Freitag, 2. Juli 2021

Vom Ende eines Sommers, Melissa Harrison

England 1933, in einem kleinen Dorf in Suffolk, es ist Sommer. Edith ist 14 Jahre alt und ein Bücherwurm. Sie lebt mit ihren Eltern, dem älteren Bruder Frank und zwei Knechten auf dem Hof, wo der Rhythmus der Farmarbeit jedes Jahr gleich und ihre Welt klein ist. Der große Krieg ist noch nicht lange vorbei, viele Männer sind nicht zurückgekommen. Es ist hart vom Getreideanbau zu leben. Alle müssen mithelfen und doch reicht es nur für das Nötigste. Der Pflug wird noch von Pferden gezogen, der Betrieb moderner Maschinen ist zu teuer. Dennoch hat Edith ein Auge für die Schönheit der Natur um sie herum, die sie poetisch und schwelgerisch beschreibt. Sie befindet sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Die Schule hat sie beendet, einen Liebsten hat sie noch nicht, sie steht an der Schwelle des Erwachsenwerdens, von dem sie noch so wenig weiß, und macht sich Gedanken, was sie wohl vom Leben erwarten darf.

Da kommt die Journalistin Constance FitzAllen aus London ins Dorf. Sie möchte über das urtümliche bäuerliche Leben schreiben, befragt die Leute nach alten Traditionen, Aberglauben und handwerklichen Dingen. Dabei ist sie selbst eine kleine Sensation in ihrer Männerkleidung und mit ihrem unverfrorenen Auftreten. Edith, die auch in der Schule keine Freundin hatte, tut Constances Aufmerksamkeit wohl. Sie freundet sich mit der Erwachsenen an und lässt sich von einem ganz anderen Leben jenseits von Heirat und Farmarbeit erzählen. Constance redet – als einzige Frau – auch von Politik. Hat das etwas mit Ediths Leben zu tun?

„Ich fand Constance beim Hinterhaus, wo sie in unseren Kupferkessel linste, der gerade leer war. „Es ist so schade, dass ihr nicht mehr eure eigene Butter und euren eigenen Käse macht“, sagte sie. „Das habe ich deiner Mutter vorhin schon gesagt. Wir müssen die alten Fertigkeiten unbedingt erhalten.“

Das also hatte Mutter gegen sie aufgebracht.“ (S. 35/36)

Der Roman fängt die Stimmung der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ein, sowohl die ländliche Idylle, als auch die harte Arbeit und die wirtschaftliche Not, dazu die politische Stimmung. Edith erlebt die erste Annäherung eines Mannes, die Erwartungen an sie als junge Frau und bekommt die Alternative des Stadtlebens vor Augen gestellt. Vor allem aber sieht sie zum ersten Mal eine Frau, die ihre eigenen Gedanken äußert und sie für wichtig hält, die ihr Leben ohne Ehemann und Familie gestaltet. Die Frauenfreundschaft, die zunächst so harmlos daherkommt, wird jedoch zunehmend geprägt von Constances politischer Einstellung, von der Edith zunächst nicht viel begreift, bis die Ereignisse sich zuspitzen.

Edith ist eine sehr liebenswerte Protagonistin, die ich gern begleitet habe, die mir jedoch ein bisschen leidgetan hat in ihren Beschränkungen, die ihr als Mädchen auferlegt werden. Sie hat keinen Zugang zu Informationen, weder über Familieninterna, noch über das Dorf oder darüber hinaus. Sie muss die Folgen ihrer Naivität und Isolation allein tragen. Dennoch ist es keine trübsinnige, eher eine nachdenkliche Geschichte. Die Fülle des Erntesommers ist förmlich zu riechen und Ediths Jugend und Neugier tragen die Geschichte.

Ein Sommerbuch mit Tiefgang, das uns daran erinnert, wie viele Wahlmöglichkeiten das Leben bietet oder bieten sollte und daran, dass wir junge Menschen nicht allein lassen dürfen, sondern mit ihnen über das Leben in allen Facetten sprechen sollten, um als Gesellschaft weiterzukommen.  

Vom Ende eines Sommers, Melissa Harrison, aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, DuMont Verlag, Köln 2021, 320 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 26. Juni 2021

Adas Raum, Sharon Dodua Otoo

Adas Raum ist ein komplexer Roman voller Andeutungen, der im wahrsten Sinne des Wortes Raum gibt. Raum für Interpretationen, Raum zum Ausfüllen. Daran hatte ich am Anfang ganz schön zu Knacken. Es ist ein feministischer Roman, der auf vier verschiedenen Zeitebenen spielt. Immer geht es um Ada. Ada ist eine Frau und gleichzeitig viele, sie ist sie selbst und sie ist jede von uns.

