Freitag, 27. Dezember 2019

Ein Weihnachtsgeschenk für Walter, Barbara Wersba


Walter ist eine echte Leseratte. Er kann lesen ohne es je lernen zu müssen. Er konnte es einfach irgendwann. Ach ja, und er ist eine Ratte. Weil er keinen Namen hatte, hat er sich selbst nach Sir Walter Scott, dem schottischen Schriftsteller benannt. Nach vielen anderen Unterschlüpfen hat Walter das perfekte Heim gefunden. Er wohnt nun im Haus von Miss Pomeroy, einer älteren Kinderbuchautorin. Sie hat eine – etwas unordentliche – Bibliothek, aus der Walter sich nach Herzenslust Lesestoff ausleiht. Selbstverständlich leiht er die Bücher nur über Nacht, wenn Miss Pomeroy schläft und stellt sie am frühen Morgen ordentlich zurück ins Regal.

Miss Pomeroy ist etwas menschenscheu und meist allein. Ist sie vielleicht so einsam wie Walter sich manchmal fühlt? Walter möchte zu gern wissen, was für Kinderbücher Miss Pomeroy so schreibt. Schließlich findet er ihre Bücher in der Bibliothek und ist empört: Sie handeln alle von Mäusen! Kein einziges über eine Ratte dabei! Dabei sind Ratten doch viel schlauer als Mäuse, auch wenn die Menschen das noch nicht mitbekommen zu haben scheinen. Daran muss sich etwas ändern, findet Walter. Er hat auch schon eine Idee…

„Walter spürte Miss Pomeroys Einsamkeit so intensiv wie seine eigene, aber er wusste nicht, was er dagegen tun sollte. Seine Sorge war, dass sie, sobald sie ihn entdeckte, mit Abscheu reagieren würde wie all die anderen Menschen, die ihm bisher begegnet waren. Der Gedanke, sie könne in Ohnmacht fallen, war ihm unerträglich. Unerträglich auch die Vorstellung, sie könne losstürzen und Rattengift kaufen.“ (S. 16)

Walter ist eine ganz zauberhafte Ratte, und so ganz anders, als Menschen sich Ratten vorstellen. Er ist sehr reinlich und hinterlässt keine Köttel. Und ordentlicher als Miss Pomeroy ist er sowieso. Vielseitig interessiert und belesen ist Walter und natürlich überträgt er keine schrecklichen Krankheiten. Warmherzige Zeichnungen begleiten uns durch das wunderschön gestaltete Buch. Walter wird dem Leser sofort sympathisch. Er kämpft gegen Vorurteile, ist aber auch zur Rücksichtnahme auf die griesgrämige Hausherrin bereit. So eine Leseratte würde ich auch beherbergen.

Ein zauberhaftes Weihnachtsbuch mit schönen Illustrationen. Ein Wohlfühlbuch für Leseratten jeden Alters!

Ein Weihnachtsgeschenk für Walter, Barbara Wersba, aus dem Englischen von Barbara Küper, Illustrationen von Donna Diamond, Tulipan Verlag, München 2007, 64 Seiten, 14,90 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 22. Dezember 2019

Dann schlaf auch du, Leïla Slimani

Dieser Roman springt mitten hinein in ein höllisches Szenario. Ein Baby und ein Kleinkind sterben an einem Tatort. Die Polizei ist da. Bereits auf der ersten Seite wird klar, wer für den Schrecken verantwortlich ist. Die Nanny der Familie hat die Kinder umgebracht. Anders als bei einem Krimi geht es nicht darum, die schreckliche Tat zu entschlüsseln. Wer hat es getan und wie. Es geht vielmehr darum zu verstehen wie es dazu kommen konnte, wieso es nicht vorhersehbar war.

In einem wohlhabenden Viertel von Paris treffen zwei Welten aufeinander. Da ist einmal die Familie Massé, die Juristin Myriam und der erfolgreiche Musikproduzent Paul mit ihren Kindern Mila und Adam. Myriam kümmert sich um die Kinder, möchte aber gern wieder arbeiten. Durch eine Anzeige kommen sie auf Louise, verwitwet, eine 20jährige Tochter außer Haus. Louise hat gute Referenzen und ganz offensichtlich ein Händchen für Kinder. Schon bald ist sie unentbehrlich in der Familie. Die Kinder lieben sie, Louise sorgt für geordnete Abläufe und schmeißt ganz nebenbei den Haushalt. Kein Chaos mehr, keine schreienden Kinder, auch wenn beide Eltern beruflich oft den ganzen Tag außer Haus sind. Scheinbar eine Idealsituation. Scheinbar.

