Montag, 17. Februar 2020

Ewig her und gar nicht wahr, Marina Frenk

Kira ist Künstlerin. Sie lebt mit ihrem Freund Marc und ihrem vierjährigen Sohn Karlchen in Berlin. Ausgestellt hat sie schon lange nichts mehr. Die Beziehung zu Marc ist sprachlos geworden. Als kleines Mädchen ist Kira mit ihren Eltern aus Moldawien „in dieses Europa“ ausgewandert, in dem alles besser sein sollte. Aber die Familie bleibt innerlich heimatlos. Nicht nur Kiras Eltern – der Vater ist Jude -, sondern auch Generationen ihrer Vorfahren erlebten dieses Unbehaustsein. Moldawien – ein Land, das es gar nicht mehr gibt, das immer Spielball unterschiedlicher Nationen war, Bürgerkrieg und Abspaltung erlebte, irgendwo zwischen Russland und Rumänien. Die eigene Herkunft mit einem Wort zu erklären ist unmöglich.

Kira erzählt in diesem Buch ihre Familiengeschichte. Sie trägt selbst von denen, die sie nie kennengelernt hat, Herkunft, Geschichte, Vertreibung und Trauma in sich. Kiras innere Zerrissenheit ist so groß, dass sie oft nicht weiß, wo sie beginnt und wo sie endet. Sie muss sich selbst verletzen, um sich zu spüren. Sie versucht ihre Familie in ihren Bildern darzustellen, so wie sie sie erlebt hat oder sie sich vorstellt. Aber das ist schwierig, denn die Geschichte ist nicht stringent, hat keinen Anfang und kein Ende. „Chronologie ist erfunden, es gibt keine. Sie ist eine Lüge, wie alle Systeme.“ (S. 215)

Kiras Erzählung springt wild hin und her zwischen Teilen ihrer eigenen, erlebten Vergangenheit und der Vergangenheit ihrer Vorfahren. Die jeweilige Kapitelüberschrift weist den Leser auf Zeit und Ort hin. Das ist verwirrend, nicht nur für den Leser, sondern drückt die Verwirrung in Kira aus. Ihr tägliches Erleben von Sinnlosigkeit und Depression ist eine Mischung von Realität, Erinnerung und Albtraum, sowohl im Wachen als auch im Schlaf. Dies schildert sie in einer drastischen, sehr eigentümlichen Sprache. Ihr Erleben ist sehr körperlich, wenn dabei auch oft unklar bleibt, ob es sich dabei um ihren eigenen Körper handelt.

„Spaziergänge sind dämlich, denke ich mir, aber dadurch, dass ich in einer inneren Explosion lebe, kann ich nur sehr schwer still dasitzen oder an gar nichts denken. Und es gibt so viel Zeit im Leben. Ich muss immer in irgendeiner Bewegung sein, sonst fressen mich die Gedanken von innen auf. Ich weiß gar nicht, wie ich es schaffe, nachts zu schlafen, ein natürlicher Reflex wahrscheinlich, immerhin, sonst würde ich auch nachts diesen unerträglichen Wurm, der sich kreuz und quer durch meinen Körper windet und keinen Ausgang findet, in mir spüren. Er wütet und nagt und saugt sich fest an Eingeweiden und behauptet, er suche nach irgendeinem Sinn, und ich habe ihm schon öfters erklärt, dass er nicht weiterkommen wird, solange er in meinem Inneren bleibt.“ (S. 37)

Marina Frenk, die wie die Protagonistin ihres Debütromans als Kind Anfang der 90er Jahre aus Moldawien nach Deutschland kam, hat ein ungewöhnliches Werk über die Einsamkeit geschaffen, die Art Einsamkeit, die wir auch in Gegenwart uns nahestehender Menschen empfinden können. Sie zeigt mit ihrer verstörenden, direkten Sprache die Verstrickungen, die uns mitgegeben sind, die wir entwirren und verstehen müssen, um darin uns selbst zu finden.

Ein beeindruckendes Buch, das mich etwas verstört zurücklässt. Ein Stück dieser bedrückenden Verstrickung wird jeder von uns in sich tragen, dessen Vorfahren die Weltkriege erlebt haben. Es wäre gut, wenn wir mehr darüber sprechen könnten.