Eine Ada lebt 1459 in Ghana. Sie gehört zum Volk der Asante, auch Ashanti genannt. Ein Zitat in der Sprache dieses Volkes ist dem Roman vorangestellt. Ihr neugeborenes Kind ist gerade gestorben, als die Portugiesen in das Land kommen, um es zu kolonialisieren. Ein Reisigbesen, mit dem der Hof gefegt wird, mit dem Ada aber auch geschlagen wird, berichtet über sie.

Dann gibt es eine Ada, die ganz offensichtlich der Mathematikerin Ada Lovelace nachgebildet ist, die den ersten Computer erfand. Sie lebt 1848 in London, ist verheiratet und hat eine Affäre mit dem Schriftsteller Charles Dickens. Der Türklopfer an ihrer Haustür kommentiert das Geschehen.

Eine weitere Ada wird 1945 im KZ Mittelbau-Dora zur Prostitution gezwungen. Ihre Geschichte wird von dem Raum erzählt, in dem sie dieser Tätigkeit nachgehen muss, der alle Freier, aber auch Adas Freundin sieht und hört.

Zuletzt taucht eine Ada in der Jetztzeit in Berlin auf, die alleinstehend und schwanger bei ihrer Schwester lebt und eine eigene Wohnung sucht. Sie ist nicht gerade eine begehrte Mieterin. Ihr britischer Reisepass macht sich Gedanken über die Vorgänge und ist immer dabei.

Anscheinend handelt es sich um Zyklen der Wiedergeburt, denn immer wieder taucht eine Art Zwischenreich auf, in dem Gott selbst zu hören ist. Diese/r (Gott ist nicht männlich!) sorgt dafür, dass das immer gleiche Bewusstsein als unterschiedlicher Gegenstand auf die Welt kommt, der die unterschiedlichen Adas begleitet. In jeder Teilgeschichte spielt ein Armband mit 33 goldenen Perlen eine Rolle. Dessen Bedeutung bleibt der Leserin überlassen. Ist es ein spiritueller Gegenstand wie eine Gebetskette? Ist es ein Schatz des für den Goldhandel berühmten Ashantivolkes? Es kann alles sein. Es zieht sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten, wandert von Ghana über England bis nach Deutschland, wo er als Raubkunst ausgestellt wird.

„Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden. Die Botschaft kann erdrückend sein, wenn mensch meint, sie zum ersten Mal zu hören.“ (S. 127/128)

Allen Frauen gemeinsam ist, dass sie sich in schwierigen Lebensumständen in einer männerdominierten Gesellschaft befinden, in denen ihnen nicht der Respekt und der Lebensraum zur Entfaltung ihres Potenzials zur Verfügung steht. Manche der Adas sind schwarz und weisen auf die schlimmen Folgen von Kolonialismus und Rassismus hin. Das Buch hat ungewöhnliche Erzählperspektiven, von Menschen und Gegenständen. Die Sprache ist kreativ und vor allem Gottes Wortwahl ist sehr überraschend.

Die Geschichten sind traurig, manche gar tragisch. Einige Frauen erleiden schlimme Gewalt. Aber auch die anderen Frauen sind nicht immer so solidarisch, wie man es sich angesichts der schwierigen Umstände für alle wünschen würde. Dennoch scheint Gott – der übrigens berlinert – einen Plan zu haben. Ada soll etwas lernen. Aber was? Vielleicht wieviel besser das Leben sein könnte, wenn Frauen und Männer sich gegenseitig ausreichend Raum zur Entfaltung zugestehen würden? Wenn wir unsere Wurzeln achten und mit freudvollem Respekt behandeln würden z.B. die Kultur der Ashanti? Wenn wir unsere Vielfalt feiern und uns unterstützen statt bekämpfen würden? Das alles wird im Buch nicht ausgesprochen und es gibt weder richtige noch falsche Fragen oder Antworten zu diesem Text. Darauf muss man sich erstmal einlassen beim Lesen.

Ein interessantes und ungewöhnliches Buch, das nicht leicht zu lesen ist, aber sehr zum Nachdenken und Recherchieren über die Hintergründe anregt. Man braucht Zeit, es zu verdauen, aber das lohnt sich!

