos darüber, was Menschen einander alles antun können.

Ein sehr gelungener Roman, der mich zwischen Wut, Mitleid und Hoffnung hin und her geworfen hat. Eine starke, spannende Geschichte, die mitreißt.

Dunkelgrün, fast schwarz, Mareike Fallwickl, Penguin Verlag, München 2019, 480 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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