Sonntag, 4. Oktober 2020

Kein Teil der Welt, Stefanie de Velasco

Die auf dem Cover abgebildete Glasglocke senkte sich beim Lesen über mich, ich habe dieses Buch an zwei Tagen durchgelesen. Stefanie de Velasco, Jahrgang 1978, beschreibt in ihrem Buch die abgeschottete Welt der Zeugen Jehovas. Der Roman ist nicht autobiografisch. Dennoch hat die Autorin ihre Insiderkenntnisse einfließen lassen aus der Gemeinschaft der Zeugen, in die sie hineingeboren wurde und die sie im Alter von 15 Jahren verlassen hat.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Teenagermädchen Esther und Sulamith. Sie sind zusammen aufgewachsen. Esthers Eltern und Sulamiths alleinerziehende Mutter gehören den Zeugen Jehovas an, wodurch auch die Mädchen nichts anderes kennen, als das Leben “in der Wahrheit“. Freundschaften und Kontakte sind nur innerhalb der Gemeinschaft erlaubt. Zu gefährlich sind „die Welt“ und die Menschen, die die Wahrheit nicht kennen, denn in der Welt wirkt Satan. Zwar gehen die Mädchen auf eine normale Schule, doch halten sie sich von den anderen Schülern fern. Wird Geburtstag oder Karneval gefeiert, warten Esther und Sulamith vor der Tür.

Die bedrückende, enge Stimmung der Gemeinschaft löst einen unbehaglichen Sog auf den Leser aus. Stets hat Esther Angst, etwas falsch zu machen. Die Regeln sind streng und jeder wird von Gemeindemitgliedern überwacht. Die Glaubensinhalte der Bibel werden mehrmals die Woche studiert und auswendig gelernt. „Harmagedon“, der Weltuntergang mit dem Jüngsten Gericht, kann jeden Tag passieren. Also muss jeder, auch die Kinder, so viele Menschen wie möglich zur Wahrheit bekehren, da diese sonst in Jehovas Gericht sterben würden.

Zu Beginn des Buches ziehen Esthers Eltern mit ihr in ein Dorf in den neuen Bundesländern. Der Mauerfall ist noch nicht lange her. Die Eltern wollen eine Gemeinde im Osten aufbauen, den ersten „Königreichssaal“ errichten. Das Dorf ist trist und hässlich, die Gemeinde der Zeugen klein. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir durch Rückblenden, warum Esthers Eltern Knall auf Fall den alten Wohnort im Westen verlassen haben und Sulamith nicht mehr da ist. Auf jeden Fall hatte es damit zu tun, dass Sulamith Zweifel hatte. Sie wollte sich den Regeln der Gemeinschaft nicht mehr unterordnen, Menschen außerhalb kennenlernen.

„(…) und selbst wenn ich mir so viele Fragen gestellt hätte wie Sulamith, ich hätte mich nie getraut, sie auszusprechen. Warum hatte Jehova es nötig, sich seine eigene Schöpfung opfern zu lassen? Gute Frage. Es waren andere Zeiten, hätte Mamas Antwort gelautet, aber das war keine Antwort, denn Jehova war derselbe. Mama hätte mich nach meinen Zweifeln gefragt und mich daran erinnert, Zweifel immer als ein Zeichen dafür zu sehen, dass Satan wie ein Dieb in der Nacht umherging, um die Gerechten zu prüfen. Fragen zu stellen bedeutete, dass man Zweifel hatte, und Zweifel bedeuteten nicht nur Ärger mit Jehova, sondern vor allem Ärger mit Mama und Papa, und den fürchtete ich fast noch mehr als den Grimm unseres Gottes.“ (S. 72)

Die Kompromisslosigkeit, mit der die Gemeindemitglieder ihren Glauben leben, ist erschütternd. Die Opfer, die dem einzelnen abverlangt werden, sind enorm. Die Ordnung ist ungeheuer rigide und furchteinflößend. Ein Entrinnen wird dadurch so schwierig, dass vor allem die Jüngeren das Leben außerhalb der Gemeinschaft nicht kennen. Sie haben keinen freien Zugang zu Literatur oder Fernsehen. Und sie haben zumeist keine Freunde „in der Welt“. Hinzu kommt die lähmende Angst, jedes Infragestellen könnte den baldigen Tod bedeuten, da niemand weiß, wann das Weltende bevorsteht. Die Welt außerhalb wird als Sündenpfuhl dargestellt, der einen Menschen verdirbt und vernichtet. Jehova ist ein strafender Gott, bei dem man sich Gnade durch Missionsdienst und gute Taten verdienen muss. Aussteigewillige oder Abweichler werden psychisch massiv unter Druck gesetzt und schließlich geächtet und mit dem Abbruch jeder sozialen Beziehung bestraft.

