Freitag, 5. Juli 2019

Der Dieb, Fuminori Nakamura


„Bei dieser Geschichte machen Sie kein Auge zu.“, verspricht der schneeweiße Umschlag. Ein weiterer Band aus der „Diogenes under cover“- Serie. Dahinter verbirgt sich ein japanischer Thriller, der in der Tokioter Unterwelt spielt. Eigentlich ist der Erzähler ein einfacher Taschendieb. Von Kindheit an hat er seine Greiftechnik perfektioniert. Er genießt das Prickeln und Kribbeln, das Stehlen gibt ihm jedes Mal einen Kick. Und er ist gut. Geld spielt für ihn keine Rolle. Er kann davon besorgen so viel er will.

Leider war er in der Vergangenheit in eine Sache verwickelt mit Leuten, denen er jetzt ungewollt wieder begegnet. Und lieber niemals begegnet wäre. Es geht um die Macht der Mafiosi. Wenn sie jemanden sterben lassen wollen, dann tun sie es. Die Macht über ein Menschenleben nach Laune entscheiden zu können, scheint manchen Menschen den gleichen Kick zu geben wie dem Erzähler ein Taschendiebstahl. Es ist ein einsames Leben. Denn wer Familie hat oder auch nur Menschen, die ihm nicht total gleichgültig sind, wird erpressbar. Und dummerweise taucht die Vergangenheit gleichzeitig aus der Versenkung auf wie ein kleiner, verwahrloster Junge, der von seiner Mutter zum Stehlen von Lebensmitteln in den Supermarkt geschickt wird.

„Ich sagte zu ihm: „Du bist ziemlich geschickt, aber… man macht das so, schau mal!“
Von der Liste war nur noch Joghurt übrig geblieben. Vor dem Kühlregal mit den aufgestapelten Bechern streckte ich meine Hand aus, als überlegte ich mir, welche Sorte es sein sollte. Ich blinzelte nach links und rechts, legte den Mittelfinger an den Rand des Deckels und krümmte ihn blitzartig, so dass der Joghurt nach vorne kippte, direkt in meinen Ärmel. (…) Der Junge verfolgte mit ernster Miene jede meiner Bewegungen und schaute mich dann lange an, als ob ein Wunder geschehen wäre. Er schien auch sehr beeindruckt, als ich den Arm senkte und die Joghurts nicht herausfielen.“ (S. 87)

Nach und nach erfährt der Leser, an was für einer Tat der Erzähler in der Vergangenheit beteiligt gewesen ist und was mit seinem ehemaligen Lehrmeister geschehen ist. Zum Schluss werden auch die Motive derjenigen klar, die ihn zwingen, für sie zu arbeiten. Mich hat diese Ganovengeschichte nicht wirklich fesseln können, allerdings bin ich auch kein Thriller-Fan. Die Skrupellosigkeit der Mafiosi ist vorhersehbar. Interessant sind die Beschreibungen der Emotionen des Erzählers. Was ihn antreibt, was er verabscheut und vor allem sein Interesse an dem kleinen, fremden Jungen. Die Einsamkeit und Kraft des verwahrlosten Kindes sind beeindruckend, abstoßend dagegen die Kälte seiner Mutter, die sich als Prostituierte durchschlägt. Gut fand ich, dass zwar Morde geschehen, aber der Roman keine blutrünstigen Gewaltszenen schildert.

Nicht schlecht, aber ich werde dennoch nachts gut schlafen, da ich das Buch nur mäßig spannend fand.

Der Dieb, Fuminori Nakamura, aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 224 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 4. Juli 2019

Der Koch, Martin Suter


Unschuldig verhüllt kommt dieses Buch daher, in einem blütenweißen Umschlag mit der Frage: „Wann wurden Sie das letzte Mal verführt?“. Der Diogenes-Verlag hat zehn seiner Backlist-Titel unter derartigen Tarnumschlägen versteckt und nennt dies „Diogenes under cover“. Ich gebe zu, dass ich vor dem Kauf nach dem Titel geluschert habe.

Darunter verbirgt sich ein Roman über einen ungewöhnlichen tamilischen Koch, Maravan, der wegen des Bürgerkriegs in seiner Heimat Sri Lanka 2008 in der Schweiz Asyl gesucht hat. Obwohl er schon als Kind alles über die Kunst des Kochens von seiner Großtante Nangay gelernt und später in seiner Heimat auch als Koch gearbeitet hat, kann er aufgrund der Asylgesetze im Gastland nur als Küchenhilfe niedere Arbeiten zu einem Hungerlohn verrichten. Sein überlegenes Wissen wird ihm zum Verhängnis. Er verliert seinen Job.

Durch Zufall wird eine ehemalige Kollegin darauf aufmerksam, dass Maravan nicht nur besonders wohlschmeckend kochen kann, sondern dass seine Speisen nach alten ayurvedischen Rezepten aphrodisierend wirken. Eine Geschäftsidee entsteht.