Adas Raum, Sharon Dodua Otoo, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, 320 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 23. Juni 2021

Auf Erden sind wir kurz grandios, Ocean Vuong

Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon/Vietnam geboren und wanderte mit zwei Jahren in die USA aus. Was er bei diesem Kulturwechsel erlebte, ist in seinen Debüt-Roman miteingeflossen.

Der Erzähler wird von seiner Familie „Little Dog“ genannt, nach der Vietnamesischen Tradition, das jüngste Familienmitglied durch einen hässlichen Namen vor bösen Geistern zu beschützen, damit sie es nicht holen kommen. Er verließ als Kind sein vom Krieg gebeuteltes Heimatland zusammen mit seiner Mutter und Großmutter. Der Krieg hat schwere Wunden bei den beiden Frauen geschlagen, die den Alltag der Familie prägen. Die Großmutter ist psychisch erkrankt und erlebt in Flashbacks ihre schrecklichen Erlebnisse immer wieder. Oft ist sie von der Realität nicht erreichbar. Die Mutter bringt sich und die Familie notdürftig durch mit ihrer Arbeit in einem Nagelstudio. Sie ist Analphabetin, spricht kaum Englisch und arbeitet wie so viele ihrer Landsleute in einem gesundheitsschädlichen Job.

„Ey.“ Der Junge mit den Hängebacken lehnte sich vor, sein Essigatem strich an meiner Wange entlang. „Kannst du überhaupt sprechen? Kannst du Englisch?“ Er packte meine Schulter und zerrte mich zu sich herum. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.“

Er war erst neun, beherrschte aber schon die Mundart kaputter amerikanischer Väter. Die Jungs scharten sich, Unterhaltung witternd, um mich. Ich konnte ihre frisch gewaschenen Kleider riechen, den Lavendel und Flieder der Weichspüler.“ (S. 34)

In diesem Buch schreibt der Erzähler seiner Mutter einen Brief, den sie nie wird lesen können. Er schildert darin seine Sicht dieses Lebens mit seinen vielen Klippen. Er sagt das, wofür es zwischen Mutter und Sohn keine Worte gab. Zwar war der Vater der Mutter ein amerikanischer Soldat, doch ist er nicht präsent. Niemand hilft der Familie aus der sozialen Isolation und in die amerikanische Gesellschaft hinein. Der Erzähler ist schwul und lernt bei einer illegalen Erntetätigkeit seine erste große Liebe kennen. Auch Bildung erlangt er und beschäftigt sich ausführlich mit Literatur.

Die Geschichte ist anrührend, manchmal herzzerreißend, denn die Frauen sind mit dem Leben und der Verarbeitung des Krieges überfordert. Die Mutter gibt die erlebte Gewalt an den sensiblen Sohn weiter. Beide müssen die Großmutter beruhigen, wenn diese sich von vermeintlichen Bomben und Feinden bedroht fühlt. Neben diesen täglichen Schwierigkeiten und der ständigen Geldknappheit ist kein Platz, um über Homosexualität zu sprechen. Auch befürchtet der Erzähler, von seiner Mutter verstoßen zu werden. Er sehnt sich so sehr nach Liebe, die er bei dem jungen Mann zu finden hofft, den er in seinem Job kennenlernt. Die beiden Männer entdecken gemeinsam die Sexualität, aber auch die Scham und das Stigma des Schwulseins. Der Autor beschreibt die Gefühlswelt seines Erzählers sehr einfühlsam und nachvollziehbar in einer wunderschönen, bildreichen Sprache. Die Loyalität des Jungen zu seiner Familie ist enorm, seine Geduld fast grenzenlos. Er kennt es nicht anders, als dass Liebe und Schmerz miteinander einhergehen. So ist die Geschichte zugleich bedrückend und anrührend.

Ein nachdenklicher Roman über einen von Millionen Einwanderern in den USA, das Trauma des Vietnamkriegs, das bis heute fortwirkt und die Suche eines jungen schwulen Mannes nach Liebe und Identität. Er steht für die Geschichte so vieler Geflüchteter in aller Welt.

Auf Erden sind wir kurz grandios, Ocean Vuong, aus dem Englischen übersetzt von Anne-Kristin Mittag, Carl Hanser Verlag, München 2019, 270 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:

Der Roman ist gerade als Taschenbuch bei btb erschienen und kostet 11,00 EUR.

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...