Die Erzählung wirkt sehr lebensecht und deckt sich mit dem, was ich an anderer Stelle über diese Glaubensgemeinschaft gelesen habe. Vor allem das Lebensgefühl, das von ständiger Angst und Spannung beherrscht ist, wird sehr greifbar. Die Hilflosigkeit der Mädchen, ihr Ausgeliefertsein und der verzweifelte Wunsch nach Zugehörigkeit und Liebe, sind herzzerreißend und dicht geschildert. Das macht diesen Roman zugleich faszinierend und verstörend. Ich konnte ihn bis zum Ende nicht aus der Hand legen.

Ein aufrüttelndes Buch über eine extreme religiöse Gemeinschaft, die in unserer Mitte existiert und die jeder von uns schon einmal gesehen hat. Die Innenschau macht deutlich, wie wichtig Ausstiegsangebote sind, da es fast unmöglich scheint, sich ohne Hilfe von der Gemeinschaft abzuwenden. Menschlich sehr berührend und lesenswert.

Kein Teil der Welt, Stefanie de Velasco, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 432 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 3. Oktober 2020

Liane und das Land der Geschichten, Elif Shafak

Ich kenne Elif Shafak als Romanautorin. Nun wurde ihr erstes Kinderbuch auf Deutsch übersetzt! Das hat mich neugierig gemacht. Herausgekommen ist eine zauberhafte Geschichte, die Mut machen und Lust aufs Lesen wecken soll.

Liane fühlt sich oft ein bisschen außen vor. In der Schule wird sie wegen ihres Namens gehänselt, den sie auch selbst nicht leiden kann. Zuhause fühlt sie sich von den Eltern nicht ernst genommen. Nie darf sie bei Entscheidungen mitsprechen! Und die Erwachsenen könnten sich auch etwas mehr Mühe geben, Lianes Fragen richtig zu beantworten. Davon hat Liane nämlich viele. Sie hinterfragt das Leben, die Aussprüche der Erwachsenen und will die Welt verstehen. Vielleicht liest Liane deshalb so gern. Außerdem fehlt es ihr nicht an Fantasie.

„Wenn du schön deinen Teller leer isst, dann gibt es morgen gutes Wetter.“

Einmal wurde es Liane zu viel und sie fragte ihre Mutter: „Mama, kann Gemüse Regen machen? (…)“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Ich meine, wenn ich mein Brot nicht aufesse, sorgt es dann für ein Gewitter? (…)“

„Natürlich nicht. Was dir alles einfällt!“

„Warum sagst du dann immer, dass ich den Teller leer essen soll? Wenn das Essen nicht zaubern kann, wie soll es dann für gutes Wetter sorgen können?“ (S. 19)

Eines Tages findet Liane in der Schulbücherei einen seltsamen Globus. In Erdkunde kennt sie sich aus. Umso mehr staunt sie, weil es auf dem Globus einen ihr unbekannten Kontinent gibt, der die Form eines Buches hat! Liane erfährt, dass es sich um das Land der Geschichten handelt, das wegen der Fantasielosigkeit der Menschen in Not geraten ist. Liane möchte helfen und erlebt ein richtiges Abenteuer.

Die Tatsache, dass Kinder nicht mehr so viel lesen wie früher, wird in der Geschichte mit dem Klimawandel verglichen. Eine wunderbare Welt droht zerstört zu werden. Abhilfe ist nicht leicht. Liane steht schwierigen Aufgaben gegenüber, erfährt aber Ermutigung. Nicht aufzugeben, wenn es schwierig wird, keine Angst vor dem Versagen zu haben und Vertrauen in sich selbst zu erlangen, lernt Liane auf dem Weg.

Es ist eine Geschichte, die Kinder ernst nimmt und in positiven Bildern spricht. Man fühlt sich wohl beim Lesen, obwohl problematische Themen angesprochen werden. Fantasie und Neugierde versprechen Lösungen, und das nicht nur in der magischen Buchwelt, sondern auch in der Realität.