Ewig her und gar nicht wahr, Marina Frenk, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Freitag, 14. Februar 2020

Die Buchspringer, Mechthild Gläser

Die 15jährige Amy lebt mit ihrer Mutter Alexis zusammen. Wer ihr Vater ist, weiß Amy nicht. Nachdem Mutter und Tochter unschöne Monate hinter sich haben, packen die beiden zu Beginn der Sommerferien schnell die Koffer und fliegen in Alexis‘ Heimat, die Amy noch nie gesehen hat. Alexis stammt von einer entlegenen Insel vor der Küste Schottlands, auf der nur eine Handvoll Menschen leben. Amy war schon immer eine Leseratte. Doch erst auf der Insel, auf der ihre Großmutter lebt, erfährt Amy, dass sie zum alten Clan der Lennox gehört. Die Lennox und die verfeindeten Macallisters, denen ein richtiges Schloss auf der Insel gehört, haben eine besondere Gabe: Sie sind Buchspringer.

In unterirdischen Stollen befindet sich auf der Insel eine sagenhafte alte Bibliothek. Es ist die Aufgabe der beiden Familien, sich um die Literatur zu kümmern. Hierzu haben die jüngeren Clanmitglieder die Fähigkeit, ein Buch nicht nur zu lesen, sondern mitten in die Geschichte hineinzuspringen. Amy ist begeistert, als sie erfährt, dass sie sich mit ihren Lieblingshelden tatsächlich unterhalten kann!

„Schir Khan bleckte die Zähne. Sein Atem schlug mir stinkend ins Gesicht. Ich verstand nun, warum Alexis auf einem harmlosen Kinderbuch für mich bestanden hatte. Aber dummerweise waren auch die anscheinend nicht völlig ungefährlich. Wenn ich um Hilfe schrie, würden mich die Wölfe dann retten können? Ich holte tief Luft, aber bevor ich einen Ton herausbringen konnte, legte der Tiger eine Kralle vor seine Lippen.
Er legte eine Kralle vor seine Lippen?
„Du darfst die Handlung nicht störe, Leserin“, flüsterte Schir Khan. Seine Stimme war kaum mehr als ein leises Schnurren. „Wenn sie dich sehen, werden sie das Menschenkind nicht behalten. Dann hast du das Balg am Hals und unsere Geschichte geht den Bach runter.“ (S. 50)

Lustig fand ich, dass die Buchfiguren um ihre Rollen in ihren Geschichten wissen und Buchspringer als solche erkennen. Die Figuren sind wie die Leser in der Lage, sich von einer Geschichte in eine andere zu bewegen. Der von Goethe geschaffene Werther wird ein Vertrauter Amys, denn in der Buchwelt ist etwas in Unordnung geraten. Einige Geschichten funktionieren plötzlich nicht mehr wie früher. Der Leser ahnt, dass dies mit der „Geschichte in der Geschichte“ zu tun haben muss, die zwischen den eigentlichen Kapiteln – in anderer Schrift gedruckt – erzählt wird. Ein altertümliches Märchen wird Stück für Stück erzählt, dessen Bedeutung erst zum Schluss der Geschichte klar wird.

Die geneigte Leserin wird in diesem Buch viele geliebte Buchcharaktere treffen, etwa Alice im Wunderland, Werther, Dorothy aus dem Wizard von Oz, Sherlock Holmes und Figuren von Jane Austen. Natürlich gibt es eine Liebesgeschichte, und Amy erfährt auch mehr über ihre eigene Herkunft. Vor allem aber gilt es, das Rätsel um die veränderten Romane zu lösen, damit die Geschichten weiterhin erhalten bleiben. Dies gleicht einem Krimi, der eine sehr überraschende Auflösung findet. Der Roman ist sehr spannend und voll hübscher Details, etwa dass man innerhalb der Geschichte vor- und zurückblättern kann, auch wenn man mitten drinsteckt. 

Mich hat diese Geschichte verzaubert! Ein echtes Wohlfühlbuch. Leseempfehlung nicht nur für Heranwachsende!