„Anstatt das ganze Püree aus in gezuckerter Milch eingelegten Urd-Linsen portionenweise im Backofen zu trocknen, vermischte er die Hälfte mit Agar-Agar. Beide Hälften strich er auf Silikonmatten, schnitt sie in Streifen. Die Hälfte ohne Agar-Agar trocknete er im Backofen und drehte sie noch warm zu Spiralen. Die andere Hälfte ließ er erkalten und wand die elastischen Blätter in die inzwischen knusprig gewordenen Spiralen. (…) Er würde sie zusammen mit süßem Safranghee reichen, den er auf dünne, mit Safranfäden belegte Honig-Gel-Streifen strich und rollte. Mit diesen hellgelben Zylindern, durch deren opake Wände dunkelgelb die Safranfäden schimmerten, umstellte er die Sphären.“ (S. 43)

Welcher Menschenschlag nimmt die Dienste eines Catering Services mit Namen „Love Food“ in Anspruch? Sicher, da sind langjährige Ehepaare, die ihrer Beziehung neuen Schwung geben wollen. Aber es gibt auch Geschäftsleute, die lieber mit anderen Damen als der eigenen Frau tafeln möchten. Maravan möchte gar nichts wissen über die Art von Geschäften, die diese Kunden machen, sondern am liebsten nur verheiratete Paare bekochen. Schließlich ist er gläubiger Hindu. Aber Kunst geht eben auch nach Brot, zumal die Familie in der Heimat dringend finanzieller Unterstützung bedarf. Auf einmal wird das Wegsehen jedoch sehr schwer.

Martin Suter erzählt diese Geschichte glänzend leichtfüßig und beschreibt detailreich die Zubereitung der exotischen Speisen. Liebevoll werden Essenzen destilliert, Gewürze geröstet und feine Schäume kreiert – man kann die Düfte förmlich erschnuppern und spürt das sanfte Zergehen der Köstlichkeiten auf der Zunge. (Im Anhang befinden sich sogar die Rezepte zum Nachkochen!) Fein versponnen mit den sinnlichen Genüssen gibt es eine sanfte Liebesgeschichte und ein paar politische Verwicklungen im Rahmen der Bankenpleiten und Wirtschaftskrise von 2008.

Eine herrliche Verführung zum sinnlichen Lesen!

Der Koch, Martin Suter, Diogenes Verlag, Zürich 2011, 320 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 3. Juli 2019

Junger Mann, Wolf Haas

Wenn er an der Tankstelle „junger Mann“ genannt wird, ist das schon ein Gewinn. Besser als wenn man ihn „Fräulein“ ruft, auch wenn er dann für das Scheibenputzen meistens mehr Trinkgeld bekommt. Unser Antiheld ist noch keine vierzehn Jahre alt, etwas pummelig und wohnt in den 1970er Jahren in einem österreichischen Kaff nahe des deutschen Ecks. Sein Vater ist in der Hauptstadt in der Irrenanstalt, weil er säuft und alles Geld verspielt. Seine Mutter ist auch irgendwie verrückt und geht dem Erzähler erheblich auf die Nerven. In den Internatsferien verdient er, der einzig Normale in der Familie, sich an der Tankstelle ein Taschengeld.

Seine Welt verändert sich, als er beim Scheibenputzen auf diese wahnsinnig schöne Frau auf dem Beifahrersitz aufmerksam wird. Sie sitzt im Auto von Tscho, einem örtlichen Lkw-Fahrer. Unser Held beschließt, dass er eine Abmagerungskur machen wird, bevor er sich ernsthaft um die Elsa bemühen kann. Dann wird es wohl nicht mehr so ins Gewicht fallen, dass sie ein bisschen zu alt und ein bisschen zu verheiratet für ihn ist, oder?

Im nächsten Moment fand ich meinen Lebensmut wieder. Ich sagte mir, mit der Waage müsse etwas nicht stimmen. Vielleicht war sie verstellt. (…) Einer war aus dem Internat geschmissen worden, weil er ein interessantes Buch namens Kamasutra eingeschmuggelt und nicht gut genug versteckt hatte. Ähnlich komplizierte Stellungen nahm ich auf der Badezimmerwaage ein. (…), bis ich bei immer akrobatischeren Schräglagen schließlich von der Waage fiel. Doch mein gesamtes Badezimmerwaagenkamasutra brachte nichts. Am ehesten noch 94 Kilo. (S. 20/21)

Mit eiserner Disziplin schiebt der Erzähler Kohldampf, schwingt sich aufs Rad und lernt Kalorientabellen auswendig. In herrlichem Dialekt lässt er uns teilhaben an seinen Gedanken, die ständig um Elsa kreisen und um das Erwachsenwerden. Obwohl Tscho eigentlich sein Rivale ist, kommt er diesem näher, als der ihn mit auf eine Fahrt mit dem Lkw nach Thessaloniki nimmt. Tscho ist schweigsam beim Fahren. Umso erstaunlicher ist es, welche bedeutenden Dinge die beiden dennoch während der Fahrt austauschen. Kann es sein, dass der Erzähler doch nicht nur wegen seiner Englischkenntnisse mitfahren sollte?