Eine hinreißende Geschichte für kleine Buchwürmer im Schulalter, die Kinder mit ihrer fantastischen Welt für die Hürden des echten Lebens stärken will.

Liane und das Land der Geschichten, Elif Shafak, aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier, Illustrationen von Zafer Okur, Verlag arsEdition, München 2020, 160 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Sonntag, 27. September 2020

Das Buch eines Sommers, Bas Kast

Bas Kast ist den meisten sicher bekannt durch seinen überaus erfolgreichen „Ernährungskompass“. Er ist Wissenschaftsjournalist und hat bislang Sachbücher geschrieben. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Auf der Bezeichnung „Roman“ beruhte meine Erwartung an das Buch, die sich aber als falsch herausstellte. Ich würde das Werk ein Sach- bzw. Ratgeberbuch in Romanform nennen, vom Ansatz her ähnlich wie John Streleckys „Das Café am Rande der Welt“.

Nicolas, ein Mann um die vierzig, verheiratet mit Valerie, hat die Pharmafirma seines Vaters geerbt. Dort verbringt er den größten Teil seiner Zeit und entfremdet sich damit mehr und mehr von seiner Frau und dem ca. 6jährigen Sohn Julian. Er meint, das müsse so sein, da er schließlich Verantwortung für die Firma trage und seine Familie versorgen müsse. Nicolas‘ großes Idol ist sein Onkel Valentin, der ein erfolgreicher Schriftsteller und Lebemann ist. Als dieser stirbt, setzt sich Nicolas mit der eigenen Endlichkeit auseinander und damit, was in seinem Leben Priorität haben sollte, was er wirklich will.

„Das Bewusstsein des Todes ist das perfekte Heilmittel gegen diese ewige Aufschieberitis. Soweit ich weiß, lässt sich ja auch der Tod nicht aufschieben. In der Hinsicht war er ebenfalls anders, dein Onkel, meinst du nicht auch? Er war keiner dieser Menschen, die am Ende ihres Lebens verzweifelt um noch etwas Aufschub betteln müssen, weil sie nicht zum Leben gekommen sind. Nein, wenigstens konnte er sagen: Es ist gut, ihr Lieben, ich habe meine Sache hier auf Erden getan!“ (S. 119/120)

Die Geschichte ist nicht besonders neu. Ganz amüsant ist die gewählte Form, in der Nicolas immer wieder Geschichten erzählt, da sein eigentlicher Wunsch ist, ein Schriftsteller wie sein Onkel Valentin zu sein. Weitere Geschichten in der Geschichte tauchen durch Traumsequenzen auf, in denen Nicolas bedeutungsschwere Gespräche mit einer Romanfigur seines Onkels führt. Natürlich geht alles gut aus.

Als Roman ist dieses Buch nicht überzeugend. Die Figuren bleiben holzschnittartig, die Geschichte ist mehr als vorhersehbar und das ganze Buch wirkt auf mich unterschwellig belehrend. Die Gespräche sind konstruiert und die Botschaft wird der Leserin mit dem Löffel eingetrichtert. Der Schreibstil würde besser zu einem Sachbuch passen (was es ja auch letztlich ist), denn die Geschichte bleibt sehr blutleer. Mich konnte das Buch nicht berühren, auch wenn die Ausdrucksweise erfreulicherweise nicht ganz so amerikanisch-pathetisch daherkommt wie bei Strelecky. (Man merkt, ich bin auch kein Fan von letzterem, habe aber die beiden Café-Bücher gelesen.) Als Lebenshilfebuch ist es ok, liest sich leicht weg, ist von der Thematik her aber bereits sehr abgegriffen und liefert hierzu keine neuen Aspekte. Arbeite weniger, verbringe mehr Zeit mit der Familie, genieße den Augenblick und tu, was dein innerer Drang ist. Das ist alles inhaltlich richtig und auch ganz nett erzählt, aber ich habe es alles schon tausendmal gelesen.

Lieber Bas, deine Sachbücher sind klasse. Bitte bleib bei ihnen. Die Lebensweisheiten sind alle schon erzählt worden. Von mir leider keine Empfehlung.