Die Buchspringer, Mechthild Gläser, Loewe Verlag, Bindlach 2015, 384 Seiten, 17,95 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 13. Februar 2020

Der zauberhafte Wunschbuchladen, Bd. 6: Eine Schule hält zusammen, Katja Frixe

Endlich ist ein neuer Band des zauberhaften Wunschbuchladens erschienen! Das von Florentine Prechtel wieder wundervoll farbenfroh und liebevoll gestaltete Cover lässt Vorfreude aufkommen. Dann gibt es ein Wiedersehen mit der Buchhändlerin Frau Eule, der inzwischen 11jährigen Leseratte Clara und ihrem Schulfreund Leo. Auch der reimende, schwer verliebte Kater Gustaf und der gedankenlesende Spiegel Herr König sind wieder mit von der Partie.


Diesmal wird Frau Eule mit ganz neuen Aufgaben konfrontiert. Claras Schulklasse will eine Projektwoche zum Thema Bücher durchführen. Eigentlich hatte Frau Eule nur zugesagt, den Kindern einen Tag lang im Wunschbuchladen die Arbeit einer Buchhändlerin näherzubringen. Aber dann wird plötzlich Klassenlehrerin Frau Rose krank. Damit die von allen freudig erwartete Projektwoche nicht ganz ausfallen muss, erklärt sich Frau Eule bereit die ganze Woche zu übernehmen.

Natürlich muss jemand Frau Eule im Buchladen vertreten, während sie in der Schule ist. So verlässt auch noch jemand anders seine Komfortzone um einzuspringen. Aber wieso freut Leo sich eigentlich gar nicht richtig, obwohl doch nun alles wie geplant stattfinden kann? Er sieht so düster aus und hat anscheinend große Sorgen. Natürlich möchte Clara ihrem besten Freund beistehen. Aber allein können die beiden das Problem nicht in den Griff bekommen. In der Projektwoche läuft nicht alles so rund, wie Clara gedacht hätte. Und plötzlich gerät die sonst so souveräne Frau Eule ganz schön ins Schwitzen. Da hilft nur eins: Zusammenhalten!

„Als wir die Bücherei betraten, spürte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Es waren seltsame Geräusche zu hören. „Was ist das denn für ein Lärm?“, fragte Leo und hielt sich die Ohren zu. Es war, als würden alle Bücher ihr Innerstes herauslassen, denn es waren unheimliches Heulen, Hundegebell, verrücktes Gekicher, Brummen, Summen und Singen zu vernehmen. Die Bücher lagen auf dem Boden verteilt und flatterten mit den Seiten. (…) Die neuen Bücher standen auf dem Tisch und ließen verschiedene Botschaften umherschweben. Buh, stand da oder: Es ist kalt und ungemütlich.“ (S. 135/136)

Katja Frixe lässt auch im 6. Band der Reihe nicht nach und schafft eine Wohlfühlatmosphäre in der Geschichte, die das Lesen zur Lust macht. Freche Bücher lassen sich von Menschen nicht alles gefallen, Gustaf geht unter die Verbrecherjäger und die Kinder lösen ihre Alltagsprobleme mit Mut und Witz. Florentine Prechtels Illustrationen sind hinreißend und runden die Geschichte perfekt ab. Es bleibt nur eine Frage: Wann darf ich endlich im Wunschbuchladen einziehen?

Mehr davon! Der Wunschbuchladen macht süchtig! Wann kommt der nächste Band?

Der zauberhafte Wunschbuchladen, Bd. 6: Eine Schule hält zusammen, Katja Frixe, Illustrationen von Florentine Prechtel, Dressler Verlag, Hamburg 2020, 176 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 9. Februar 2020

Mobbing Dick, Tom Zürcher

Mobbing Dick, der im Zürcher Bankenmilieu spielende Roman eines Zürcher Autors, war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 zu finden. Das Buch ist schwer zu beschreiben. Es handelt von verschiedenen Arten des Wahnsinns. Es handelt sich um eine Satire, eine Groteske, die zuweilen sehr witzig ist, an anderer Stelle aber auch die Leserin fast in den Wahnsinn treibt.

Worum geht es? Protagonist ist Dick Meier, der mit Mitte zwanzig noch mit den Eltern in einem Reihenhaus in einem grünen Zürcher Vorort wohnt und gerade sein Studium hingeschmissen hat. Seinen seltsamen Vornamen hat er dem Umstand zu verdanken, dass seine Eltern Fans von Dick Cheney sind. Außer mit dem Haushalt ist Dicks Mutter damit beschäftigt darüber nachzudenken, was aus ihrem Sohn werden soll und was die Nachbarin Frau Welti im Misserfolgsfall darüber denken könnte. Dick heuert als Ungelernter in einer Schweizer Großbank an.

