Samstag, 26. Oktober 2019

Frankfurter Buchmesse 2019, Tag 3


Am Freitag, den 18. Oktober fand der dritte und letzte Fachbesuchertag der Messe statt. Immer noch angenehm leere Hallen.

Buchblog Award 2019

Moderatorinnen und Jury des #bubla19
Zum dritten Mal wurde in diesem Jahr der Buchblog Award verliehen, auch kurz #bubla19 genannt. Der Preis wird vergeben von NetGalley Deutschland (einer Internetplattform für digitale Leseexemplare) und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dieses Mal gab es neue Preiskategorien. Neben dem besten deutschsprachigen Buchblog und dem besten Newcomer Buchblog wurden erstmals der beste Verlagsblog und der beste Buchhandlungsblog prämiert. Unter Blog wurden alle Formate zusammengefasst, also nicht nur die klassische Website, sondern ebenso alle Social Media Kanäle wie Instagram, Facebook oder YouTube. Der Trend geht ohnehin dahin, dass Blogger mehrere Kanäle gleichzeitig bespielen.

Die Nominierung erfolgte durch Online-Voting der Blogger und LeserInnen. Den Sieger aus den jeweils 10 (Buchblogs) bzw. 5 (Verlags- und Buchhandlungsblogs) Finalisten kürte eine Jury, zusammengesetzt aus Bloggern, BuchhändlerInnen und VerlagsvertreterInnen.

Zunächst gab es eine Podiumsdiskussion mit der Jury über die Kriterien der Preisvergabe und die Entscheidung, alle Social Media Kanäle gemeinsam zu betrachten, sowie über die Zukunft des Buchbloggens. Es ist der Trend zu beobachten, dass jede Bloggerin sich den Kanal aussucht, der ihr am meisten liegt. Der Vorteil von Instagram wird darin gesehen, dass es dort bereits eine vorhandene Buchcommunity gibt („Bookstagram“), in die man sich leicht einklinken kann. Dort ist die Rückmeldungsintensität hoch, während das Bloggen auf einer eigenen Website manchmal einsam und ohne direkte Rückmeldung sein kann. Der Vorteil der klassischen Blogs ist hingegen, dass dort eine ruhigere, längere Auseinandersetzung mit Büchern möglich ist, da die Texte länger sein können und es nicht so sehr auf Schnelligkeit ankommt wie auf Instagram.

Die Gewinner 2019 sind:

1.       Bester Buchblog: Nachtundtag.blog, Nicole Seifert, Hamburg
2.       Bester Newcomer: dielesendekaethe.de, Katharina Severa, Leipzig
3.       Bester Buchhandlungsblog: @bookupwithjakob, Buchhandlung Jakob, Nürnberg
4.       Bester Verlagsblog: redbug-culture.com/blog, Red Bug Books, Potsdam

Herzlichen Glückwunsch!
 
Illustrationsautomat, Der Illumat

Ein Highlight auf jeder Messe ist für mich der Illumat. Er ist in einer geschlossenen Box auf dem Messestadt des Landes Thüringen angesiedelt. Der Automat gibt kleine Zettel aus, auf die man einen Bildwunsch schreiben kann. Den steckt man durch einen Schlitz zurück in den Automaten und zusätzlich ein paar Münzen als Bezahlung. Nach einiger Zeit wirft der Automat dann mit einem Klingeln den Wunschzettel wieder aus, zusammen mit einer oft überraschenden Originalillustration.

Natürlich handelt es sich nicht wirklich um einen Automaten. In der Box, für die Besucher unsichtbar, sitzen menschliche Illustratoren mit ihren Malutensilien um einen Tisch und lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Keine noch so verrückte Aufgabe ist ihnen zu schwer. Ich habe mir dieses Jahr eine Stadt aus Büchern gewünscht. Weitere schöne Bilder des Illumats findet Ihr auf meinem Instagram-Kanal.

Den Illumat mitsamt Bewohnern kann man übrigens für Partys mieten.

