Dienstag, 12. Mai 2020

Karl, Paul Sahner

Karl Lagerfeld, vor über einem Jahr im Alter von 85 Jahren verstorben, hat die Modewelt geprägt wie kaum ein Zweiter. Das liegt nicht nur an seiner ungewöhnlich großen Vielzahl von Kollektionen und Entwürfen pro Jahr, sondern auch an seiner Persönlichkeit. Mit geschwätziger Kodderschnauze hat er manches kommentiert, auch gern sich selbst.

Der Autor Paul Sahner war Chefredakteur der Zeitschrift „Bunte“, also bestens mit den Reichen und Schönen vertraut. Er hat Karl Lagerfeld oft interviewt und ihn an seinen diversen Wohnsitzen besucht. Aus diesem Material hat er diese Biografie zusammengestellt. Erzählender Text wechselt sich ab mit teils längeren Interviewpassagen, in denen „Kaiser Karl“ im O-Ton wiedergegeben ist.

Der Einstieg ins Buch fiel mir etwas schwer, da die ersten beiden Kapitel sich eher allgemein mit Karl beschäftigen. Da fehlte mir etwas der rote Faden. Ab dem 3. Kapitel aber wird der Text chronologisch und beginnt in den 1920er Jahren mit Karls Eltern. Im Verlauf des Buches wird man hören, dass Karl sich oft drauf beruft, was seine (teils verbal ruppige) Mutter ihm als Kind beigebracht habe. Sie an den Anfang zu stellen, erscheint daher angemessen. Der meist abwesende Vater war Kondensmilchfabrikant. Dieser Umstand führte nicht nur zu einem begüterten Leben von Anfang an, sondern auch dazu, dass der 1933 geborene Karl in Kriegszeiten nie zu hungern brauchte.

Karl beschreibt sich als einen Sonderling, der schon als Kind mit Gleichaltrigen nichts anfangen konnte. Das mag man glauben, wenn man sich den wohlgekleideten Knaben aus gebildetem Hause vom Gut Bissenmoor in Holstein im Kreise der Mitschüler im ländlichen Bad Bramstedt vorstellt.

Wir schlendern durch Karls schillerndes Leben, das er schon als Jugendlicher nach Paris verlegt hat, vom ersten Modepreis für den berühmten Mantel über den kometenhaften Aufstieg bei Fendi und Chloé bis hin zu Chanel. Die Geschichte endet 2009 mit der Veröffentlichung der Hardcover-Ausgabe des vorliegenden Buches. In der Taschenbuch-Ausgabe von 2017 hat die Journalistin Katharina Pfannkuch weitere Kapitel zu den Jahren 2009 bis 2017 angefügt. Diese enthalten jedoch nur noch einzelne Originalzitate von Karl aus anderen Publikationen. Paul Sahner ist bereits 2015 verstorben und konnte seine Interviews somit nicht mehr fortsetzen. Die letzten beiden Jahre bis zu Karls Tod im Jahr 2019 bildet das Buch nicht ab.

„KARL: Der Tod ist beinahe amüsant, denn Milliarden von Leute sind schon vor uns gestorben. Also ist es interessant, zu erfahren, wie man den Tod selbst erleben wird. Ohne Angst, nur als ein Experiment, weil man sich nicht zu ernst nehmen darf. Wir sind nur Eintagsfliegen im Verhältnis zum Weltall.“ (S. 135 der Hardcover-Ausgabe)

Natürlich geht es in diesem Buch nicht nur um die Mode, sondern auch um Karls Weggefährten, um seinen Lebenspartner, der jung an AIDS verstorben ist, seine prominenten Bekannten wie Caroline von Monacco, die verschiedenen Model-Musen wie Inès de la Fressange und Claudia Schiffer oder Rivalen wie Yves Saint Laurent. Nicht minder ausführlich wird der exzentrische Lebensstil des Modeschöpfers beschrieben, der es zeitlebens liebte, Häuser zu kaufen, sie mit Louis XIV. Möbeln oder Art Deco Style einzurichten, um sie nach Fertigstellung alsbald wieder zu verkaufen. Nicht nur die Wohnsitze wechselten, auch Karl verwandelte sein Äußeres mehrfach radikal, mal Elvis-Tolle, dann Zopf, manchmal Bart, erst Fächer, dann Biker-Handschuhe, mal wohlgenährt, dann dünn wie ein Kleiderbügel.