Das Buch eines Sommers, Bas Kast, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 26. September 2020

Herzfaden, Thomas Hettche

Ich habe meinen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gefunden! Thomas Hettches Roman über die Anfänge der Augsburger Puppenkiste ist nicht nur inhaltlich überraschend und spannend, sondern auch äußerlich ausgesprochen schön gestaltet.

Mit den Filmen der Augsburger Puppenkiste bin ich groß geworden. Jim Knopf war mein großer Liebling, aber auch Urmel, Die Katze mit Hut und Die Dschungeldetektive fand ich großartig. Allerdings hatte ich nicht vermutet, dass die Entstehung der Puppenkiste so eng mit dem Krieg zusammenhängt. Der Roman erzählt zwei Geschichten abwechselnd. Die eine ist rot, die andere blau gedruckt, so dass das Buch mich stark an meine alte Ausgabe von Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ erinnert. Das ist sicher kein Zufall.

Ein namenloses 12jähriges Mädchen gelangt auf den Dachboden der Augsburger Puppenkiste und begegnet dort den Marionetten, die plötzlich zum Leben erwachen. Ferner trifft sie dort auf Hatü, die bereits verstorbene Hannelore Marschall-Oehmichen, welche die meisten der bekannten Marionetten selbst geschnitzt und gespielt hat. Durch Hatü erfährt das Mädchen von den Anfängen des Marionettentheaters, aber auch von den Nachwehen dieser Anfänge, die mit der Schuld des 2. Weltkriegs verknüpft sind.

Blau gedruckt sind sodann die Rückblenden auf Hatüs Kindheit, den Krieg und Hatüs Vater Walter Oehmichen. Hannelores Eltern waren beide Schauspieler. So verwundert es nicht, dass der Vater schon im Krieg mit einem Brett im Türrahmen für einige Leute (nicht nur für Kinder!) ein wenig Puppentheater gespielt hat, um die dunklen Zeiten heller zu machen. Hatüs Mutter Rose fertigte die Kostüme. Der Roman berichtet, warum Walter Oehmichen nach dem Krieg gerade das Marionettentheater für eine so notwendige Form des Erzählens hielt. Hatü war von Anfang an als Puppenspielerin dabei und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Puppenkiste irgendwann nicht nur Märchen, sondern auch modernere Inhalte spielte, etwa „Der Kleine Prinz“.

„Das ist der Herzfaden“, sagt er und zieht mit dem Zeigefinger eine unsichtbare Linie in die Luft von dem armen Hänsel zu ihnen.

„Der Herzfaden?“ fragt Hatü.

„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ (S. 64)

Dieser Herzfaden hat mich bereits auf den ersten Seiten in diesen zauberhaften Roman hineingezogen, der bevölkert ist von den liebevoll gestalteten Figuren. Urmel und Kalle Wirsch reden ein Wort mit in der Geschichte, der Kasperl lässt sich schon gar nicht den Mund verbieten und alle paar Seiten springt eine aus wenigen Linien sparsam gestaltete Zeichnung hervor, die aber sofort die prägnanten „Gesichtszüge“ von Prinzessin Li-Si oder die Umrisse der Lokomotive Emma erkennen lassen. So ist der teilweise ernste Stoff gut eingebettet. Ganz nebenbei steuert der Roman auch eine mir ganz neue Deutung zur Geschichte von Jim Knopf bei. Dass es sich dabei um einen Gegenentwurf zum Faschismus und zum Töten der Bösen handelt, war mir nie aufgefallen. Meine Kindheitsträume wurden dabei nicht entzaubert, sondern angereichert.

Es ist eine Kunst, eine Kriegs- und Nachkriegsgeschichte so zauberhaft zu erzählen, dass es sich dennoch um ein Wohlfühlbuch handelt, ohne zu trivialisieren. Ich kann dieses Buch nur von Herzen empfehlen!

Herzfaden, Thomas Hettche, Zeichnungen von Matthias Beckmann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 288 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Freitag, 25. September 2020

Der Halbbart, Charles Lewinsky

Auf diesen Wälzer eines Schweizer Autors wäre ich nie aufmerksam geworden, wenn er nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gelandet wäre. Selbst dieser Umstand hätte mich wahrscheinlich nicht zum Lesen verleitet, wenn ich das Buch nicht in einem Gewinnspiel gewonnen hätte. Die Schweiz im Mittelalter? Kann das interessant sein? Es kann! Ich wollte nur mal kurz reinlesen, und schwups! gefiel es mir einfach großartig.