Frankfurt Altstadt

Paulskirche
Da ich an den ersten beiden Messetagen schon die meisten Messestände bewundern konnte (man kommt wochentags einfach so herrlich gut durch), hatte ich Zeit für einen kleinen Abstecher in die Altstadt von Frankfurt. Die alt-ehrwürdige Paulskirche, Wiege der deutschen Demokratie (Paulskirchenverfassung von 1848, die leider nie in Kraft trat, aber ihrer Zeit weit voraus war), war leider geschlossen, da dort Veranstaltungen zur Buchmesse stattfanden. Vor allem wurde dort am letzten Messetag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, dieses Jahr an den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.

Wunderschön waren der restaurierte Römer und die umliegenden Häuser. Leider war der Tag etwas verregnet.

Römer

Freitag, 25. Oktober 2019

Frankfurter Buchmesse 2019, Tag 2


Am Donnerstag, den 17. Oktober war der zweite Fachbesuchertag der Messe. Unter anderem fand eine Preisverleihung statt.

Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen

Jedes Jahr stimmen die unabhängigen Buchhandlungen darüber ab, welches ihr Lieblingsbuch des Jahres ist. Unabhängig sind Buchhandlungen, die nicht zu einer der großen Ketten gehören (z.B. Thalia, Hugendubel, Osiander, Heymann etc.). Es handelt sich nicht um eine Juryentscheidung wie etwa beim Deutschen Buchpreis, sondern es sind Buchhändlerinnen und Buchhändler, die über den Preis abstimmen. Vor der Buchmesse wird eine Shortlist aus fünf Titeln veröffentlicht. Gewonnen hat dieses Jahr der Titel „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens (hanserblau Verlag).

Die Preisverleihung wird ausgerichtet vom Team der „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“, die jedes Jahr Anfang November deutschlandweit stattfindet. Abstimmungsberechtigt sind die Buchhandlungen, die auch an dieser „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“ teilnehmen. Die Veranstaltung sowie die Preisverleihung dienen dazu, den unabhängigen Buchhandlungen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Es sind gerade kleine Buchhandlungen, die die „Nahversorgung“ mit Büchern an vielen Ort außerhalb der Ballungszentren sicherstellen. Sie entscheiden unabhängig über das in ihrem Laden angebotene Sortiment, sichern also Vielfalt im Buchhandel. Dabei haben sie es in der Regel schwerer, das Geschäft wirtschaftlich zu betreiben, da die Verlage den großen Ketten höhere Rabatte beim Bucheinkauf einräumen (wegen der größeren Ankaufsmenge) und das finanzielle Risiko oft auf einem Inhaber allein lastet. Selten liegen diese Geschäfte in Spitzenlagen, da die Miete zu teuer wäre. Oft gehören diese Indie-Buchläden echten IdealistInnen, so dass ich sie gern unterstütze.

Die Woche der unabhängigen Buchhandlungen wird vom 2. bis 9. November 2019 stattfinden.

Gastland Norwegen

Am zweiten Tag hatte ich Gelegenheit, mir den Pavillon des diesjährigen Ehrengastes Norwegen anzusehen. Jedes Jahr darf ein anderes Land seine Literatur auf der Buchmesse vorstellen und dazu den großen Raum im 1. Stock der Halle 1 frei gestalten. Die Norweger zeigten einen klaren skandinavischen Stil – was auch sonst. Die beiden Schmalwände waren so geschickt mit Spiegeln verkleidet, dass der Raum unendlich groß wirkte und man aufpassen musste, nicht gegen die Spiegel zu prallen. Im Raum verteilt gab es künstlerisch gestaltete Tische, jeder hatte eine andere Form und verschieden geformte Aufbauten, auf denen thematisch geordnet Bücher ausgestellt waren, die jeder anfassen und die man hineinlesen durfte. Im Vorfeld der Messe werden in der Regel besonders viele Bücher aus dem Gastland ins Deutsche übersetzt.

Originell war ein Tisch mit lauter silbernen Döschen darauf. Was wie Gewürzbehälter aussah, war eine Sammlung von sehr ausgefallenen und eigenwilligen Düften / Gerüchen. Man sollte erraten, wonach sie riechen und konnte dies anhand von nummerierten Kärtchen sodann überprüfen. Aber ach, Vorsicht war geboten!! Die erste Dose, die ich erwischte, roch nach „toter Oma“ – kein Scherz! Nach diesem derart ekelhaften Dufterlebnis, ließ ich lieber die Finger vom Rest.

