Donnerstag, 22. Juni 2023

Die Kälte, Thomas Bernhard, Lukas Kummer (Graphic Novel)

In „Die Kälte – Eine Isolation“ beschreibt Thomas Bernhard, wie er Anfang der 1950er Jahre mit Tuberkulose für mehrere Monate in die öffentliche Lungenheilanstalt Grafenhof eingewiesen wurde. Er schildert die dortigen menschenverachtenden Zustände, die Massenabfertigung der Kranken und die brachialen Methoden, mit denen man zu dieser Zeit versuchte, die Tuberkulose zu behandeln. Es erscheint wie ein Déja-Vu, dass der Primarius der Anstalt ein Nazi ist, der nach Kriegsende nicht von seinem Posten enthoben worden war. Wieder einmal wird der junge Thomas von einem gefühllosen Menschenschlächter in einer Masseninstitution drangsaliert. Ihm wird der Brustkorb durchstoßen und ein Pneu eingesetzt. Er ist umgeben von jämmerlichen Gestalten, von denen viele die Erholungseinrichtung nicht lebend verlassen werden.

„Warum sollte gerade ich, der Unsinnigste, der Überflüssigste, der Wertloseste in der Geschichte, glauben oder auch nur einen Augenblick lang in Anspruch nehmen dürfen, die Ausnahme von der Regel zu sein, davonzukommen, wo Millionen ganz einfach nicht davongekommen waren?“ (S. 24)

Lukas Kummers Zeichnungen sind wie in den drei Vorgängerbänden durch sich wiederholende Bildsequenzen gekennzeichnet, Figuren ohne Gesichter, Grau in Grau. Gespenstisch wirkt die als „Prozession“ benannte Menge der ausgemergelten Männer in Anstaltsnachthemden, die braune Glasspuckflaschen vor sich hertragen. Mit einfachen Strichen gelingt es Kummer, den Ekel der Situation real werden zu lassen, die Kälte der militärisch anmutenden Aufseher bzw. Ärzte ist mit Händen zu greifen.

Zum Schluss des Bandes sehen wir den zukünftigen Schriftsteller Thomas Bernhard hervorblitzen, der beginnt, Dinge auf kleine Zettel aufzuschreiben, der sich nach innen wendet und seine Herkunft zu beleuchten beginnt. Er begehrt auf gegen die Institution, entlässt sich auf eigene Gefahr und geht seiner Zukunft als Sänger entgegen, seiner Lungenkrankheit zum Trotz. Der vierte Band der Comicreihe zeigt den vielleicht schlimmsten Teil dieser herzzerreißenden Jugend, aber auch den Beginn der Befreiung aus den Fängen einer Gesellschaft, die dem einzelnen nichts schenkt, nicht einmal das nackte Leben.

Zwar sind die im Buch geschilderten Nachkriegszustände extrem. Sie sind aber gleichwohl insoweit aktuell, dass sie eine Klassenmedizin zeigen, in denen nur der Selbstzahler eine ausreichende Menge an Medizin erhält. Zur Gesundung braucht es mehr als ein Krankenhaus, es braucht auch Wohlbefinden, seelische Erbauung und menschliche Wärme. Dies wird mit Händen greifbar durch die erneut sehr gelungene Kombination aus Bernhards Text und Kummers Bildern dieser berührenden Graphic Novel.  

Die Kälte, Thomas Bernhard, Graphic Novel gezeichnet von Lukas Kummer, Residenz Verlag, Salzburg, 2023, 112 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Mittwoch, 21. Juni 2023

Der Atem, Thomas Bernhard, Lukas Kummer (Graphic Novel)

Im dritten Band der von Lukas Kummer gestalteten Graphic Novels zu Thomas Bernhards autobiografischem Werk erleben wir den ca. achtzehnjährigen Thomas erneut in einer ihm verhassten Institution. Eine verschleppte Erkältung bringt ihm eine nasse Rippenfellentzündung ein. Dem Tode nahe wird er ins Krankenhaus eingeliefert, einer „Todesproduktionsstätte“ (S. 36). Dort findet er sich im „Sterbezimmer“ (S. 36) wieder, einem Raum mit sechsundzwanzig Betten, das so gut wie niemand lebend verlässt. Eines nachts wacht er im Badezimmer auf, in das die drei Kranken geschoben werden, deren Ableben als nächstes erwartet wird.