Die Geschichte wird erzählt vom Sebi, einem zu Beginn etwa 12jährigen Jungen, der eigentlich Eusebius heißt. Er ist der jüngste von drei Brüdern, die mit ihrer Mutter im Jahr 1313 in einem Dorf in der Schweizer Talschaft Schwyz leben. Seine kindlich einfache Ausdrucksweise ist bestechend, zumal der Sebi ausgesprochen klug ist. Er beschreibt die Dinge unbeschönigt, hinterfragt sie und entlarvt manchen Erwachsenen, Kindermund eben. Den Sebi habe ich gleich ins Herz geschlossen. Er hat das Herz am rechten Fleck.

„Ich will nicht, dass der Geni stirbt, ich will es einfach nicht. Man muss doch etwas machen können, und wenn es ein Wunder braucht, dann muss eben ein Wunder passieren, wozu hat man sonst eine Religion?“ (S. 39/40)

Die Titelfigur, der „Halbbart“, ist ein Fremder, der sich eines Tages im Dorf niederlässt. Komplizierte Namen sind die Sache der Dorfbewohner nicht, und so nennt man ihn nach seinem Aussehen. Sein Bart ist nur zur Hälfte zu sehen, wie der Rest seines Gesichts auch, denn die andere Hälfte ist schwarz und verkrustet von Brandnarben. Wo er herkommt und was ihm geschehen ist, weiß niemand. Wir erfahren es bröckchenweise im Laufe des Romans. Der Halbbart ist bescheiden, lebt zurückgezogen, kennt seinen Platz als Außenseiter im Dorf. Aber Sebi findet ihn sogleich interessant und bemerkt, dass er ein kluger Mann sein muss, der womöglich sogar lesen kann, obwohl er gar kein Mönch ist. Von ihm lernt Sebi ein kompliziertes Spiel namens Schachzabel, dessen Figuren (darunter Elefanten!) der Halbbart selbst hergestellt hat. Darüber hinaus kann der Halbbart Leute gesund machen. Das ist sehr praktisch, da es im Dorf keinen Arzt gibt.

Überhaupt erfahren wir in der Geschichte, dass das Mittelalter nichts für schwache Nerven ist. Wenn man des nachts auf einem Strohsack schlafen darf, ist das schon eine Wohltat. Dauernd frieren und hungern die Leute. Es gibt schlimme Unfälle, Schlachten und Hinrichtungen nebst Folter. Die Ungleichheit in der Gesellschaft und die überragende Bedeutung von Kirche und Aberglauben werden beschrieben, all dies aufrecht erhalten durch mangelnde Bildung und fehlende Sozialsysteme. Die Machtpolitik der Fürstenhäuser mit ihren Söldnern bekommen die Menschen ebenfalls zu spüren.

Der Roman besteht aus vielen kleinen Geschichten über einen Zeitraum von mehreren Jahren, durch die das Dorfleben geschildert wird. Ein roter Faden ist die Geschichte des Halbbarts und dessen Herkunft. Zusammengehalten wird jedoch alles durch Sebis eigenes Erwachsenwerden. Er ist nicht so klug wie sein Bruder Geni und nicht so rabiat und streitsüchtig wie sein Bruder Poli, der Soldat werden will. Selbst für die Feldarbeit ist Sebi nicht kräftig genug. So muss er für sich einen anderen Platz im Leben suchen. Ob er wohl ins Kloster gehen sollte? Sebi findet, er sei ein „Finöggel“, ein Weichei, das zu harter Arbeit nicht taugt und auch nicht mutig ist. Sebi flicht viele dieser Schweizer Ausdrücke in seine Erzählung ein, die meinen Lesefluss nicht gestört, sondern mich sehr erfreut haben.

Es gibt nicht den einen großen Spannungsbogen in diesem Buch. Dennoch empfand ich den Roman als äußerst kurzweilig. Die kindlich kluge Sprache federt die Grausamkeiten des Mittelalters etwas ab. Am Schluss der Lektüre bin ich dankbar im 21. Jahrhundert zu leben und kann die Errungenschaften von Gleichheit und Bildung noch mehr schätzen als zuvor.