Viele norwegische Autoren, die alle hervorragend Englisch sprachen, waren auf der Messe zu Gast. Es gab auf zwei integrierten Bühnen Lesungen, Interviews und Diskussionen. Aufmerksamkeit erregten neben den bekannten norwegischen Krimis vor allem die Kinderbücher aus dem Gastland. Diese sind dafür bekannt, sich auch mit Tabuthemen zu beschäftigen, etwa Tod, Sex, Probleme muslimischer Jugendlicher in Norwegen etc.

Stargäste waren u.a. Karl Ove Knausgård und Maja Lunde („Die Geschichte der Bienen“). Letztere präsentierte ihren gerade erschienenen dritten Roman des Umweltquartetts, „Die letzten ihrer Art“. (Steht schon in meinem Regal und wird bald gelesen werden.) Wusstet Ihr, dass Maja Lunde auch Kinderbücher geschrieben hat?  „Die Schneeschwester“ (eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln) ist ein reich bebildertes Buch, das ich leider noch nicht gelesen habe, das aber beim Durchblättern einen sehr guten Eindruck machte.

Diogenes Talk

Thomas Meyer und Simone Lappert
Ein Highlight war eine Veranstaltung des Diogenes Verlags, Zürich. Die Programmleiterin Ursula Bergenthal stellte vier AutorInnen und ihre neuen Bücher vor.

Thomas Meyer berichtete von seinem Buch „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“, dem zweiten Band über den jüdischen Protagonisten Motti Wolkenbruch. Der Autor stellte sich die Frage, was wäre, wenn es die „jüdische Weltverschwörung“ tatsächlich gäbe. Motti muss mal eben die Welt retten, ist ja klar. Die Geschichte klingt so abstrus, dass es sehr komisch zu werden verspricht. Warum er diesen zweiten Band geschrieben hat, obwohl er beim Schreiben des ersten Buches doch gar keine Fortsetzung im Sinn gehabt hatte, erklärt Thomas Meyer so:
„Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Verlieben, man weiß nicht, warum. Warum dieser „Wolkenbruch“ geschrieben werden wollte oder musste, das weiß nur er.“

Simone Lappert gab eine beeindruckende Vorstellung ihres Romans „Der Sprung“, indem sie den Prolog des Buches (mehrere Seiten) auswendig und emotionsstark deklamierte! Bereits auf der ersten Seite dieses Romans erfährt der Leser, dass eine junge Frau gerade vom Dach eines Hauses springt. Was davor und während ihres längeren Aufenthalts auf dem Dach geschieht, welche Menschen das Ereignis tangiert und welche unterschiedlichen Empfindungen diese haben, wird im Buch geschildert. Der Roman ist für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Doris Dörrie stellte ihr Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ vor und berichtete stolz von ihrem Schreibworkshop im Frankfurter Schauspielhaus am Abend zuvor. 500 schreibende Menschen, auf der Bühne und im Publikum, hätten sie sehr berührt.

Zu guter Letzt beeindruckte der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow bei der Lesung aus seinem Roman „Graue Bienen“ mit seinen hervorragenden Deutschkenntnissen. Der Roman beschäftigt sich anhand der Figur eines Bienenzüchters mit der Situation von Zivilisten im ukrainischen Kriegsgebiet Donbass. Spannendes Thema.

Abgerundet wurde der Abend durch einen Champagnerempfang am Diogenes-Stand.

Donnerstag, 24. Oktober 2019

Frankfurter Buchmesse 2019, Tag 1


Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal an allen Tagen der Frankfurter Buchmesse, die am Mittwoch, den 16. Oktober 2019 begann, teilgenommen. Als Bloggerin hatte ich Zugang zu den Fachbesuchertagen, die für mich der spannendste Teil der Messe waren. (Und nicht so überfüllt wie am Wochenende.) Die Tage waren so vollgepackt, dass ich (anders als in Leipzig) nicht jeden Abend bloggen konnte, sondern nur rasch Bilder auf Instagram hochgeladen habe. Dennoch möchte ich einen ausführlichen Bericht der einzelnen Messetage geben, die alle sehr interessant waren. Insgesamt war die Messe wieder ein wunderbares Erlebnis.

Buchpreisgewinner Saša Stanišič

Wie jedes Jahr wurde kurz vor der Buchmesse der Deutsche Buchpreis verliehen. Gewonnen hat Saša Stanišič mit seinem Roman „Herkunft“. So kam es, dass der sympathische Preisträger natürlich zu den begehrtesten Talkgästen gehörte.