Thomas ist (wie schon in seiner Internatszeit im Krieg) überall vom Tod umgeben. Die letzte Ölung wird ihm erteilt, Särge werden aus dem Raum getragen, es röchelt und hustet um ihn herum. Doch dann kommt es zu einem Wendepunkt:

„Von zwei möglichen Wegen hatte ich mich in dieser Nacht in dem entscheidenden Augenblick für den des Lebens entschieden.“ (S. 21)

Der geliebte Großvater, der ebenfalls im Krankenhaus liegt, besucht den Jungen täglich und malt ihm seine Zukunft in den rosigsten Farben aus. Er versucht ein Gegengewicht zu schaffen zu dem Grauen von Tod und Verzweiflung, das im Sterbezimmer nur verwaltet wird. Wie schon im Internat beschreibt Bernhard eine unrühmliche Rolle der katholischen Kirche, einen Geistlichen, der die letzte Ölung am Fließband in abstoßender Weise erteilt und niemandem nützt.

Die Bilder dieser Graphic Novel sind faszinierend. Grau in Grau liegt das Krankenzimmer da, ein Patient gleicht dem anderen, alle sind ihrer Individualität beraubt durch die unmenschlichen Zustände in dieser Anstalt. Sicher nicht zufällig sieht der Ständer für die Infusionslösungen neben jedem Bett aus wie ein christliches Kreuz, ein vorweggenommenes Grab. Wenn man denn überhaupt so weit sehen kann. Thomas´ Deliriumszustände werden effektvoll dargestellt durch verschwommene Linien und Umrisse der Figuren, denn mehr kann der Junge nicht erkennen in seinem Fieber. Ungeahnte Wärme kommt in die Geschichte durch die Darstellung der sich verändernden Beziehung des jungen Thomas zu seiner ihn besuchenden Mutter. Diese ist plötzlich zugewandt, wird bildlich nicht mehr geistig abwesend am Rande, sondern in echtem Kontakt mit dem Sohn dargestellt, und das alles, ohne der gezeichneten Figur ein Gesicht zu geben.

Eine meisterhafte Graphic Novel über das Leben als Akt des Willens und eine menschenverachtende Krankenpflege, in der jeder sich allein zur Genesung kämpfen muss. Durch die Coronapandemie haben diese Bilder von massenhaft Kranken und Toten eine neue Aktualität bekommen. Ein empfehlenswertes Buch zum Tiefdurchatmen!

Der Atem, Thomas Bernhard, Graphic Novel gezeichnet von Lukas Kummer, Residenz Verlag, Salzburg, 2021, 112 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 20. Juni 2023

Der Keller, Thomas Bernhard, Lukas Kummer (Graphic Novel)

Der spätere Autor Thomas Bernhard war ein unglückliches Kind. In seinem Buch „Die Ursache“ schildert er die Grausamkeiten, denen er im Internat ausgesetzt gewesen war. In dem ebenfalls autobiografischen Werk „Der Keller“ erfahren wir, wie Thomas als Jugendlicher sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Entgegen der Meinung seiner Familie, dass höhere Bildung zum Lebenserfolg gehöre, weiß Thomas, dass für ihn nur die entgegengesetzte Richtung die Lösung sein kann!