Der Roman lässt uns insbesondere den beiden Frauen näherkommen. Myriam hat ein unerreichbares Familienideal der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere. Sie leidet unter Schuldgefühlen, will sich aber kaum eingestehen, dass nicht alles so perfekt funktioniert, wie sie es auf dem Internetkanal ihrer Freundin sieht.

„Sie hatte die Vorstellung immer weit von sich gewiesen, dass die Kinder ihren persönlichen Erfolg und ihre Freiheit beeinträchtigen könnten. Wie ein Anker, der einen mit nach unten reißt, der das Gesicht der Ertrunkenen in den Schlamm zieht. Diese Erkenntnis hat sie anfangs total deprimiert. Sie fand es ungerecht und entsetzlich frustrierend. Ihr war klar geworden, dass sie das Gefühl, unvollkommen zu sein, die Dinge nicht richtig zu machen, einen Bereich ihres Lebens zu Gunsten eines anderen zu opfern, nie wieder loswerden würde. Sie hatte ein Riesendrama daraus gemacht und partout nicht von ihrer Idealvorstellung der Mutterrolle abweichen wollen. Hatte darauf beharrt zu glauben, dass alles möglich sei, dass sie alle ihre Ziele erreichen würde, dass sie weder verbittert noch erschöpft sein würde.“ (S. 40/41)

Louise lebt am Stadtrand in einfachsten Verhältnissen, wie die meisten Nannys, die sie trifft, wenn sie mit den Kindern in den Park geht. Von ihrer Geschichte wissen Myriam und Paul nichts, sie sind schließlich nur die Arbeitgeber. Louise liebt Adam und die kleine Mila, sie genießt es, sich in dem schönen Zuhause der Massés aufzuhalten und dort Teil der Familie zu sein. Aber die Vergangenheit holt sie ein, wird immer unerträglicher. Bis die Situation immer mehr kippt.

In dieser phantastisch geschriebenen Geschichte geht es nicht in erster Linie um die Handlung. Der Roman ist ein detailreich gezeichnetes emotionales Portrait zweier sehr unterschiedlicher Frauen. An ihnen wird eine gesellschaftliche Situation voller unerfüllbarer Erwartungen und idealisierter Elternschaft deutlich, von Gegensätzen, Vorurteilen und Ungerechtigkeit. Ich konnte mich in beide Figuren gut hineinversetzen. Da das grausige Ende zu Anfang vorweggenommen wird, fragte ich mich beim Lesen stets, wo genau das Kippen war. Was hätte ich selbst in der Situation getan? Hätte die Eskalation vermieden werden können? Ich vermag es nicht zu sagen.

Ein spannendes Portrait zweier Frauen an entgegengesetzten Polen der Gesellschaft. Es macht nachdenklich und schreit nach Veränderung, meisterhaft erzählt.

Dann schlaf auch du, Leïla Slimani, aus dem Französischen von Amelie Thoma, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München 2018, 224 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Die Taube, Patrick Süskind

Das schöne Cover dieser Ausgabe hat mich angezogen, die wunderbare grün-lila Färbung des Taubenkopfes, dazu der mir bekannte Autor. Was kann man über eine Taube schreiben?, habe ich mich gefragt. Patrick Süskind macht sie zu nichts weniger als dem Auslöser des Weltuntergangs.

Jonathan Noel ist in den Fünfzigern und lebt in einem kleinen, bescheidenen Zimmer in Paris. Seit dreißig Jahren arbeitet er im selben Job, als Wachmann einer Bank. Ebenfalls seit Jahrzehnten lebt er in einer sog. Chambre de bonne, also einem ehemaligen Dienstmädchenzimmer in einem Pariser Altbau, zu erreichen über die Hintertreppe, ausgestattet mit Etagenklo und Waschbecken im Zimmer. Er ist mit seinem grundanständigen und gleichförmigen Leben zufrieden. Aber eines Morgens geschieht etwas, das Jonathan zutiefst erschrecken lässt. Als er die Tür seines Zimmers öffnet, sitzt dort eine Taube.