Seinen Roman verfasste er auf Deutsch, obwohl dies nicht seine Muttersprache ist. Er war als Jugendlicher mit seiner Mutter während des Jugoslawienkrieges nach Deutschland geflüchtet. Stanišič berichtete im Interview auf dem Blauen Sofa des ZDF, das das Schreiben für ihn als eine Aneignung des Lebens funktioniere. Es habe ihm nach seiner Ankunft in Deutschland viel daran gelegen, schnell Deutsch zu lernen (was er nun akzentfrei spricht). Die neue Sprache sei sein Rückzugsort gewesen. Er habe mit seiner Familie in einer beengten Unterkunft gelebt, so dass ein Rückzug von der Familie räumlich nicht möglich gewesen sei. Da er aber schneller Deutsch gelernt habe als andere Familienmitglieder, sei ein Rückzug in die deutsche Sprache möglich geworden. Er habe zuhause keinen Raum zum Lernen und Lesen gehabt, dann aber einen Jägersitz im Wald gefunden, wohin er sich zum Lesen deutscher Literatur zurückgezogen habe. Eindrucksvoll berichtete Stanišič, dass sein erstes deutsches Buch, das er dort gelesen habe, „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fallada gewesen sei. Daher freue er sich besonders, in diesem Jahr auch den Hans Fallada-Preis gewonnen zu haben. (Der Preis wird im März 2020 verliehen.)

Natürlich spielte auch Saša Stanišičs Preisrede bei der Verleihung des Buchpreises eine Rolle, in der er sich kritisch über die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke geäußert hatte. Er berichtete, dass er keine Wut auf Peter Handke verspüre, der Greueltaten des Jugoslawienkrieges geleugnet hatte, sondern eher Erschütterung darüber empfinde, dass das Nobelpreiskommitee Handkes Texte über Serbien und Bosnien im Rahmen seines Gesamtwerks anders gewichtet habe, als er es für richtig empfunden hätte. Die Gewichtung zwischen „Literatur und Ignoranz“ sei für ihn eine andere. Daher wolle er gern eine Debatte darüber anstoßen, wie man sich die Wirklichkeit durch Literatur aneigne und welche Grenzen es dabei gebe.

Leider habe ich den Roman „Herkunft“ noch nicht gelesen. Es steht aber ganz oben auf meiner Wunschliste.

BuchhändlerIn versus Story Seller
Werbekampagne des Börsenvereins

Die Zukunft des stationären Buchhandels in Zeiten der Digitalisierung wurde – wie schon im Vorjahr – heiß diskutiert, u.a. in einer Podiumsdiskussion, die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisiert war. Die TeilnehmerInnen kamen aus der Verlagsbranche, dem Buchhandel und vom Börsenverein.

Der Begriff des Buchhändlers wurde teilweise als verstaubt wahrgenommen, da es mehr und mehr nicht nur um das gedruckte Buch, sondern um den Verkauf von Inhalten in unterschiedlicher Form gehe. Daher sei der Begriff des „Story Sellers“ vielleicht in Zukunft angemessener. Der Verlagsvertreter stellte klar, dass es aus seiner Sicht auch in Zukunft keine Verlage ohne stationären Buchhandel geben könne.

Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass die Buchhandlung ein Erlebnisort sein müsse. Für KundInnen stehe nicht mehr das Produkt Buch im Mittelpunkt, das man jederzeit und überall erwerben könne, sondern das Erlebnis des Buchhandlungsbesuchs, bei dem es um das Zusammenkommen mit anderen Menschen, die persönliche Beratung durch BuchhändlerInnen und das Sich-selbst-beschenken gehe. Der Besuch der Buchhandlung solle mit einem Glücksgefühl einhergehen. In diesem Zusammenhang sei es zu sehen, dass insbesondere die großen Filialisten derzeit neue Ladenkonzepte erprobten und z.B. Veranstaltungen wie eine Silent Disco anböten. Auch für kleinere Buchläden haben Veranstaltungen wie Lesungen einen größer werdenden Stellenwert. Das neue Luxusgut sei Zeit, die man nur mit einer einzigen Sache verbringen dürfe. Digitalisierung könne das persönliche Gespräch über Literatur nie ersetzen. Als Gegenkultur zum Handy stehe Entschleunigung durch Lesen hoch im Kurs.