Der namenlose Erzähler ist ein nachdenklicher, gescheiter und feinfühliger Junge, dabei ein Pechvogel. Er macht sich über seine Popularität bei Frauen keine Illusionen. Aber er hat einen Traum: Er will abnehmen und die Elsa für sich begeistern. Deshalb hat er auch viel Verständnis für die Träume der anderen. Er möchte niemanden bloßstellen, versucht hilfreich zu sein und seine Mutter so gut es geht zu ertragen. Etwa ab der Hälfte des Buches geht er auf einen Roadtrip mit Tscho, der ihm die Welt öffnet, eine Coming-of-age-Story.

Die wohl teilweise autobiografisch gefärbte Geschichte hat einen lockeren Tonfall, ist unterhaltsam und nötigt dem Leser Respekt ab für diesen Jungen, der es irgendwie schafft in diesem langweiligen, nervtötenden und peinlichen Leben in der Provinz. Ich habe diesen Antihelden jedenfalls sofort ins Herz geschlossen. Der Roman hat mir sehr gefallen.

Eine mutmachende Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, seinen Traum zu leben.

Junger Mann, Wolf Haas, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 30. Juni 2019

Oskar und die Dame in Rosa, Eric-Emmanuel Schmitt


Oskar ist zehn Jahre alt, leidet an Leukämie und weiß, dass er bald sterben wird. Alle wissen es, aber niemand will es ihm sagen, auch seine Eltern nicht. Zum Glück gibt es Oma Rosa, eine nette Dame und ehemalige Catcherin im Krankenhaus. Oma Rosa nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit ihr kann Oskar reden. Oma Rosa schlägt Oskar vor Briefe an Gott zu schreiben.  

„Du würdest dich nicht so einsam fühlen.“
„Nicht so einsam wegen jemandem, den es gar nicht gibt?“
„Dann sorg dafür, dass es ihn gibt.“
Sie beugte sich zu mir rüber.
„Jedesmal, wenn du an ihn glaubst, wird es ihn ein bisschen mehr geben. Und wenn du dranbleibst, wird er ganz und gar für dich da sein. Und er wird dir Gutes tun.“ (S. 20)

Oskar befolgt diesen Rat. Und Oma Rosa hat noch eine gute Idee. Sie schlägt Oskar vor, jeden Tag so zu behandeln, als wären es zehn Jahre seines Lebens. So kann Oskar in wenigen Tagen ein ganzes Leben mit vielen Phasen durchleben: die Pubertät, die Midlife-Crisis, das Alter. Oskar versteht mehr und mehr, was die wirklich wichtigen Begriffe im Leben sind, die man in keinem Lexikon nachschlagen kann: Leben, Tod, Glaube und Gott.

Dieses kurze Buch, das aus Oskars Briefen an Gott besteht, hat es in sich. In wenigen Tagen setzt sich Oskar mit dem Leben auseinander. Er spricht alles aus, spricht alles an. Und er macht Erfahrungen mit den Menschen um ihn herum. Er ist dabei durchaus heiter, meistens jedenfalls. Die Erwachsenen genieren sich weit mehr als Oskar, die wichtigen Dinge anzusprechen. Und so schafft Oskar es sogar anderen Mut zu machen.

Dieses Buch treibt einem zuerst die Tränen in die Augen, dann ein Lächeln aufs Gesicht. Wenn wir nur alle dem Leben so direkt begegnen könnten.

Oskar und die Dame in Rosa, Eric-Emmanuel Schmitt, aus dem Französischen von Annette und Paul Bäcker, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2005, 112 Seiten, 11,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 29. Juni 2019

Liebe Kitty, Anne Frank


Jeder kennt das Tagebuch der Anne Frank. Aber wusstet Ihr, dass Anne Frank in ihrem Versteck einen Romanentwurf geschrieben hat? Sie hat im Jahr 1944 ihr spontan niedergeschriebenes Tagebuch zu einem Briefroman umgearbeitet, den sie nach dem Krieg unter dem Titel „Das Hinterhaus“ veröffentlichen wollte. Zum ersten Mal erscheint aus Anlass ihres 90. Geburtstags in diesem Jahr eine Ausgabe, die nur diesen (unfertigen) Romanentwurf enthält. Das wurde auch Zeit!