„(…), in Notwehr ist es erlaubt, Paragraph eins der Dienstordnung für bewaffnetes Wachpersonal, es ist sogar geboten, kein Mensch macht dir einen Vorwurf, wenn du einen Menschen erschießt, im Gegenteil, aber eine Taube?, wie erschießt man eine Taube?, das flattert, eine Taube, das verfehlt man leicht, das ist grober Unfug, auf eine Taube zu schießen, das ist verboten, das führt zum Einzug der Dienstwaffe, zum Verlust des Arbeitsplatzes, du kommst ins Gefängnis, wenn du auf eine Taube schießt, nein, du kannst sie nicht töten, aber leben, leben kannst du auch nicht mit ihr, niemals, in einem Haus, wo eine Taube wohnt, kann ein Mensch nicht mehr leben, eine Taube ist der Inbegriff des Chaos und der Anarchie, eine Taube, das schwirrt unberechenbar umher, das krallt sich ein und pickt in die Augen, eine Taube, das schmutzt unablässig und stäubt verheerende Bakterien aus und Meningitisviren, das bleibt nicht allein, eine Taube, das lockt andere Tauben an, (…)“ (S. 18)

Jonathans Ekel ist unbeschreiblich. Doch das ist erst der Anfang eines schrecklichen Tages. Irgendwie schafft er es, zu seiner Arbeitsstelle zu gelangen. Doch auch dort gerät die Welt aus den Fugen. Ungeheure Dinge passieren ihm, an Peinlichkeit nicht zu überbieten, findet Jonathan. Auf atemlosen knapp unter hundert Seiten begleiten wir Jonathan durch seinen Tag der Extreme. Dafür gibt es ein Wort: Paranoia. Jeder scheint Jonathan zu beobachten, die Welt ist gegen ihn, jeder Fehler unverzeihlich, aufgeladen mit Selbsthass wankt Jonathan dem Ende entgegen. Seine zwanghaften Strukturen werden dem Leser offenbar, ebenso wie seine Unfähigkeit zu Alltagsinteraktionen mit anderen Menschen. Sein Inneres brodelt, während die Welt draußen anscheinend ungerührt fortexistiert.

Die Gedankenwelt des Jonathan Noel ist extrem. Dennoch wird sich jeder Leser im Kleinen darin wiedererkennen. Wir alle kennen Tage, an denen wir uns so verletzlich fühlen, dass ein kleines Missgeschick, etwa ein umgestoßenes Glas, zum Drama wird. Tage, an denen wir denken, jeder Passant müsse jeden Makel an uns sofort entdecken und uns dafür verachten. Und so verachten wir uns selbst. Dieses in Maßen normale Gefühl hat Süskind bis zur Groteske auf die Spitze getrieben. Ein seltsames Buch, das uns zeigt, wie zerbrechlich unsere innere Welt sein kann, ohne dass dies irgendein Mensch mitbekommt. 

Weltuntergangsszenario mit Taube – sowas kann wohl nur Patrick Süskind. Für mich kein großes Meisterwerk, aber als Idee durchaus interessant.

Die Taube, Patrick Süskind, Diogenes Verlag, Zürich 1990, 112 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 17. Dezember 2019

Das Ting, Artur Dziuk


Das Ting ist eine coole App, die wir uns manchmal alle wünschen. Es hat Sensoren wie ein Fitnessarmband und sagt uns, ob wir dehydriert sind oder mal wieder Sport machen sollten. Es kann aber noch viel mehr. Es hilft dem Träger, Entscheidungen in allen möglichen Lebenslagen zu treffen und dabei unlogische Schritte zu vermeiden. Es ist eine Art Navigationssystem für das Leben. Wäre so eine Hilfe in unserem immer komplexer werdenden Alltag nicht praktisch?