In Lukas Kummers eindrücklichen Zeichnungen sehen wir, dass Thomas die Richtung zunächst in geografischer Richtung meint, also vom Stadtzentrum Salzburgs, in dem sich das Gymnasium befindet, wegläuft in Richtung Stadtrand. Sein Weg führt über das Arbeitsamt direkt in die berüchtigte Scherzhauserfeldsiedlung, „das Salzburger Schreckensviertel“ (S. 24). Bei dem Kaufmann Podlaha beginnt er eine Lehre in dessen im Keller liegenden Lebensmittelgeschäft. Wo andere die Vorhölle sehen, fühlt Thomas zum ersten Mal eine Zukunft aufkeimen. Denn so nützlich wie in einem Lebensmittelgeschäft, und mag es auch in einem Keller sein, ist man so kurz nach dem Krieg in einem armen Wohnviertel nur selten. Endlich ist Thomas in der Schule des Lebens angekommen.

„Mein Großvater hatte mich im Alleinsein und Fürsichsein geschult, der Podlaha im Zusammensein mit Menschen, und zwar im Zusammensein mit vielen und mit den verschiedensten Menschen. (…) Mein Großvater hatte mich die Menschen aus großer Distanz beobachten gelehrt, der Podlaha konfrontierte mich direkt mit ihnen.“ (S. 64)

Im Gegensatz zum Vorgängerband herrscht ein heiterer, fast optimistischer Erzählton, gespiegelt in lockeren Bildern, die Thomas zum Teil beim Bergwandern mit dem geliebten Großvater zeigen. Die Enge der großbürgerlichen Innenstadt taucht nur als Kontrast zum geräumigen Kellergeschäft auf. Wie auf Schwarzweißfotografien in einem Familienalbum gehen wir Thomas´ Weg in die Zukunft mit.

Lukas Kummer trifft erneut den Nerv des Textes mit seinen Zeichnungen. Da möchte man am liebsten auch gleich zum Einkaufen in den Keller des Podlaha laufen. Eine schöne Fortsetzung der Comicreihe zu Bernhards autobiografischem Werk!

Der Keller, Thomas Bernhard, Graphic Novel gezeichnet von Lukas Kummer, Residenz Verlag, Salzburg, 2019, 112 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 17. Juni 2023

Die Ursache, Thomas Bernhard, Lukas Kummer (Graphic Novel)

Der Autor Thomas Bernhard ist nicht gerade als Menschenfreund bekannt. Er grantelte auch permanent über seine Heimat Österreich. Nach der Lektüre von „Die Ursache“ wundert mich beides nicht mehr. Bernhard berichtet darin autobiographisch über seine Internatszeit in Salzburg in den 1940er Jahren. (Der Text erschien erstmals 1975.) Lukas Kummer hat daraus eine Graphic Novel mit großer Wucht gemacht.

Die in Grauschattierungen gehaltenen Zeichnungen schleudern der Leserin die Einförmigkeit des Alltags, die Gewalt und die Verzweiflung eines Kindes wie einen Schlag ins Gesicht entgegen. Ich habe das Buch in einem Zug gelesen und musste es danach erstmal sacken lassen. Der Teenager Thomas ergeht sich über Jahre in permanenten Selbstmordgedanken – und wer könnte es ihm verdenken. Er kann nicht begreifen, dass Menschen, die ihn lieben, ihn einer solchen grausamen Umgebung wie dem Internat ausliefern. Er wird grundlos geschlagen von einem SA-Offizier, gemobbt von stärkeren Schülern, gedrillt wie auf einem Kasernenhof. Dazu kommt der Bombenterror zwischen 1943 und 1944, vor dem die Schüler Schutz in Stollen unter der Erde suchen, die jedoch so eng sind, dass Menschen darin ersticken. Der Kriegsalltag ist buchstäblich mit Leichen gepflastert, die nach den Angriffen überall sichtbar herumliegen.