Dick erlebt im Alltag der Bank zunächst, dass alle beschäftigt tun, aber hauptsächlich den Tag rumbringen müssen, ohne dass jemand merkt, dass sie nichts Sinnvolles tun. Entsprechend oft muss Dick in die Confiserie Sprüngli hinunter gehen, um Cremeschnitten zu essen. Natürlich haben alle Kollegen Dreck am Stecken, sind verschuldet durch waghalsige Spekulationen, schlafen sich in der Bank nach oben oder nehmen Happy Pills. Vor allem will jeder befördert werden, die Wochenstatistik der erfolgreichsten Verkäufer anführen und am meisten zu sagen haben. Alle sind von geheimen Seilschaften und Verschwörungen gegen sich überzeugt, Dick eingeschlossen.
„Am Montag liegt eine schwarze Bibel auf dem Hellraumprojektor. Die Kursleiterin zündet eine Kerze an und bittet Dick, nach vorn zu kommen. Heute beginnt der richtige Kurs, sagt sie, und der beginnt mit einem Eid, dem Vreneli-Eid. Dick muss die rechte Hand auf die Bibel legen und ihr nachsprechen:
Hiermit schwöre ich zu schweigen. Zu schweigen über den Vreneli-Kurs und zu schweigen über den Vreneli-Code. Amen.
Das Mütterchen guckt ihm streng in die Augen und er versucht, nicht zu lachen. Dann wird die Bibel durch ein Heidi-Buch ersetzt, auf dem Dick noch einen zweiten Schwur leisten muss, nämlich, die Schätze der Schweiz nicht ans Ausland zu verkaufen. Dieser zweite Eid ist neu und wurde nötig, nachdem ein Bankmitarbeiter Kundendaten an Amerika verraten hat.“ (S. 124)
Während Dick damit beschäftigt ist, Briefumschläge an Kunden in Schönschrift zu adressieren, damit sie wie unverdächtige Privatpost aussehen, erzählt er zuhause, wie erfolgreich er in der Bank aufsteigt. Obwohl er eher den Betrieb durcheinanderbringt, steigt er durch eine Reihe absurder Missverständnisse tatsächlich auf. Nun muss er noch von zuhause ausziehen, um endlich den Eltern zu entkommen, landet dabei aber in einer ziemlich miesen Gegend, was neue Komplikationen bringt. Alles ist so verfahren, dass Dick ein skrupelloses Alter Ego namens Mobbing Dick entwickelt, das sich endlich alles traut, was Dick als Mutters guter Junge eben nicht tun kann. Auch das gerät natürlich außer Kontrolle und führt direkt in die Katastrophe.

Der Plot ist irrsinnig, die Geschichte übt Gesellschaftskritik nicht nur am Schweizer Bankenwesen, sondern auch an der Schweizer Spießbürgerlichkeit. Alle Charaktere sind satirisch überzeichnet, was auf 300 Seiten manchmal ein bisschen anstrengend wird. Aber das ist mal etwas anderes in der Buchlandschaft. Ob ich es zur Lektüre empfehlen soll, weiß ich nicht so recht. Es ist jedenfalls sehr speziell. Insbesondere am Schluss schießt der Autor aus allen Rohren. Da wurde es mir ein bisschen zu viel. Am Lustigsten ist da noch die Figur der 2-Meter-Hure Cornelle.

Eine Tour de Force durch das wahnsinnige Leben eines paranoiden Muttersöhnchens, das in der Machowelt einer Schweizer Großbank erwachsen werden will. Nur für Leser mit Hang zum Grotesken zu empfehlen.

Mobbing Dick, Tom Zürcher, Salis Verlag, Zürich 2019, 320 Seiten, 24,00 EUR

Samstag, 8. Februar 2020

Sungs Laden, Karin Kalisa


Sung ist einer der vielen Ladenbesitzer am Prenzlauer Berg, die vietnamesischer Abstammung sind. Seine Eltern waren zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter ins Land gekommen und konnten nach ihrer Entlassung im Zuge des Mauerfalls einen Laden günstig übernehmen. Sie versorgen den ganzen Kiez mit Waren des täglichen Bedarfs, von Gemüse über Schulhefte bis hin zum Nähzwirn. Es gibt Ost- und Westware, und eben auch Dinge aus Vietnam. Der Laden, der sieben Tage die Woche von früh bis spät geöffnet hat, ist natürlich auch Nachbarschaftstreff.