In der Diskussion wurde klar, dass es kein Patentrezept gibt, das für alle Buchhandlungen den Weg in die Zukunft ebnen kann. Wichtig sei, dass jede Buchhandlung ein individuelles Konzept habe, das an den Standort und die eigene Kundschaft angepasst sei. Wichtig sei also, dass Entscheidungskompetenzen über Einkauf und Veranstaltungen dezentral vor Ort angesiedelt seien und vermehrt junge Menschen als BuchhändlerInnen gewonnen würden. Die Bedeutung der Leseförderung an Schulen durch den Buchhandel wurde als bedeutsam herausgestellt, um eine nachwachsende Leserschaft zu garantieren.

Als Projekt für die Zukunft waren sich Verlagsvertreter und Buchhändler darüber einig, dass mehr gegenseitige Verstärkung stattfinden müsse. Die Verlage könnten dem Buchhandel besser aufbereiteten Content zu ihren Büchern zur Verfügung stellen, damit dieser vom Handel stärker auf den Social Media Kanälen verbreitet werden könnte. Die zeitaufwändige Erstellung eigenen Contents lohne sich gerade für kleinere Buchläden oft nicht. Auch sollten sich Verlage und Handel stärker gegenseitig reposten und taggen, um die Sichtbarkeit in Social Media zu verstärken. Social Media erreiche bei Weitem nicht nur junge Menschen, sondern vermehrt auch die Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren.

Doris Dörrie, Leben, Schreiben, Atmen

Doris Dörries Buch habe ich auf dem Blog bereits besprochen (vgl. meine Rezension). Es war interessant, die Autorin im Interview noch einmal über das Buch sprechen zu hören. Doris Dörrie rühmt sich, sie könne jedem binnen 10 Minuten beibringen zu Schreiben. (Dies stellt sie in ihren Workshops regelmäßig unter Beweis.) Sie sehe, wie glücklich die Erkenntnis Menschen mache: Ich kann schreiben!

Es gehe ihr in erster Linie darum Menschen zu zeigen, wie reich das eigene Leben sei, wenn man richtig hinschaue. Jeder habe etwas zu erzählen. Dies wirke wunderbar dem verbreiteten Gefühl des eigenen Nichtgenügens entgegen, dem Gefühl, das eigene Leben sei so klein.

Ob ihre Technik des Schreibens denn immer funktioniere? Dazu sagt Doris Dörrie: „Schreibblockaden leisten sich nur Autoren, die zu viel Zeit haben.“ Sie berichtete von ihrem Alltag als arbeitende Mutter, in dem sie jedes 10 Minuten-Zeitfenster zum Schreiben genutzt habe, eben die Zeit, die der Reis zum Kochen brauchte. „Bei Pasta sind es sogar nur 8 Minuten.“ Es gehe darum, jede Möglichkeit zum Schreiben zu nutzen und dass 10 Minuten genug sein könnten.

Ob Wahrheit eine Rolle bei diesem Schreiben spiele? Doris Dörrie erklärte, dass man sich schreibend auf die Schliche kommen könne, wo man die eigene Geschichte in der Erinnerung verändert habe. So erinnere man sich manchmal an Ereignisse, obwohl man nachweislich gar nicht dabei war. Das sei doch interessant.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Ein Baum wächst in Brooklyn, Betty Smith

Dieses zauberhafte Buch wurde erstmals auf Englisch im Jahr 1943 veröffentlicht und hat sich seitdem zu einem Klassiker entwickelt. Die Geschichte beginnt in Brooklyn, New York 1912. Der Roman zeichnet mit vielen Details das Bild dieses großen Stadtteils von New York vor dem 1. Weltkrieg, als viele Arbeiter und europäische Einwanderer dort lebten, manche mehr schlecht als recht.


Erzählt wird die Geschichte von Francie, einem sensiblen elfjährigen Mädchen, das eine große Beobachtungsgabe hat. Sie lebt mit ihrem Vater, der ein singender Kellner ist, ihrer Mutter, die als Hausmeisterin und Putzfrau arbeitet, und ihrem jüngeren Bruder Neeley in den typischen Brooklyner Mietshäusern mit Feuertreppe. Francie ist fasziniert, als sie in der Schule lesen lernt. Sie nimmt sich vor, ab sofort jeden Tag ein Buch zu lesen. Die Bücher leiht sie in der öffentlichen Bibliothek aus und liest sie in alphabetischer Reihenfolge, wie sie eben dort stehen.