Als der Krieg vorbei und das Internat geschlossen ist, hofft Thomas auf eine Verbesserung. Vergeblich, denn das Nazi-Internat wird von der katholischen Kirche übernommen. Das Erschreckende ist, dass sich der Alltag in der Schule dadurch so gut wie gar nicht verändert. Es wird nur einem anderen Herrn gehuldigt. Die Gewalt bleibt. Der Junge ist gebrochen und kommt zu einem nachvollziehbaren Schluss:

„… betrachtete die Schule bald nurmehr noch instinktiv als das, was sie heute bei klarem Verstand für mich ist, eine Geistesvernichtungsanstalt.“ (S. 96/97)

Bernhards Urteil über die Natur des Menschen, das er sich in seiner Schulzeit bildete, fällt vernichtend aus:

„Zuerst wird der Mensch, und der Vorgang ist ein tierischer, erzeugt und geboren wie ein Tier und immer animalisch behandelt, (…), von den durch und durch stumpfsinnigen, unaufgeklärten, ihre egoistischen Zwecke verfolgenden Erzeugern als Eltern oder ihren Stellvertretern aus ihrem eigenen Mangel an tatsächlicher Liebe und Erziehungskenntnis und -bereitschaft stumpfsinnig und egoistisch wie ein Tier gefüttert und behandelt und nach und nach in seinen hauptsächlichen Gefühls- und Nervenzentren eingeebnet und gestört und zerstört, und dann (…) übernimmt die Kirche (…) die Vernichtung der Seele des neuen Menschen, und die Schulen begehen im Auftrag und auf Befehl der Regierungen (…) den Geistesmord.“ (S. 67/68)

Unterlegt ist der eben zitierte Satz von Bildern eines Mannes, der ein Kind schlägt, über viele Bilderfolgen lang einfach schlägt.

Die Graphic Novel von Lukas Kummer erleichtert die Lektüre von Thomas Bernhards sonst schwer zu lesendem Text und fügt ihm eine enorme Tiefe und Erlebbarkeit durch die einfachen, aber extrem eindrucksvollen Zeichnungen hinzu. Das Thema der Traumatisierung durch Gewalt und Institutionen ist nach wie vor aktuell. Das Buch ist schnell zu lesen, um lange nachzuwirken!

Die Ursache, Thomas Bernhard, Graphic Novel gezeichnet von Lukas Kummer, Residenz Verlag, Salzburg, 2018, 112 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Montag, 12. Juni 2023

Helga Schubert über Anton Tschechow

Helga Schubert hat sich den russischen Schriftsteller Anton Tschechow zum Vorbild genommen. Neben seinem klaren Stil ohne Pathos hat sie von ihm die Technik übernommen, jeden Text auf den letzten Satz hin zu schreiben. Beim Beginn jedes Textes kennt sie den letzten Satz also schon, berichtete sie auf ihrer Lesung im Literaturhaus Hamburg in diesem Monat. Mit ihrem Vorbild hat Helga Schubert weiterhin gemein, dass sie an mehreren Texten gleichzeitig arbeitet, hoffentlich aber nicht wie Tschechow aus Geldnot. Das vorliegende Buch schrieb sie gleichzeitig mit ihrem ebenfalls gerade erschienenen Buch „Der heutige Tag“ (dtv).

Tschechows kurze Erzählung „Gram“ bzw. „Kummer“ (in anderer Übersetzung) hat es Helga Schubert besonders angetan. Sie habe sie bestimmt hundertmal gelesen. Schubert analysiert begeistert die Struktur dieser Erzählung, die abschnittsweise im vorliegenden Buch abgedruckt ist. Ein alter Kutscher hat seinen Sohn verloren und bemüht sich mehrfach erfolglos einen Menschen zu finden, dem er sein Leid über den Tod klagen kann. Schließlich erzählt er seinem Pferdchen davon, das verständnisvoll schnaubt. Helga Schubert erkennt sich in allen in der Erzählung benannten Figuren wieder, am meisten jedoch in dem Pferdchen.