Der Roman verdient die Aufmerksamkeit, die mehrere Preisjurys ihm gegeben haben. Ich bin sehr froh, mal außerhalb meines Genres gelesen und diese Perle entdeckt zu haben.

Der Halbbart, Charles Lewinsky, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 688 Seiten, 26,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das im Rahmen eines Gewinnspiels kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

Mittwoch, 16. September 2020

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen

Hast du einen Löwen in dir, ein reißendes Raubtier? Was könnte dieses Raubtier in dir wecken? Diese Frage stellt die 1982 geborene israelische Autorin.

Etan Grien ist Neurochirurg, verheiratet, Vater zweier kleiner Jungen. Er arbeitet in einem israelischen Krankenhaus und ist ein rechtschaffener Mensch, der sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Doch das Fehlverhalten weniger Minuten sorgt dafür, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie zuvor. Er überfährt in der Dunkelheit einen Menschen. Ihm ist sofort klar, dass der Mann nicht mehr zu retten ist. Etan lässt ihn liegen und fährt weiter, sagt niemandem ein  Wort. Kann das Konsequenzen haben? Der Mann ist ersichtlich ein Infiltrant, ein illegaler eritreeischer Einwanderer, von denen es so viele gibt in Israel. Zu Etans Erschrecken gibt es eine Zeugin des Unfalls. Diese macht ihm am Tag darauf ein Angebot. Auch davon berichtet Etan niemandem, nicht einmal seiner Frau Liat. Dabei fürchtet sich Etan davor, dass Liat etwas merken könnte. Schließlich ist sie Kriminalpolizeibeamtin.

Natürlich hat Etan Gewissensbisse, einerseits wegen des toten Mannes, andererseits weil er seine Frau belügt. Aber hätte seine geliebte Liat wirklich Verständnis für das Geschehene? Was, wenn nicht? Etan erfährt einiges über die schlimmen Lebensbedingungen der Eritreer und ihre Flucht. Sind diese nicht zu bedauern? Aber ist jemand automatisch ein guter, bedauernswerter Mensch, weil er ein Flüchtling ist? Etan merkt bald, dass die Dinge viel komplizierter sind. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, moralisch und unmoralisch verwischen. Der Leser muss sich fragen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte.

„Aber die Angst war bei ihm ein ungebetener Gast, keinesfalls ein ständiger Bewohner. Seine Augen erzählten ihr das. Die Art, wie er seinen Mitmenschen direkt ins Gesicht sah. Furchtsame Menschen sahen anderen nicht direkt ins Gesicht. Damit sie mit ihrem Blick nicht etwa Unwillen oder Tadel auslösten. Furchtsame Menschen senkten die Augen, blinzelten, wagten nicht, mit ihrem Blick ein Stückchen vom Gesicht eines anderen Menschen einzufordern.“ (S. 161)

Die Geschichte könnte ebenso gut in Deutschland spielen. Auch bei uns gibt es viele illegale Einwanderer einerseits und weiße Privilegien andererseits. Migranten schlägt oft wenig Verständnis entgegen, obwohl gerade Deutschland die Schrecken von Flucht und Vertreibung selbst nach dem letzten Krieg erlebt hat. Macht es einen Unterschied, ob der Getötete ein Einheimischer oder ein illegaler Flüchtling ist? Der Roman macht deutlich, dass die schnellen Antworten, die wir versucht sind zu geben, nur scheinbar zwingend sind. Keine/r von uns ist nur gut oder nur böse. Es hängt von den Umständen ab, ob und wann wir zum reißenden Raubtier werden, das nur noch um sein eigenes Überleben kämpft.

Die Autorin, die selbst Psychologie studiert hat, lässt uns gekonnt in die Gedanken aller handelnden Personen schauen. Nach einem gelungenen ersten Teil der Geschichte gerät diese Innenschau in der Mitte des Romans für meinen Geschmack deutlich zu lang, ohne die Handlung voran zu bringen. Das Ende ist dann umso verblüffender. Der Roman hat mir Spaß gemacht, hat sich streckenweise aber zu sehr gezogen. Dennoch bin ich neugierig auf ein weiteres Buch der Autorin.

Ein gekonnter Beitrag zur weltweiten Flüchtlingsdebatte, der deutlich macht, dass wir uns nicht zu sicher sein sollten, immer das moralisch Richtige zu tun.

