Die dänische Autorin Tove Ditlevsen war für mich die literarische
Entdeckung des letzten Jahres, als ihre Kopenhagen-Trilogie erstmals
vollständig auf Deutsch erschienen ist (vgl. meine Rezensionen zu „
Kindheit“, „
Jugend“
und „
Abhängigkeit“). Auf der Suche nach weiteren ihrer vielfältigen Texte bin
ich nun auf die erstmalige englische Übersetzung einiger ihrer Kurzgeschichten
gestoßen, die vor wenigen Tagen erschienen ist. Eine deutsche Ausgabe liegt
bisher nicht vor. Nur für zwei der zwanzig in dem Band enthaltenen Geschichten ist
vermerkt, dass sie auf Dänisch 1952 bzw. 1963 erstmals erschienen sind. Die Erzählungen
dürften also über einen längeren Zeitraum entstanden sein.
Die Themen der Geschichten sind unverkennbar Tove Ditlevsen!
Sie spielen im Arbeiter- und Kleinbürgermilieu in Dänemark, wahrscheinlich um
die Zeit ihrer Entstehung herum, also etwa in den 50er und 60er Jahren des
letzten Jahrhunderts. Es geht um alltägliche Situationen, die fast immer aus
der Perspektive von Frauen geschildert werden. Besonderes Augenmerk gilt der
Rolle der Frau in Ehe und Familie. Zumeist wird ein düsteres Bild gezeichnet,
in dem die (oft mittelalte) Frau sich schmerzvoll, zuweilen resigniert abzufinden
hat mit einer wenig glücklichen Ehe. Eine Frau muss heiraten, um versorgt zu
sein. Um den Mann zu behalten, muss sie auf dessen Launen und Erwartungen
Rücksicht nehmen (einschließlich Toleranz für Ehebruch oder Trunksucht). Geht
er, hat sie schnellstens einen neuen zu finden, mit dem es ihr kaum besser ergehen
wird. Das Alleinleben einer Frau ohne Ehemann scheint keine realistische Alternative
gewesen zu sein. So entsprach es wohl auch der Lebenswirklichkeit der Autorin,
die in ihrem Leben viermal verheiratet war.
Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie nicht auf einen
äußeren Handlungsablauf setzen, sondern auf das innere Geschehen ihrer
Erzählerinnen. Zumeist geschieht gar nicht viel, aber eine kleine Sequenz ist
mit großer Bedeutung aufgeladen durch die entsprechende Bewertung der
Erlebenden.
Der Ton ist ganz anders als etwa in der Kopenhagen-Trilogie.
Vielleicht ist der Schreibstil erst später zu der sehr bildhaften Sprache der
Romane gereift. Wahrscheinlicher steht jedoch Absicht dahinter, den Ton der
kürzeren Stücke nüchterner und sachlicher zu fassen. Dennoch teilt sich das
Innenleben der Protagonistinnen sehr erlebbar und intensiv mit.
Besonders gefallen hat mir die erste Geschichte, „The
Umbrella“. Helga, eine Ehefrau aus kleinen Verhältnissen, wünscht sich einen
Regenschirm, also einen Gegenstand, der nicht zwingend zum Leben erforderlich
ist. Als sie ihn endlich kaufen kann, führt er nur zu sehr kurzer, aber inniger
Freude:
„Once she was inside, she opened the umbrella and skipped
around the apartment with it. Her joy was pristine. She walked just like the
woman in the yellow dress from her childhood. She walked past piles of dirty
dishes, through large, bright rooms with palm trees in the corners and
paintings on the walls. She entered an illuminated ballroom and remembered her
first dance.“ (S. 16)
Den Verlust des Schirms sieht sie als Sinnbild dafür, dass
es ihr eben nicht vergönnt ist, in einen besseren Zustand mit mehr Freude zu
wechseln. Schon der erste Satz der Erzählung weist Helga die Schuld für ihr
Ungemach zu:
„Helga had always – unreasonably – expected more from life
than it could deliver.“ (S. 3)
Hervorzuheben ist ferner die letzte und
titelgebende Geschichte des Bandes, „The Trouble with Happiness“. Sie beschreibt
eine junge Frau, die Schriftstellerin werden und ohne Wissen ihrer Eltern ihre
Gedichte veröffentlichen möchte. Dabei ist es ihr kaum möglich, einen Augenblick
allein in der Familienwohnung zum Schreiben zu finden, da die mit den Eltern bewohnten
Zimmer derart beengt sind. Hier findet sich eine Kurzversion dessen, was Tove
Ditlevsen in „Kindheit“ und „Jugend“ über ihr eigenes Elternhaus geschrieben
hat, in dem sie begonnen hatte zu schreiben. Es finden sich auch bekannte
Details darin, wie etwa Toves nur durch einen Vorhang abgeteilten Schlafbereich
im Wohnzimmer oder die Tante, deren Besuchen weit mehr Aufmerksamkeit gezollt
wird als Toves Schreibversuchen.
Wie in anderen ihrer Werke zeichnet Tove Ditlevsen auch in
ihren kurzen Erzählungen ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit. Patriarchale
Strukturen werden nicht nur selbstverständlich hingenommen. Die unglücklichen
Frauen geben sich auch stets selbst die Schuld am Missverhalten ihrer Männer.
Geht ein Mann fremd, so liegt das an der Unzulänglichkeit seiner Frau im Bett,
war ein gängiges Erklärungsmuster der Zeit. Und wenn eine Frau etwas nicht
versteht, wird das wohl daran liegen, dass sie zu dumm und unerfahren ist. Die
Figuren äußern keine offene Kritik an den Verhältnissen. Ihre genaue Beschreibung
und das Nachempfinden aus Frauensicht sind jedoch Anlass zum Nachdenken genug
und sprechen für sich. Dies dürfte die enorme Popularität der Autorin vor allem
bei weiblichen dänischen Lesern ihrer Zeit erklären. Ob männliche Leser der
50er Jahre einen Sinn in diesen Alltagsgeschichten sahen, weiß ich leider
nicht.
Tove Ditlevsens Geschichten
über Frauen in alltäglichen Situationen sind innig und auf den Punkt gebracht.
Sie machen die Realität der Frau in den 50er und 60er Jahren erlebbar, und das
teilweise so eindringlich, dass es mich friert. Der Stil zeigt eine ganz andere
Facette der Autorin, die in den Romanen nicht zu finden ist. Sehr lesenswert!
The Trouble with Happiness and Other Stories, Tove Ditlevsen,
aus dem Dänischen ins Englische übersetzt von Michael Favala Goldman, Penguin
Books UK, 2022, 186 Seiten
(Die Rechte an der Covergestaltung liegen beim Verlag.)