„Aber ich war auch zeitlebens das Pferd, dem man schließlich alles erzählen konnte, vom verworrenen, manchmal scheiternden, schamvollen Dasein, von der Untreue, vom Verfluchen und Verfluchtwerden, von einer hoffnungslosen Liebe. (…) Ja, genau genommen war ich das Pferd für andere Menschen.“ (S. 41)

Die studierte Psychologin Schubert spielt an auf ihre langjährige Tätigkeit als Psychotherapeutin, möglicherweise aber auch auf die Beziehung zu ihrem inzwischen pflegebedürftigen, dementen Mann, dem sie immer noch geduldig zuhört. (Hiervon schreibt sie in „Der heutige Tag“.) Ebenso wie Tschechow ist Helga Schubert eine interessierte Beobachterin von Menschen, denn irgendwo müssen Inspirationen für Charaktere der Erzählungen ja herkommen.

Es macht Freude, Helga Schubert und ihrer Hommage an Tschechow zu lauschen, denn sie ist eine Kennerin. Nicht nur hat sie alle seine Werke und Briefe gelesen, sondern sie hat auch auf Reisen in die UdSSR Lebensorte von Tschechow besucht. Vor allem aber tönt die Liebe zum Schreiben und zu den beschriebenen Menschen aus jeder Zeile dieses Buches. Einfach schön.

Helga Schubert über Anton Tschechow, Herausgeber: Volker Weidermann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2023, 112 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Mittwoch, 31. Mai 2023

Böses Glück, Tove Ditlevsen

Endlich liegen einige von Tove Ditlevsens Kurzgeschichten erstmals in deutscher Übersetzung vor! Die englische Version hatte ich bereits hier vorgestellt (The Trouble with Happiness), in der phantastischen Übersetzung von Ursel Allenstein fließt der Text aber noch ein bisschen schöner.

Die Geschichten wurden im dänischen Original erstmals 1952 und 1963 veröffentlicht, spiegeln also auch den Zeitgeist dieser Jahre wieder. Liest man die zumeist aus weiblicher Perspektive geschriebenen Erzählungen, wird deutlich, dass ein Frauenleben damals ohne die Ehe nicht vollständig sein konnte. Wert und Selbstwert der Frau wurden an ihren Heiratschancen gemessen. Auch wirtschaftlich war ein Auskommen außerhalb des elterlichen Hauses ohne Mann kaum denkbar. Auch war jede Frau ganz selbstverständlich mit der Erwartung konfrontiert Kinder zu bekommen.

Welch hohen Preis die Frauen für die Heirat und Absicherung zu bezahlen hatten, wird in den Geschichten augenfällig. Denn auch wenn eine Ehe unglücklich war, der Mann trank und gewalttätig war, war das kein Trennungsgrund. Auch das lag im Bereich des Normalen, so scheint es. Frauen hatten keine hohen Erwartungen an ein erfülltes Leben zu stellen. Sie hatten froh zu sein, wenn einer sie zur Frau nahm.

Besonders auffällig wird dies in der Geschichte „Der Regenschirm“. Das Eheleben ist eintönig und langweilig, die erste Verliebtheit verflogen, die eheliche Wohnung praktisch eingerichtet, aber das Geld knapp. (Ditlevsens Geschichten spielen in der Regel im Arbeitermilieu.) Da Helga als Kind einmal eine elegante Dame mit einem Regenschirm gesehen hatte, wurde diese Luxusgegenstand zum Inbegriff ihrer Träume von einem schönen Leben. Hätte sie nur auch so ein Ding, wäre das Leben elegant und glamourös! Sie schafft es tatsächlich, sich einen Schirm zusammenzusparen. Doch das Ende lässt sich erahnen: Er hat nicht den gewünschten Effekt.

„Ich sah ihn nicht an, als ich mich verabschiedete. Ich fragte nicht, mit wem er sich verlobt hatte. Ich wusste, dass er sie nie zu uns nach Hause einladen könnte. Diese Familie eignete sich nicht dazu, neue Mitglieder aufzunehmen.