„Eine ganze Weile lang hatte Francie einzelne Buchstaben gesprochen und dann die Laute zu einem Wort verbunden. Eines Tages aber schaute sie auf eine Seite, und sofort hatte das Wort „Maus“ eine Bedeutung. Sie betrachtete das Wort, worauf ihr das Bild einer grauen Maus durch den Kopf lief. Sie schaute weiter, und als sie das Wort „Pferd“ sah, hörte sie, wie es mit den Hufen auf der Erde scharrte, und sah die Sonne auf seinem glänzenden Fell schimmern. (…) Sie las schnell ein paar Seiten, und ihr wurde vor Aufregung fast übel. Sie wollte es hinausschreien. Sie konnte lesen! Sie konnte lesen!“ (S. 211)

Das Leben ist hart, oft hungert und friert die Familie. Aber im Sommer gibt es nichts Schöneres für Francie, als mit ihrem Buch auf der Feuertreppe zu sitzen, die vom grünen Blätterdach eines Baumes eingehüllt ist. Das ist wie eine grüne Höhle.

Der Baum im Hof ist ein Sinnbild für Francies karges Leben. Der Baum wächst aus dem asphaltierten Boden, wo eigentlich gar nichts wachsen kann. Er wird nicht gegossen oder gedüngt. Einmal wird der Baum sogar abgeschlagen, aber selbst aus dem Strunk wächst ein neuer Baum empor. Da wo andere nur Alltagsgrau sehen, sieht das phantasievolle Mädchen kleine Flecken von Schönheit. In der Leihbücherei gibt es einen Krug, in dem stets frische Blumen stehen. Niemand außer Francie scheint die Blumen zu beachten, aber ihr machen sie Freude.

Es dämmert Francie, dass Bildung der einzige Weg ist, aus dem Teufelskreis der Armut zu entkommen, in dem die Eltern jeden Penny sparen und von einem Wochenlohn zum nächsten leben müssen. Aber wie bekommt man Bildung, wenn die Eltern keine haben? Wenn das Geld so knapp ist, dass jede Hand zum Geldverdienen gebraucht wird?

Schulbildung ist nicht das einzige, aus dem Francie lernt. Das Leben und ihre Beobachtungsgabe lehren sie auch sehr viel. Während sie aufwächst, erkennt Francie mehr und mehr das Wesen der Menschen, die sie umgeben. Warum handelt die Mutter so, ihre Tante anders, wie verhält es sich zwischen Männern und Frauen, womit kalkulieren die Händler und Geschäftsleute im Viertel?

Obwohl Armut, Elend und Schicksalsschläge in der Geschichte beschrieben werden, habe ich den Roman nicht als traurig empfunden, sondern als ermutigend. Francie geht ihren Weg trotz aller Widerstände. Sie ist ein liebenswertes, mitfühlendes, aber isoliertes Mädchen mit viel Phantasie. Die Erzählweise ist langsam und zart. Man hört den Lärm auf dem Kopfsteinpflaster, riecht Kohlen und Schmutz, sieht die Sonne auf den Blättern des Baumes tanzen – die damalige Welt in Brooklyn wird sehr lebendig in der Erzählung. Die Charaktere sind lebhaft gezeichnet, auch in ihrer Veränderung, während wir in der Rückblende bis vor Francies Geburt zurückblicken und Francies Aufwachsen bis zur Pubertät miterleben.

Ein Coming-of-age-Roman der besten Sorte, liebevoll und detailreich erzählt, zu Recht ein Buch, das Generationen begeistert hat.

Ein Baum wächst in Brooklyn, Betty Smith, aus dem amerikanischen Englisch von Eike Schönfeld, Insel Verlag, Berlin 2018, 622 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Leben Schreiben Atmen, Doris Dörrie

Autobiografisches Schreiben ist das Thema dieses Buches. Noch bevor ich es gelesen hatte, habe ich an einer Schreibübung daraus teilgenommen. Meinen Text findet Ihr hier. Und siehe da, damit habe ich das Buch gewonnen! Nun kann ich auch über den weiteren Inhalt berichten.