Von dem Laden geht Energie aus, er verändert Menschen. Waren Vietnamesen zuvor eine Art gesichtsloser Sammelbegriff, entsteht nach und nach eine Bewegung. Alles beginnt mit einem Projekt der örtlichen Grundschule zur Völkerverständigung, zu dem Sungs Sohn Minh ein „Kulturgut“ aus Vietnam mitbringen soll. Da sowohl er als auch seine Eltern in Berlin geboren wurden und nicht vietnamesisch sprechen, fragt Minh seine Großmutter Hiên um Rat. Sie begleitet den Enkel in die Schule und erzählt mit der alten vietnamesischen Holzpuppe Thy, die vom Wasserpuppentheater stammt, die Geschichte ihres Volkes.

„Thy freut sich über den Frieden, denn Thy hat den Krieg gesehen. Der Krieg hat ihr Land zerschnitten, ihr Zuhause – ritsch, ratsch!“
Hiên zog das Seidentuch in der Taille der Puppe straff nach zwei Seiten. Die Holzpuppe schwankte. „Der Süden kämpft gegen den Norden, der Norden gegen den Süden.“
Hiên schüttelte sorgenvoll den Kopf und ließ Thy erzittern.
„Die Leute im Süden denken, dass im Norden ein großes Gespenst den Menschen die Köpfe verdreht. Denn die Leute im Norden wollen auf einmal die Maschinen, an denen sie arbeiten, selbst besitzen, und den Acker, auf dem sie Gemüse und Reis anpflanzen, auch. (…) Und die Leute im Norden, finden, dass der Süden, der an Gespenster glaubt, selbst ein Hexenmeister ist, der die Reichen immer reicher macht und die Armen immer ärmer und mit diesem Hexen gar nicht mehr aufhören kann. (…) Also jagen sie ihn.“ (S. 21/22)

Diese Puppe hat es der Lehrerin angetan. Sie möchte solche ausdrucksstarken, besonderen Puppen für ein Projekt benutzen, das Aufmerksamkeit erregen soll. Aufmerksamkeit entsteht, aber nicht nur für diese Puppen, sondern auch für andere Dinge, die nun in den vietnamesischen Läden gesucht werden. Plötzlich möchte jeder sich mit einem nón lá, einem vietnamesischen Kegelhut, vor der Berliner Sonne schützen. Die meergrüne Seide, aus der Hiêns Kleid gemacht war, ist doch etwas so Besonderes, das auch andere Frauen sie haben möchten. Aus den namenlosen Vietnamesen in ihren Eckläden, Nähstuben und Tischlereien werden geschätzte Nachbarn, die beginnen, ihre Kultur mit den deutschen Kiezbewohnern zu teilen. Man lernt sich kennen, lernt die Sprache des anderen - Hiên beherrscht nämlich beide sehr gut -, sogar ein Standesbeamter mit Hang zur Schönschrift erlernt die Kunst, die vietnamesischen Namen vollständig mit allen notwendigen Akzentzeichen auf die Heiratsurkunden zu schreiben.

Eine wahre Verbindung aber schaffen die „Affenbrücken“, die plötzlich an den unmöglichsten Stellen Straßen und Plätze in schwindelerregender Höhe überqueren. (Man sieht sie auf dem Buchcover.) Sie sind aus Hanfseilen und Bambusrohr gebaut und sind längst wieder verschwunden, wenn das Bauamt kommt, um das nicht genehmigte Bauwerk zu überprüfen.

In jedem Kapitel dieses erheiternden Buches erleben wir, wie ein Mensch aufblüht, seine Bestimmung findet, seine Grenzen überwindet, aus sich herausgeht. Ob dies realistisch ist, ist dabei nebensächlich, denn es könnte immerhin so sein. Dabei wird keine rosarote Welt geschildert, sondern Menschen gezeigt, die den Krieg in Vietnam, den Zusammenbruch der DDR und persönliche Schicksalsschläge erlebt haben. Es kommt darauf an, offen für den anderen zu sein, etwas Neues wahrzunehmen und seine Chancen im Kleinen zu ergreifen. Diese optimistische Grundhaltung macht den Charme dieses Buches aus. Beim Lesen wird Neugier auf vietnamesische Kultur geweckt, man kann die Nudelsuppe förmlich riechen, das Rascheln der Seide spüren und den fremden Wohlklang der Sprache hören.