Drei Tage nach dem Tod meiner Tante zog ich in ein Zimmer zur Untermiete. Meine Mutter war zu sehr am Boden zerstört, um es wirklich zu verstehen. Ich nutzte ihren Zustand aus, um ihr zu erzählen, dass ich bald heiraten würde. Da sagte sie etwas Merkwürdiges. ‚Es ist egal, wen man heiratet.‘ Ich habe nie verstanden, was sie damit meinte.“ (aus „Böses Glück“, S. 171)

Ein weiteres Merkmal der Ehe in den 50er Jahren scheint außer der Ärmlichkeit des Lebens auch zu sein, dass Mann und Frau nicht miteinander über Herzensdinge reden. So beleuchtet die Story „Meine Frau tanzt nicht“ den inneren Monolog einer Ehefrau, die nicht wagt, über ihre körperliche Behinderung mit ihrem Man zu sprechen, obwohl diese für jeden ersichtlich ist. Die Scham ist zu groß. Dennoch macht sie sich stundenlang Gedanken darüber, wie ihr Mann wohl in Wahrheit darüber denken mag und was dieser Makel mit ihrem Wert als Ehefrau macht. Dabei wird eine so große innere Distanz des Paares offenbar, dass einem kalt wird.

Auch die Rolle der Kinder in einer Familie wird angesprochen. Dabei könnte man zuweilen glauben, Kinder seien Manövriermasse wie Möbelstücke. Was geschieht mit ihnen im Falle der Trennung? Wer kommt für sie auf, wenn der Ehemann sich eine Neue sucht? Sind sie manchmal nur der Blitzableiter für die Launen des Vaters?

Die besondere Stärke der Geschichten ist ihre menschliche Authentizität. Man fühlt die gesellschaftliche  Atmosphäre der Nachkriegsjahre, die Sehnsucht nach ein bisschen Glück und Glanz im von harter Arbeit geprägten Leben. Dabei werden ganz alltägliche Begebenheiten geschildert, die jede von uns erlebt haben könnte, eine Trennung, ein Hauskauf, ein mitgehörtes Telefonat oder Gespräch. Zumeist bleibt das Augenmerk auf der weiblichen Lebenswirklichkeit, indem auch Themen wie Fehlgeburt und Abtreibung als Teil des Alltags von Frauen geschildert werden. Tove Ditlevsen macht diese Stimmungen erlebbar, indem sie gerade die Gedanken oder scheinbar belanglosen Sätze des Alltags aufschreibt, über die wir uns oft keine Gedanken machen.

Tove Ditlevsens Kurzgeschichten sind vom gleichen hohen literarischen Wert wie ihre Romane. Mit wenigen Worten schildert sie durch Alltagsbegebenheiten die Stimmung einer ganzen Generation, die bis heute in unserer Gesellschaft nachwirkt. Sie stellt das Erleben von Frauen in den Mittelpunkt, wie es zu ihrer Zeit in dieser realistischen Art und Weise wohl kaum jemand getan hat. Unbedingt lesen!

Böses Glück, Tove Ditlevsen, aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag, Berlin, 2023, 176 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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Zusatzinfo:

Weitere Rezensionen zu Titeln von Tove Ditlevnsen findet Ihr hier: 

Kindheit

Jugend

Abhängigkeit

Gesichter

Wilhelms Zimmer

Straße der KIndheit

Als Anneliese dreizehn war...

Sonntag, 21. Mai 2023

Der Traum von einem Baum, Maja Lunde

Gerade ist der vierte und letzte Band von Maja Lundes Klimaquartett erschienen. Nach Bienen, Wasser und Artensterben spielen diesmal ein Baum und Pflanzensamen eine Rolle. Der vierte Band lässt sich – wie die anderen drei auch – unabhängig von den anderen Bänden lesen. (Hier geht es zur Rezension des dritten Bandes, Die letzten ihrer Art.)

