Donnerstag, 4. März 2021

Kalmann, Joachim B. Schmidt

Ein Schweizer Autor zieht nach Island – was dabei herauskommt ist: Kalmann! In dem kleinen Ort Raufarhöfn im Nordosten der kalten Insel leben weniger 200 Personen. Einen besonderen Platz in der Gemeinschaft hat Kalmann. Manche nennen den Mitte-Dreißigjährigen den „Sheriff von Raufarhöfn“, andere den Dorftrottel. Richtig ist, dass Kalmann anders ist als viele, aber dumm ist er nicht.

Der Roman lebt von seiner Titelfigur und dessen unfreiwilligen Witz, der mehr Tiefgang hat als man zunächst annimmt. Mit der Schule hatte Kalmann nicht viel am Hut. Für das Leben hat er das meiste von seinem Großvater gelernt, der Kalmanns Talente immer zu schätzen wusste. Vom Großvater hat er die Herstellung von Gammelhai gelernt und zu seinem Beruf gemacht. Nein, nein, kein Lebensmittelskandal, sondern eine isländische Spezialität. Seinen amerikanischen Vater kennt Kalmann nicht wirklich, aber dieser hat ihm einen Cowboyhut, eine Weste mit Sheriffstern und eine alte Pistole mit Halfter vermacht, die Kalmann gerne trägt. In dieser Montur begibt er sich auf Fuchsjagd, als ihm dort eine Blutlache im Schnee auffällt. Natürlich interessiert sich die Polizei dafür, zumal einer der Dorfbewohner vermisst wird. Kalmann versucht bei der Aufklärung behilflich zu sein. Aber was ihn eigentlich interessiert ist, dass er keine Frau hat.

„Magga ging oft zum Friseur, wenn wir nach Húsavík fuhren, aber man sah nicht immer einen Unterschied. Beim ersten Mal, als ich natürlich sowieso nichts bemerkte, obwohl sie eine komplett neue Frisur hatte, erklärte sie mir, dass man in der Gegenwart von Frauen immer aufmerksam zu sein habe und ihnen Komplimente machen müsse, das mögen Frauen. Das war ein guter Rat von ihr, denn ich wollte gern eine Frau, hatte aber bisher noch keine gefunden, und darum war guter Rat teuer. Es war wichtig, dass ich alles richtig machte, und deshalb übte ich mit ihr, war immer aufmerksam und versuchte es zu bemerken, wenn sie eine neue Frisur hatte.“ (S. 152)

Es handelt sich nicht direkt um einen Krimi, auch wenn die Leserin zum Schluss weiß, was sich im Zusammenhang mit der Blutlache zugetragen hat. Vielmehr lernen wir die dörfliche Lebensweise in Island nebst ärgerlicher Fischfangquoten kennen, hüpfen durch ein paar Orte mit unaussprechlichen Namen und genießen Kalmanns ruhige Art. Kein Grund zur Sorge. Denn Kalmann kennt sich aus, hält sich an die Regeln und ist einfach ein herzensguter Kerl. Durch die originelle Sprache liest sich der Roman schnell weg. Man muss ihn einfach lieben.

Ein witziger Schmöker, gespickt mit isländischer Lebensweisheit und fünfhundertjährigem Gammelhai. Macht Spaß!

Kalmann, Joachim B. Schmidt, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 352 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 1. März 2021

Tiger, Polly Clark

Auf diesen Roman wäre ich nicht aufmerksam geworden, wenn es nicht jemand in meinem Buchclub vorgeschlagen hätte. Es liegt etwas außerhalb meiner sonstigen Lese-Komfortzone, hat mir aber wirklich gut gefallen.

Wusstet Ihr, dass es Tiger gibt, die nicht in einem warmen Land leben, sondern in der sibirischen Taiga in zweistelligen Minusgraden heimisch sind? Um diese sibirischen Tiger dreht sich diese Geschichte, die in vier Teilen aus der Sicht verschiedenster Menschen erzählt wird. Erst nach und nach fügt sich die Geschichte zusammen, so dass wir sehen, in welcher Beziehung diese Menschen zueinander stehen.