Um das Ting entsteht ein Start-up Unternehmen in Berlin aus vier sehr unterschiedlichen Menschen. Die hochsensible Niu ist eine fabelhafte Programmiererin, die sich mit selbstlernenden Algorithmen auskennt. Linus kennt sich mehr mit der technischen Seite aus und weiß, wie Sensoren gebaut werden. Adam, aus einfachen Verhältnissen einer polnischen Einwandererfamilie kommend, weiß wie man Dinge vermarktet. Und Kasper, dessen Familie seit Generationen ein Consultingunternehmen führt, vertritt die kaufmännische Seite. Sie alle haben ganz unterschiedliche Motive, warum sie am Ting mitarbeiten.

Um das Ting in seiner Betaphase testen zu können, installieren die vier Gründer es bei sich und verpflichten sich vertraglich, jeder Empfehlung des Ting bedingungslos zu folgen. Jeder, auch in ganz privaten Zusammenhängen. Denn wie soll man sonst mögliche Bugs finden? Sie entwickeln das Ting technisch weiter, so dass seine Empfehlungen nirgends mehr abgelesen werden müssen, sondern vom Nutzer als innere Stimme in seinem Kopf gehört werden können. Jeder der vier reagiert völlig unterschiedlich auf das Ting. Und mancher fühlt sich, als sei er niemals mehr allein in einem Raum. Die Anwesenheit des Ting ist spürbar. Das kann sehr tröstlich sein, aber auch gespenstisch.
"Der Fahrtwind gleitet an seinem Helm ab und schlägt in seinen Anzug. Der Helm, der Muskelkater, die heimelige Wohnung - all das fühlt sich noch nicht richtig an. Sondern wie das Leben eines andern Menschen, in das er für eine abgesteckte Zeit schlüpft. Das wird er nicht im Blog erwähnen, denkt Adam. Denn das Gefühl wird nicht lang Bestand haben. Bald wird das sein gewohntes Leben sein, als hätte es nie ein anderes gegeben. Stattdessen soll der Blog- Artikel den aktuellen Zustand mit den ersten Tagen des Beta-Tests kontrastieren." (S. 217)

Dieser packende Roman ist von unserer technischen Realität nur einen winzigen Schritt entfernt. Niemand findet es mehr seltsam, seine Pulsfrequenz von einem Armband abzulesen oder vom Handy an einen Termin erinnert zu werden. Die Geschichte wirft viele interessante gesellschaftliche und ethische Fragen auf. Auf wessen Empfehlungen vertrauen wir im Leben? Sind Empfehlungen, die auf der Auswertung realer Daten beruhen, sinnvoller als solche, die aus dem Bauch heraus getroffen werden? Was kann künstliche Intelligenz und wer steuert sie? Jeder Handlungsempfehlung liegt eine Bewertung der Situation zugrunde. Welches Wertesystem steht dahinter und wer bestimmt es? Was ist der „perfekte Mensch“ und ist ein solcher eigentlich möglich und wünschenswert? Wo verläuft die Grenze zwischen Optimierung und Selbstausbeutung? Ist jeder, der das Ting nicht nutzt, schuld an allem Ungemach, das ihm im Leben widerfährt, weil er es hätte verhindern können?

Mich hat dieser spannende Roman gepackt und nicht mehr losgelassen, gerade weil das Szenario so real ist. Die Charaktere sind ausdifferenziert und sehr glaubwürdig. Besonders gefallen hat mir die Figur Niu. Endlich mal eine Frau als Programmiererin! Ihre Sensibilität ist anrührend, ihre Klugheit erfrischend. Große Leseempfehlung!

Ein packender Roman mit gesellschaftlicher Brisanz, Tiefe und interessanten Charakteren, ein sehr gelungenes Debüt. Bitte mehr davon!

Das Ting, Artur Dziuk, bold im dtv-Verlag, München 2019, 464 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 14. Dezember 2019

Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque

Der Titel ist zum geflügelten Wort geworden, der Roman ist ein Klassiker der Weltliteratur. 1929 erstmals in Buchform erschienen, wurde er in über 50 Sprachen übersetzt. Mit über 20 Mio. Exemplaren ist der Roman angeblich das meistverkaufte Buch nach der Bibel. Jedenfalls wurde laut Wikipedia kein im Original deutschsprachiger Text häufiger verkauft als dieser.