Anders als in den Vorgängerbänden bleibt die Geschichte diesmal auf einer einzigen Zeitebene, größtenteils im Jahr 2110, also mehr als 110 Jahre in der Zukunft. Haupthandlungsort ist Spitzbergen, eine Inselgruppe nördlich des Polarkreises (gehört heute zu Norwegen). Die wenigen dort lebenden Menschen haben sich von allen anderen Menschen der Welt isoliert, Hafen und Flughafen demontiert, große Teile von zivilisatorischen Eingriffen in die Natur zurückgebaut und versuchen im Einklang mit der Natur zu leben. Aber Bäume wachsen dort schon lange nicht mehr. Auf der Insel befindet sich eine Saatgutsammlung mit Millionen Arten aus aller Welt.

Bereits zu Beginn der Geschichte erfahren wir, dass ein großes Unglück geschehen sein muss, so dass nur eine Handvoll Kinder auf der Insel übriggeblieben und nun auf sich allein gestellt sind. Mittels eines Funkgeräts haben sie Kontakt aufgenommen zu Menschen in Sichuan, die sich auf den Weg nach Spitzbergen gemacht haben. Sie haben großes Interesse an der Saatgutbank. Aber etwas geht schief.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Tommy und Tao erzählt. Tommy ist 17 Jahre alt und der älteste von mehreren Brüdern. Seine Großmutter ist die Hüterin der Saatgutsammlung. Tao lebt in Sichuan und gehört zu der Gruppe von Menschen, die zu den Kindern nach Spitzbergen unterwegs ist. Die Lebenswirklichkeit in beiden Ländern wird sehr unterschiedlich geschildert. Die Welt ist geprägt von den verheerenden Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels, Menschen müssen auf vieles verzichten, was uns heute selbstverständlich ist. Es wird die Frage aufgeworfen, wie Menschen in diesen Zeiten leben sollten. Dass die Natur nicht auf den Menschen angewiesen ist und durch dessen Aussterben nicht bedroht wird, ist allen klar. Darf also der Mensch Dinge tun, die nur seinem eigenen Überleben dienen? Was soll mit der wohl einzigen noch existierenden Saatgutbank der Welt geschehen? Dürfen Menschen sie jetzt zur Aussaat nutzen? Wenn ja, wer und wo? Was passiert, wenn die Aussaat nicht gedeihen sollte? Sollten Menschen versuchen möglichst autark in kleinen Gruppen zu leben oder sollten sie sich weltweit zusammenschließen?

„Was sollen wir mit der Welt da draußen, pflegte seine Großmutter zu sagen, und es war keine Frage, sondern eine Feststellung. (…) Wir bringen hier etwas zustande, was der Mensch früher nicht geschafft hat, konnte sie sagen. Wir können stolz darauf sein, dass es uns gelingt, etwas zu bewahren, obwohl es uns gibt. (…) Wir können stolz darauf sein, dass es uns gelingt, die große Liebe über die kleine Liebe zu stellen, die wir uns selbst und den wenigen Individuen, deren Gene wir teilen, entgegenbringen.“ (S. 116/117)

Der dystopische Roman stellt die moralischen Fragen, die sich nach dem Eintritt des Klimawandels stellen, wenn große Teile der Tier- und Pflanzenwelt bereits zerstört sind. Er ist aber auch eine spannende Geschichte, in der wir nur nach und nach erfahren, was in Spitzbergen eigentlich passiert ist und wie es zur Ausgangssituation des Romans gekommen ist. Gefühle der Isolierung, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit werden geschildert, die uns an unsere Erfahrungen der Coronapandemie erinnern. Trotz der Melancholie hat mich das düstere Szenario bald in seinen Bann gezogen. Ich musste gespannt weiterlesen und einfach wissen, was mit den Menschen passiert.

Ein würdiger Abschluss des Klimaquartetts! Mich hat die Geschichte gefesselt.

Der Traum von einem Baum, Maja Lunde, aus dem Norwegischen übersetzt von Ursel Allenstein, btb Verlag, München, 2023, 560 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...