Es beginnt mit Frieda, einer Tierpflegerin in einem britischen Zoo. Eigentlich sind die Bonobo-Affen, die nächsten Verwandten des Menschen, ihr Spezialgebiet. Doch nach einem schlimmen Ereignis und einer nicht hilfreichen Strategie, dieses zu verarbeiten, wechselt sie die Arbeitsstelle und landet in einem Zuchtprogramm für die vom Aussterben bedrohten Tiger. Sie lernt viel über diese majestätischen Tiere, die auch im Zoo stets wild bleiben und keine Kuschelkatzen werden. Bedrohlich und wunderschön zugleich stellen sie eine Attraktion dar.

Danach lernen wir Tomas kennen, der in einem Tigerreservat in Sibirien arbeitet. Gemeinsam mit seinem Vater und einigen weiteren Männern beobachtet er die Tiger mittels Kamerafallen und Spurenlesen und gibt diesen einen Lebensraum, in dem sie vor Wilderern geschützt sind. Das Leben in Sibirien ist karg. Der Verkauf von Tigerfellen und -knochen, vor allem nach China, kann Reichtum bedeuten in dem unwirtlichen Landstrich. Die Zusammenarbeit mit seinem Vater ist nicht immer einfach für Tomas. Auch träumt er zuweilen von einer anderen Zukunft. Frauen gibt es weit und breit nicht. Der Bau eines Plumpsklos im Lager stellt bereits einen erheblichen Luxus dar. Tomas denkt daran, einmal in die Stadt zu ziehen.

Edith gehört zur Volksgruppe der Udehe, die in der Taiga heimisch sind. Durch den Einfluss der Russen haben sie ihre Sprache verloren. Das traditionelle Schamanentum ist verboten worden. Aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen heiratet Edith einen Russen und bekommt eine Tochter. Doch der Wodka hält Einzug in diese Vernunftehe. Edith möchte ihrer Tochter eine Zukunft in Freiheit ermöglichen und zieht mit ihr tief in den Wald, weit weg von jeder menschlichen Siedlung, und bringt ihr bei, in der Wildnis zu überleben. Besonders vor den Tigern, die im Wald herumstreifen, müssen sich die beiden hüten, denn die Begegnung mit einem Tiger führt zwangsläufig in den Tod.

Ganz zum Schluss versteht die Leserin, wie es zum großen Showdown kommen konnte, bei dem eine Tigerin im tiefsten Winter sogar einen Bären reißt und anderes Unheil seinen Lauf nimmt.

„Gut möglich, dass ihm der Hunger die Sinne raubte, seine Wahrnehmung ebenso beeinträchtigte wie die Fähigkeit, Risiken richtig einzuschätzen, sonst wäre ihm bewusst, dass es ihm in seinem geschwächten Zustand so gut wie unmöglich war, ein Beutetier von lohnender Größe zu erlegen. Andererseits war es in seiner Situation vermutlich die einzige Rettung, wenn jegliche Unsicherheit im Keim erstickt wurde. Mangelndes Urteilsvermögen, die Weigerung, ein Scheitern überhaupt in Betracht zu ziehen, kann sich in Extremsituationen als ausgesprochen hilfreich erweisen: Das hungernde Tier wird von einem beinahe übernatürlichen Glauben daran erfasst, dass alles möglich ist. Häufig ist das die einzige Chance, zu überleben – das Schaffen von Möglichkeiten durch reine Willenskraft.“ (S. 191)

Der Roman überzeugt mit seinen wunderschönen Naturbeschreibungen, durch welche die Leserin viel erfährt über die raue Wildnis Sibiriens. Die Autorin, die zur Recherche selbst dorthin gereist ist, beschreibt Menschen, die im Einklang mit diesem kargen Land leben, wo schon das blanke Überleben eine Leistung an sich ist. Die Romanfiguren tragen seelische Verletzungen mit sich, die ihr Handeln beeinflussen. Jede findet ihren eigenen Weg, mit der Vergangenheit umzugehen, manchmal gelingt dies besser, mal schlechter. Das Ende finde ich ein bisschen zu rosarot angesichts der Urgewalten, die in den 400 Seiten zuvor sehr realistisch getobt haben. Das tut dem Roman insgesamt jedoch keinen Abbruch. Die Handlung ist spannend. Schon jeder Teil für sich enthält eine schöne Geschichte. Die nach und nach stärkere Verwebung der Teile ist gut gelungen. Obwohl ich normalerweise keine große Freundin langer Naturbeschreibungen bin, war ich hier fasziniert und habe viel gelernt über Tiere und einen Teil der Welt, über den ich bislang fast nichts wusste.