Ob dabei Klischees bedient werden? Das ist möglich. Leider kenne ich mich mit vietnamesischen Dingen nicht aus. Die Autorin ist jedoch studierte Asienwissenschaftlerin und lebt derzeit in Ost-Berlin, so dass ihre Kenntnisse die meinen deutlich übersteigen dürften. Es geht in diesem Buch aus meiner Sicht aber nur am Rande um die Gesellschaftskritik am Umgang der DDR mit den Vertragsarbeitern aus dem sozialistischen Bruderland. Es geht vielmehr darum, was möglich wird, wenn wir einander offen begegnen und Anderssein als Vielfalt anstatt als Bedrohung ansehen.

Ein Wohlfühlbuch voll positiver Energie über Lebenslust, Initiative und menschliches Miteinander. Einfach schön!

Sungs Laden, Karin Kalisa, Droemer Knaur Verlag, München 2017, 256 Seiten, 9,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 3. Februar 2020

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht, Jojo Moyes

Ein echter Schmöker! Über 500 Seiten, typisch für Jojo Moyes. Das Thema dieses in den USA spielenden Romans hatte mich angesprochen. Es geht um eine „Satteltaschenbibliothek“, also eine Bibliothek, von der die Bücher zu Pferd zu den Menschen gebracht werden, die zu weit entfernt von der Stadt leben, um sich die Bücher selbst zu holen. Die Idee beruht auf dem realen „Packhorse Library Project“, das es von 1935 bis 1943 in Kentucky gegeben hat. Die reitenden Bibliothekarinnen waren mutige Frauen, die sich zutrauten in unwirtliches Bergland zu reiten, um Bildung zu verbreiten.

Die fiktive Geschichte spielt 1937 in der Kleinstadt Baileyville, Kentucky. Die Initiative der Präsidentengattin Roosevelt zur Stärkung von Literatur und Bildung soll aufgegriffen werden durch Einrichtung einer mobilen Bücherei. Zunächst finden sich kaum freiwillige Frauen. Viele Menschen in der kargen Gegend sind skeptisch gegenüber anderen Büchern als der Bibel und halten es für keine gute Idee, Frauen allein durch die Wildnis reiten zu lassen. Doch schließlich startet ein zusammengewürfelter Haufen von Frauen das Projekt.

Leiterin der Bibliothek ist die furchtlose und eigenwillige Margery O´Hare, eine unverheiratete Frau von Ende dreißig, die lebt wie sie will und sich von niemandem reinreden lässt. Die Tochter der Vorsteherin des Frauenvereins, Isabelle Brady, wird von ihrer Mutter zwangsverpflichtet, obwohl sie aufgrund von Kinderlähmung nur mühsam gehen und kaum reiten kann. Beth Pinker, die fluchen kann wie ein Kerl, ist mit von der Partie. Und schließlich ist da Alice Van Cleve, die gerade aus England zugezogene Gattin des Sohns eines reichen Minenbesitzers, die sich in ihrer neuen Heimat und in ihrer Ehe schrecklich langweilt. Später stößt Sophia Kenworth hinzu, eine farbige Bibliothekarin.

Margery ermutigt die anderen Frauen zu ihrer Arbeit und entdeckt in jeder von ihnen Potenzial. Sie macht die anderen mit der Umgebung vertraut und spricht die rauen, skeptischen Bergbewohner an, um ihnen das Lesen näher zu bringen. Sie tritt für Frauenrechte und Gleichberechtigung ein. Es ist ihr gleichgültig, dass über sie getratscht wird. Auch will sie aus Prinzip nicht heiraten, was sie von einer Beziehung zu einem Mann jedoch nicht abhält.