Das Buch handelt vom Grauen des Ersten Weltkriegs. Ihm eilt der Ruf voraus, sehr Grausames zu schildern, so dass ich mich erst jetzt anlässlich eines Buddy Reads auf Instagram getraut habe, es zu lesen. Das war eine gute Idee, da der Text wirklich erschütternd ist und der Austausch mit den anderen sehr hilfreich war.

Die Geschichte spielt in der Zeit von 1916 bis 1918, beginnt also zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Schüler Paul Bäumer meldet sich als 18jähriger freiwillig zum Militär, zusammen mit mehreren Klassenkameraden. Er kommt an die Front in Westflandern und erlebt u.a. die Schlacht von Langemarck im August 1917 mit. Geschildert werden die Rekrutenausbildung, das Kampfgeschehen an der Front einschließlich Gasangriff, aber auch ein Heimaturlaub und die Situation im Lazarett. Dabei darf man davon ausgehen, dass die detaillreichen Schilderungen authentisch sind, da der Autor im gleichen Alter wie die Figur Paul Bäumer war, als er 1916 eingezogen wurde.

In schnörkelloser, sachlicher Sprache berichtet Paul Bäumer das, was eigentlich unaussprechlich ist. Was die Soldaten während des Urlaubs zuhause nicht über die Lippen bringen, was ihnen auch niemand vorher gesagt hat, als man sie dazu drängte, sich freiwillig zu melden. Das militärische Gerät ist noch rudimentär. Zwar gibt es Flugzeuge, aber hauptsächlich wird von Hand gefeuert oder sogar im Nahkampf mit dem Bajonett gekämpft. Die Wagen mit dem Nachschub werden von Pferden gezogen. Die Deutschen haben keine Panzer, zum Schluss wohl aber ihre Gegner. Für die Soldaten bedeutet dies, dass sie dem Gegner Auge in Auge gegenüber stehen, sehen, wen sie da töten, das Leiden mitansehen und merken, dass auf der anderen Seite junge Männer stehen, die ihnen sehr ähnlich sind. Das alles beschreibt der Autor ohne jede Sentimentalität. Gerade dies macht die Schilderung so eindrücklich.

Ein solcher Kampf funktioniert nur, wenn man alles menschliche Mitgefühl verdrängt. Paul beschreibt, wie er meint zum Tier zu werden, alle Menschlichkeit abstreift, nur noch an den Kampfbefehl denkt und dabei verzweifelt versucht, sein Leben zu retten. Er sieht Kameraden sterben und merkt, dass er sich keine Trauer erlauben kann. Sie würde ihn zermalmen. Er weiß aber selbst, dass die Verdrängung nicht ewig funktionieren wird. Spätestens nach dem Krieg wird alles zurückkommen, wird er die schlimmen Bilder und die Schuld verarbeiten müssen. Paul weiß, dass er ein völlig anderer Mensch geworden ist, der nicht in sein altes, heiles Schülerleben zurückkehren können wird. Und gerade dass Paul all die Verrohung, der Wahnsinn des Leidens und die Sinnlosigkeit des Krieges so deutlich bewusst sind, ist das Schlimmste.

„Albert spricht es aus. ‚Der Krieg hat uns für alles verdorben.‘
Er hat recht. Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen, die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.“ (S. 66/67)

Wer dieses Buch gelesen hat, kann den Reden von Kriegstreibern keinen Glauben mehr schenken, wird begreifen, was Krieg wirklich bedeutet und dass es niemals Sieger dabei geben kann. Das exemplarische Schicksal von Paul Bäumer und seinen Kameraden macht deutlich, dass selbst ein formal gewonnener Krieg nur um den Preis einer seelisch verstümmelten Generation zu haben wäre. Ich wünschte, jeder würde dieses Buch lesen und nie mehr davon reden, dass man Konflikte militärisch lösen müsse.

Ein großartiges Stück Literatur durch die Erzählweise. Ein Mahnmal gegen jede Art von Krieg. Der Roman sollte Pflichtlektüre für jeden sein.

Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 224 Seiten, Preis der aktuellen, neueren Ausgabe: 8,99 EUR

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Die Zürcher Verlobung, Barbara Noack



Die Zürcher Verlobung ist sicher vielen ein Begriff als Klassiker. Allerdings wohl mehr die berühmte Verfilmung mit Lilo Pulver von 1957 als das Buch. Da ich den Film sehr mag, habe ich nun die Buchvorlage gelesen. Aufgrund des Alters dieses Buches ist es überall gebraucht für wenige Cents zu bekommen. Mein Exemplar stammt aus einem öffentlichen Bücherschrank.


Barbara Noack hat mehrere Roman-Bestseller, aber auch Drehbücher geschrieben. Die Zürcher Verlobung erschien erstmals 1955 und war ein großer Publikumserfolg, so dass der Roman wenig später verfilmt wurde. (Danach gab es mehrere weitere Verfilmungen des Stoffes.) Es handelt sich um eine leichte Liebesgeschichte, in flottem Ton geschrieben.

Im Zentrum steht die etwa 30jährige Juliane Thomas, eine Schriftstellerin aus Hamburg, die im Film von Lilo Pulver dargestellt wird. Juliane ist frisch entlobt, da ihr Verlobter Jürgen auf Abwege mit einer gewissen Karin geraten ist. Um ihm den Eindruck zu vermitteln, sie trauere ihm nicht hinterher, erfindet Juliane eine Notlüge von einer geplanten Verlobung in Zürich. Es kommt, wie es kommen muss: Eine Lüge zieht die nächste nach sich. Juliane verkuckt sich tatsächlich in einen Schweizer. Ob dieser allerdings der Richtige ist, ist ungewiss. Dessen ungehobelter Freund aus Berlin, ein Filmregisseur genannt Büffel, der Julianes Drehbuch verfilmt, funkt außerdem dazwischen. Für Aufregung sorgt ferner der 11jährige Sohn des verwitweten Regisseurs. Zu allem Überfluss möchte Jürgen, der Ex-Verlobte, seine Juliane zurückerobern. So ist das Chaos perfekt und Julchens Herz verwirrt. Eine muntere Geschichte zwischen Hamburg, Berlin, Zürich und St. Moritz entspinnt sich.

Bei einer Liebesgeschichte aus den 50er Jahren, in der die unverheiratete Hauptperson sogar schon dreißig ist, bleiben gewisse Klischees natürlich nicht aus. Die Männer sind stets älter und weiser als Julchen. Stets bezahlen die Herren die Rechnung. Auf Julianes Ausgehen (sonst nichts!) mit verschiedenen Männern außer ihrem Verlobten reagieren ältliche Damen mit Missbilligung. Und dass eine Frau schnellstens geheiratet werden will, versteht sich von selbst.

„Unsere gemeinsamen Freunde behaupteten, ich verfüge über einen besseren Charakter als er. Aber ich hab’s nicht gern, wenn man vor allem meinen Charakter bei der Aufzählung meiner Qualitäten erwähnt. Denn im Rennen um einen Mann – wann hat da schon der Charakter vor der Schönheit gesiegt?“ (S. 14)

Dennoch ist die Geschichte durchaus erheiternd, da Juliane manchmal wenig damenhaft ist und sich den einen oder anderen Verstoß gegen gesellschaftliche Erwartungen erlaubt. Ohnehin ist sie eine berufstätige Frau mit eigener Wohnung. Natürlich ist die Geschichte sehr keusch. Außer romantischen Küssen wird nichts erwähnt. Juliane hat Sinn für Humor und kann gut über sich selbst lachen. Da ich ständig Lilo Pulvers freches Gesicht beim Lesen vor mir gesehen habe, habe ich die Geschichte genossen. Die Romanvorlage wurde bei der Verfilmung allerdings aufgepeppt. So wurde die Figur von Julianes Mutter ausgelassen, die Rolle des verflossenen Verlobten ausgebaut und in St. Moritz eine einsame Berghütte hinzugefügt, die im Roman gar nicht vorkommt.

Zum ersten Mal muss ich sagen: Der Film ist besser als das Buch. Trotzdem macht die Lektüre Spaß.

Die Zürcher Verlobung, Barbara Noack, Bertelsmann Club GmbH, Rheda-Wiedenbrück, unbekanntes Jahr, 144 Seiten, ohne Buchpreisbindung

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...