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen, aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, Zürich - Berlin 2015/2016, 432 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 7. September 2020

Alte Sorten, Ewald Arenz

Es ist Herbst - hier bei uns und ebenso in diesem Buch, das an einem 1. September beginnt, Erntezeit. Doch ganz so romantisch, wie das Cover mit den altmodisch anmutenden Birnen vermuten lässt, geht es im Roman nicht zu.

Sally heißt eigentlich Sarah. Genauso wie ihren Namen möchte die 17jährige am liebsten auch den Rest ihres bisherigen Lebens ablegen, denn es ist unerträglich. So unerträglich, dass ihre Eltern sie für krank halten und in eine Klinik gebracht haben. Aber dort will Sally ebenso wenig bleiben wie zuhause. Sie haut ab. Außerhalb eines kleinen Dorfes auf einem Weinberg begegnet ihr Liss, die dort ganz allein arbeitet. Liss ist anders als andere Erwachsene, findet Sally, denn sie stellt keine unnötigen Fragen. Sie fragt nur das, was jetzt im Augenblick gerade wichtig ist, z.B. ob Sally ihr kurz helfen könnte. Das tut Liss ohne Erwartungen. Sally merkt, dass sie ohne weiteres nein sagen könnte. Es ist eine echte Frage, auf die sie antworten kann wie sie will. Das ist neu.

Wenn man nicht weiß wohin, zählt nur der Augenblick. Einen Moment nach dem anderen nehmen Sally und Liss diesen Herbsttag, dann den nächsten und wieder den nächsten. Eine Verbindung im Schweigen entsteht. Auch Liss möchte keine unnötigen Fragen gestellt bekommen. Sie ist ruhig und handelt, arbeitet, erntet, versorgt einen Hof. Das erdet. Liss scheint ohne Worte zu verstehen. Ist das nun gut oder schlecht? Sally weiß es nicht so recht. Ganz allmählich beginnen die beiden ungleichen Frauen zu sprechen - nachdenklich, verletzt, misstrauisch.

„Sie hatte nie Heimweh gehabt, wenn sie im Schullandheim oder auf Freizeit oder im Sommercamp war. Es war wahrscheinlich Heimweh nach dem Ort, wo man eigentlich sein sollte. Nach einem Zuhause, das man noch gar nicht kannte, aber das auf einen wartete. Sally hatte Angst, dass es nicht für immer warten würde und sie irgendwann kaputtging, weil es so stark an ihr zog, dass sie irgendwann umgestülpt sein würde, und dann wäre ihr ganzes empfindliches Inneres außen, und dann würde es zu spät sein, weil man nicht leben konnte, wenn man umgestülpt war.“ (S. 80)

Sally und Liss sind innerlich unbehaust, stehen außen vor, fühlen sich unverstanden. Beide fühlen sich vereinnahmt von einer Welt, die nicht die richtige für sie ist, in der sie nicht gedeihen können. Beide sehnen sich nach innerlicher und äußerlicher Freiheit, die beiden unerreichbar erscheint. Zwar verstehen sie einander zunächst nicht, weil sie nichts voneinander wissen. Sie verstehen aber, wie unglücklich die andere sein muss, und das ist bereits mehr als alle anderen verstehen.

Es ist ein nachdenklicher Roman in seinem ganz eigenen Rhythmus. Leise und doch auch voller explosiver Emotionen begleiten wir die beiden Frauen durch Tage, die von der landwirtschaftlichen Arbeit geprägt sind, von Handgriffen, die schon viele Generationen auf Höfen vor ihnen getan haben. Routine kann vieles verdecken. Aber einmal holt einen die Realität doch ein. Beide Frauen wissen noch nicht, ob sie den Mut haben werden, ihr ins Auge zu sehen. Es könnte zu schmerzlich und zu sinnlos sein.

Ich habe die Geschichte gern gelesen. Sie fragt den Leser, wie man wohl zu sich selbst finden kann. Wie findet man den Platz, an den man gehört und wirklich gern ist, nicht nur zufällig. Der Roman zeigt, wie wichtig es ist, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einen versteht.

Eine wunderbare Freundschaft, die mehr aus Gesten besteht als aus Worten und doch so kraftvoll ist. Ein wirklich schönes Herbstbuch.

Alte Sorten, Ewald Arenz, DuMont Verlag, Köln 2020, 256 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...