Doris Dörrie ist als Filmregisseurin und Autorin bekannt. Sie unterrichtet aber auch Creative Writing an der Filmhochschule München. Meist geht es beim Schreiben darum Texte zur Veröffentlichung bzw. Verfilmung zu erstellen. Dieses Buch hat jedoch einen anderen Ansatz. Es ist „Eine Einladung zum Schreiben“, wie der Untertitel verrät, und zwar an jede und jeden. Das Schreiben soll so selbstverständlich vonstattengehen wie das Atmen, eben Teil des Lebens sein. Vor allem aber soll es das Leben bereichern, indem es die Schreibenden stärker wahrnehmen lässt.

Ist das nun also ein Sachbuch, ein Schreibratgeber? Nicht nur. Denn Doris Dörrie demonstriert ihre Ideen durch eigenes autobiografisches Material. Kapitel für Kapitel erzählt sie aus ihrem Leben, teilt Kindheitserinnerungen, assoziiert zu alltäglichen Begriffen. Das liest sich ein bisschen wie ihre Lebensgeschichte in Schlaglichtern, nicht chronologisch, absolut nicht vollständig, sondern eher auf der Basis zufälliger Details. Am Ende jedes Kapitels finden sich Schreibanregungen, mit denen Texte ähnlich dem gerade gelesenen Kapitel entstehen könnten.

„Nachts macht sich mein Vater ab und zu eine Büchse Haifischflossensuppe auf. Fahre ich später wegen dieser Suppe auf einem Haifischfangboot bis zu den Galapagos-Inseln? Das Boot ist winzig und das Meer wild. Ich kenne ein solches Meer nicht und habe in jeder Minute Angst. Die gefangenen Haie werden an der Schwanzflosse aufgehängt, damit sie so ersticken. Der Kapitän und sein Helfer braten jeden Tag Fisch und Bananen, etwas anderes gibt es nicht.“ (S. 22/23)

So demonstriert die Autorin, wie sie zwanglos von einer Geschichte über ihre Eltern zu den Galapagos-Inseln wechseln kann. So funktioniert freie Assoziation, ein Schreiben ohne innere Zensur. Abschweifen erwünscht. Unter dem Kapitel findet sich die Erläuterung:

„Blödsinn oder nicht? Marcel Proust hat nicht anders gearbeitet, er nannte es „mémoire involontaire“, unwillkürliche Erinnerung. Alles erinnert. Wohin führt es einen? Wie tief kann man tauchen? Schreiben ist Unterwassertätigkeit. (…) Es geht hier nicht darum Verwertbares zu schreiben, ein Produkt herzustellen, das sich verkauft, oder Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, aufmerksam und vorurteilsfrei dem eigenen Gehirn zuzuschauen und zuzuhören.“ (S. 23/24)

Doris Dörrie gibt viele Anregungen, die als Aufhänger zum eigenen Schreiben dienen können, angefangen bei der Einkaufsliste bis hin zu alltäglichen Dingen. Über Brot schreiben zum Beispiel. Oder über den eigenen Vater, die eigene Mutter. Sie weist auf die Bedeutung von Details hin. Einfach mal versuchen den Fußboden des eigenen früheren Kinderzimmers zu beschreiben. Welchen Unterschied macht es, etwas in der ersten oder in der dritten Person zu schreiben? Diese Einladungen führen einen zurück zu den unterschiedlichsten Erinnerungen, schönen und weniger schönen. Vor allem aber führt diese Art des Schreibens zu mir selbst. Und Spaß macht es außerdem. Denn was ich schreibe, gehört nur mir. Ich muss es niemandem zeigen. Dennoch trainiert es den „Schreibmuskel“, wie Doris Dörrie sagt, bringt also auch diejenigen weiter, die ihre Texte irgendwann gern veröffentlichen möchten.  

Ein Buch zum stressfreien Schreiben, nur für mich, nur aus Spaß. Da wird selbst die Einkaufsliste zur puren Poesie.

Leben Schreiben Atmen, Doris Dörrie, Diogenes Verlag, Zürich 2019, 288 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für dieses Buch, das ich in einem Gewinnspiel als Preis erhalten habe.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...