Der Autor hat einige Hintergrundfakten recherchiert. In der Hauptsache aber spricht Karl über Karl. An ganz wenigen Stellen kommen Dritte, z.B. Wolfgang Joop zu Wort. Der schnodderige Ton, die beißende Ironie und Karls „doch, doch, doch!“ machen den Charme des Buches aus. Man hört seine markante Stimme beim Lesen. In der Mitte des Hardcover-Bandes sind einige Fotoseiten eingefügt. Das hätten für meinen Geschmack ruhig mehr und direkt beim entsprechenden Text sein dürfen. Oft werden bekannte Fotos beschrieben, die ich gern vor mir gesehen hätte, etwa wenn es um Begegnungen mit Helmut Newton oder Karls eigenen Fotografien geht. Man kann sie natürlich begleitend zur Lektüre googeln. Enttäuschend finde ich, dass in der Taschenbuch-Ausgabe gar keine Fotos mehr enthalten sind! Insgesamt aber:

Eine gelungene Lagerfeld-Biografie, in der man meint, selbst beim Plausch mit Kaiser Karl anwesend zu sein.

Karl, Paul Sahner, Hardcover, mvg Verlag, München 2009, 448 Seiten (diese Ausgabe ist nicht mehr lieferbar)

Karl, Paul Sahner, Taschenbuch, mvg Verlag, München 2019, 512 Seiten, 14,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)


Zusatz-Info:

Ein weiteres Buch über Lagerfeld habe ich hier rezensiert: Lagerfeld your life, Anna Basener

Montag, 11. Mai 2020

Die Klatschmohnfrau, Noëlle Châtelet

Manchmal hat man doppeltes Glück: Dieses Buch hat sich den Weg zu mir gesucht aus einem öffentlichen Bücherschrank, dazu herrliche Sonne und ein freies Wochenende. Die roten Mohnblumen leuchteten mich an aus dem Schrank, der Klappentext hat mich verzaubert. Ich habe es in einem Rutsch eingeatmet und dabei keine Minute mein breites Lächeln aus dem Gesicht verloren.

Es handelt sich um eine wunderschön erzählte Liebesgeschichte der 70jährigen Pariserin Marthe, die nach einer enttäuschenden, langweiligen Ehe ihre erste wahre Liebe erlebt. Ihr Erwählter ist der 80jährige Künstler Félix, den sie in einem Bistro kennenlernt. Die Dinge entwickeln sich langsam. Zuerst nickt man sich scheu von Ferne mit einer Tasse Kaffee zu. Eine Hand auf dem Arm, ein gemeinsames Gläschen – dabei empfindet Marthe schon die Tatsache, eine „Verabredung“ zu haben, als ungeheuer aufregend! Marthe hat guten Kontakt zu ihren beiden Kindern und drei quirligen Enkeln. Aber durch den „Mann mit den tausend Halstüchern“ und seinen Hund bemerkt sie erstmalig, dass sie trotz Familie ihr Leben lang sehr einsam neben ihrem inzwischen verstorbenen Mann gewesen ist.

„Félix konzentriert sich ganz auf seine Arbeit. Marthe spürt die Liebkosung des Kohlestifts auf ihren geschlossenen Lidern. Die Musik ist verstummt, gleichsam aus Rücksicht, um Félix‘ Konzentration und Marthes Träumereien nicht zu stören. Eines Tages wird Marthe ihm von der Küchenuhr erzählen. Dann wird sie ihm sagen, wie sich die Zeit in Bewegung gesetzt hat und dank der Ziffer Sieben, der Stunde der Verabredung, Gestalt angenommen hat.“ (S. 123)

Marthe merkt genau, dass ihr Körper zwickt, sie nicht mehr so schnell laufen kann und ihre Haut faltig geworden ist. Mit Würde und wunderschönen Worten erzählt die Geschichte jedoch, dass ehrliche Zuneigung und Liebe alterslos sind und auch mit über 70 körperlich gelebt werden können. Anrührend beschreibt Marthe, wie sich ein Mensch dadurch schön fühlen kann, dass ein anderer ihn mit liebevollen Augen ansieht. Sie denkt wieder an ihre Mädchenzeit, bevor ihr Vater sie verheiratet hatte, in der sie am liebsten eine Bluse mit leuchtend rotem Klatschmohn darauf trug. Diese musste sie als Ehefrau sehr bald gegen Kleider in gedecktem Blau eintauschen, die sie bis heute trägt. Félix aber bringt frischen Wind in ihr Leben, Farbe muss her! Sie dekoriert um, bekommt eine herrliche Stola geschenkt und wagt schließlich den Kauf eines neuen Kleides. Der ewig labberige Tee ist ihr zu langweilig, sie steigt auf Kaffee um. Auch mit 70 Jahren ist es nicht zu spät ein neues Leben zu beginnen und endlich die zu werden, die sie schon immer gern sein wollte, auch wenn sie es längst vergessen hatte.

Für den Vorgängerroman „Die Dame in Blau“ hat die 1944 geborene französische Autorin den Prix Anne de Noailles der Académie Française, 1987 für ein anderes Buch den Prix Goncourt de la Nouvelle gewonnen.

Eine bezaubernd romantische Liebesgeschichte ohne viel Kitsch, ein poetisches Wohlfühlbuch über die Entwicklung zu einer glücklichen Frau.


Die Klatschmohnfrau, Noëlle Châtelet, aus dem Französischen von Uli Wittmann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, 176 Seiten, 8,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...