Alice fühlt sich im Haus ihres Mannes Bennet, das sie mit dessen Vater teilen, wie eine Fremde. Alles muss so gemacht werden, wie es die verstorbene Schwiegermutter gewollt hätte. Den Haushalt macht eine Angestellte. Die Leute lachen über ihren fremden Akzent und Bennet scheint an Alice nach anfänglicher Verliebtheit nicht wirklich interessiert zu sein. Er ist entsetzt, als Alice sich eine neue Aufgabe sucht und in der Bücherei anfängt. Alice weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, an welchen Machenschaften die Familie ihres Mannes in den örtlichen Minengesellschaften beteiligt ist. Dort werden Arbeiter ausgebeutet und müssen unter gefährlichsten Bedingungen schuften.

„Wo soll’s denn hingehen?“
Margerys Kopf fährt herum.
Er schwankt leicht, aber sein Blick ist fest und direkt. Der Hahn seines Gewehrs ist gespannt, das sieht sie, und er trägt es wie ein Schwachkopf mit dem Finger am Abzug. „Jetzt schaust du mich an, was, Margery?“
„Ich sehe Sie genau, Clem McCullough.“
„Ich sehe Sie genau, Clem McCullough.“ Speichel sprüht, während er ihre Worte wiederholt wie ein gehässiges Kind auf dem Schulhof. Sein Haar steht auf der einen Kopfseite ab, als wäre er gerade aufgestanden. „Du siehst auf mich herab. Du siehst mich an wie Dreck an deinem Schuh. Als wärst du was Besonderes.“
Sie war noch nie der ängstliche Typ, aber sie kennt diese Männer aus den Bergen gut genug, um keinen Streit mit einem Betrunkenen anzufangen. Ganz besonders, wenn er ein geladenes Gewehr dabeihat.“ (S. 9)

Insgesamt wirkt das Setting auf mich wie aus „Unsere kleine Farm“ (nur weniger harmonisch), obwohl jene Geschichten 100 Jahre früher spielen. Die Gesellschaft ist extrem konservativ, die Lebensumstände primitiv. Frauen haben zu gehorchen, hart zu arbeiten, wenn sie arm sind und tugendhaft-zurückhaltend zu sein, wenn sie wohlhabend sind. Häusliche Gewalt und Alkoholmissbrauch sind an der Tagesordnung. Die Menschen sind streng religiös, Literatur wird als sittengefährdend angesehen. Über Themen der Körperlichkeit kann nicht gesprochen werden, auch nicht in der engsten Familie, geschweige denn bekommen die Frauen Informationen über ihren Körper oder Geburtenkontrolle. Die reichen Minenbesitzer haben das Sagen, sie bedienen sich der Korruption und Gewalt. Die fehlende Bildung der kleinen Landbesitzer nutzen sie aus, um dort kostengünstig Kohle abzubauen. Rassismus ist alltäglich, es herrscht Rassentrennung.

Dieses Gesellschaftssystem wird in Frage gestellt durch die selbständigen Bibliothekarinnen, die Information und Bildung weitertragen sowie ein Vorbild dafür sind, dass Frauen selbstbestimmt arbeiten können. Natürlich geraten sie damit in Konflikt mit den Mächtigen, insbesondere mit den Minenbesitzern und patriarchalen Ehemännern der Stadt. Die Geschichte lebt von der Entwicklung, die alle beteiligten Frauen durchmachen, jede auf ihre Weise. Es ist herzerwärmend, wie die Bibliothek mit spartanischen Mitteln in einem alten Schuppen aufgebaut wird und Menschen nach Lesestoff dürsten. Natürlich gibt es Liebesgeschichten und zum Schluss sogar einen krimiartigen Showdown.

Man hätte den Roman gut um 100-200 Seiten kürzer erzählen können. Die Handlung ist in weiten Teilen vorhersehbar, die Charaktere etwas schwarz-weiß gezeichnet. Dennoch liest sich dieser Unterhaltungsschmöker gut weg und macht Spaß, schon wegen der leidenschaftlichen Bücherliebe. Ein bisschen Cowboyromantik wurde ungewöhnlich verpackt, da es eben um Cowgirls geht, die trotz ihrer Verschiedenheit schließlich durch enge Freundschaft und Zusammenhalt als Team verbunden sind.

Schöner Schmöker über starke Frauen und das Geschenk des Lesens, mit etwas Gesellschaftskritik und Liebesgeschichten vermischt. Macht auch mal Spaß.

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht, Jojo Moyes, aus dem Englischen von Karolina Fell, Wunderlich im Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 544 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...