Ein besonderer Roman über Urgewalten und menschliche Schicksale, die miteinander verwoben und überaus faszinierend sind. Der Tiger als Sinnbild von Kraft und Überlebenswillen überzeugt und bringt ein spannendes Leseerlebnis.

Tiger, Polly Clark, aus dem Englischen übersetzt von Ursula C. Sturm, Eisele Verlag, München 2020, 432 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 27. Februar 2021

Die Tierpolizei (2): Ohren hoch oder es knallt!, Anna Böhm

Anna Böhms pfiffige Tierpolizei geht in die zweite Runde! Nachdem sich Katzenbärin Flopson, Meise Meili, Teddyhamster Jack und das Falabella Fridolin in Band 1 zur Tierpolizei zusammengeschlossen hatten, arbeiten sie nun an einem neuen kniffligen Fall zum Mitraten. Das kleine Kaninchen Rosine weint herzzerreißend nach seiner verschwundenen Mama. Und bald darauf ist ein weiteres Kaninchen verschwunden. Die Parkkaninchen meinen, dass die Mäuse dahinterstecken, mit denen sie sowieso im Futterstreit liegen. Doch auch einige Mäuse sind wie vom Erdboden verschluckt. Auch die Mäuse sind sich sicher, dass die Kaninchen etwas damit zu tun haben müssen. So müssen die Tierpolizisten allen erst einmal erklären, dass man ohne Beweise kein anderes Tier einfach verdächtigen darf.

Bei der Suche spielt eine Tierhandlung eine Rolle. Eine seltsame Müll-Lady taucht auf. Und die Leser erfahren etwas über die Vergangenheit des schweigsamen Teddyhamsters Jack, der ständig eine Augenklappe trägt und manchmal gar nicht freundlich ist. Jeder der vier Tierpolizisten bringt seine ganz besonderen Fähigkeiten ein. Meili behält aus der Luft den Überblick. Flopson lässt ihren Charme und ihren scharfen Verstand spielen. Jack ist zwar manchmal brummig, aber wild entschlossen anderen Tieren zu helfen. Und Fridolin hat trotz seiner geringen Größe Kraft wie ein Bär und ist das „Pony fürs Grobe“.

Auch Band 2 macht wieder viel Spaß und die Lösung des Falles ist nicht vorhersehbar. Es kommt alles ganz anders als gedacht. Die Sprecherin Carmen-Maja Antoni spricht eindrücklich und lässt die verschiedenen Tiere in vielen Stimmvarianten zum Leben erwachen. Eine sehr passende Besetzung. Die Tiere leben vor, wie man Streit ohne Gewalt mit Köpfchen schlichtet und üben gegenseitige Wertschätzung und Toleranz. („Polizisten dürfen niemanden auslachen!“) Natürlich passieren auch jede Menge lustige Sachen, etwa wenn die Mäuse sich nicht einigen können, wie viele von ihren Verwandten denn nun verschwunden sind („ein bisschen mehr als wenige“) oder das Pony sich ein Blaulicht auf den Kopf schnallt.

Ein sehr empfehlenswerter Kinder-Krimi für kleine Polizistinnen und Kriminaler ab 6 Jahre.

Die Tierpolizei (2): Ohren hoch oder es knallt!, Anna Böhm, Hörbuch gelesen von Carmen-Maja Antoni, Verlag Oetinger Audio, Hamburg 2021, ca. 190 Minuten (3 CDs)

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke der Autorin und dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

Zusatz-Info:

Band 2 ist als gebundenes Buch (224 Seiten) mit Illustrationen von Ramona Wultschner bei Oetinger zum Preis von 13,00 EUR erschienen.

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...