Das Nachwort des Romans - geschrieben von Laureen Nussbaum, einer Jugendfreundin von Anne - berichtet über die verschiedenen Versionen von Anne Franks Tagebuch, von denen ich zuvor noch nie gehört hatte. Ich habe „das Tagebuch“ als Teenager in den 1980er Jahren gelesen und dachte, dass es nur ein einziges gäbe. Die von mir gelesene Ausgabe war die von Annes Vater Otto Frank im Jahr 1947 erstmals in niederländischer Sprache veröffentlichte und später ins Deutsche übersetzte Version des Textes. Otto Frank hat in dieser ersten Ausgabe eine Mischung aus dem Originaltext des Tagebuchs und dem später geschriebenen Romanfragment gebildet. Dieser Umstand ist wohl erst nach Otto Franks Tod 1980 entdeckt worden, nachdem die Originalhandschriften dem niederländischen Staatsinstitut für Kriegsdokumentation übergeben worden waren. Erstmals 1986 wurde eine textkritische Ausgabe auf Niederländisch veröffentlicht, die alle drei Versionen einander direkt gegenüberstellt, nämlich das spontan niedergeschriebene Tagebuch als Version A, das Romanfragment als Version B und den daraus von Otto Frank gemischten Text als Version C. Das hier besprochene Buch „Liebe Kitty“ enthält nur die Version B in einer neuen deutschen Übersetzung von Waltraud Hüsmert.

Inhaltlich unterscheidet sich der Roman deutlich vom spontan niedergeschriebenen Tagebuchtext (Version A). Das Tagebuch hat Anne Frank von 1942 bis 1944 jeweils spontan niedergeschrieben und zwar ausdrücklich nur für sich selbst. Niemand anders sollte es je lesen. Im März 1944 hörte Anne im Radio, dass ein niederländischer Minister aus dem Exil seine Landsleute zur Aufbewahrung von Briefen und Tagebüchern aus der Kriegszeit aufforderte, um Zeugnis über diese Zeit abzulegen. Es war schon vorher Annes sehnlicher Wunsch gewesen, nach dem Krieg Journalistin und eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Daher begann sie im März 1944 mit einer literarischen Umarbeitung ihres Tagebuchs. Bis zur Entdeckung der Familie Frank im August 1944 schrieb sie 215 Seiten und kam mit dem Romantext bis zum März 1944.

Wie im Orginialtagebuch bleibt Anne auch im Roman bei der Briefform und schreibt ihrer imaginären Freundin Kitty. Ganz deutlich schreibt sie nun aber für einen potenziellen Leser, der sie nicht kennt, und erhöht dadurch die Lesbarkeit des Textes erheblich. Sie erklärt ihre Lebensumstände, stellt ihre Familie vor und erläutert den Tagesablauf im Versteck. Sie fasst Ereignisse thematisch zusammen und lässt einiges weg, was nicht für die Ohren Dritter bestimmt ist, etwa die Veränderungen ihres Körpers in der Pubertät oder die Schwärmerei für Peter, den Sohn der zweiten Familie im Versteck. Anne hatte sich Decknamen für die versteckten Personen ausgedacht, welche in der zunächst veröffentlichten Mischversion C auch benutzt werden. Im Romanentwurf werden die echten Namen der Personen genannt (und sollten wohl bei Veröffentlichung geändert werden). Die zweite versteckte Familie erinnerte ich als Familie van Dahn. Tatsächlich hießen sie van Pels. Der zuletzt hinzu gekommene Zahnarzt heißt in der Mischversion Herr Dussel – ein von Anne bewusst genutzter sprechender Name des ihr unsympathischen Mannes. Tatsächlich hieß der Zahnarzt Herr Pfeffer.

Anne Frank hat in den mehr als zwei Jahren, die sie im Hinterhaus versteckt lebte, eine große persönliche Entwicklung durchgemacht. Im Vergleich zum Originaltext des Tagebuchs beschreibt sie den Einzug ins Versteck und die Anfangszeit dort in ihrem Roman sehr viel reflektierter. Sie baut humorvolle Elemente ein, etwa die „Hinterhaus-Versteckregeln“:

Freizeit: entfällt, sofern außer Haus, bis auf Weiteres.
Sprachgebrauch: geboten ist, jederzeit leise zu sprechen, erlaubt sind alle Kultursprachen, also kein Deutsch. (S. 61)

Sie nimmt ihren Anteil an den Reibereien mit den anderen Versteckten kritisch unter die Lupe, vergleicht ihre Lage mit der anderer Juden, die in Konzentrationslager verschleppt worden waren und überlegt, wie sie sich angesichts der prekären Lage im Versteck zu verhalten hat, um es für alle erträglicher zu machen. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Anne bei Abfassung des Romans erst knapp 15 Jahre alt war. Auffallend sind auch Annes gewachsene literarische Fähigkeiten im Ausdruck.

Nun sind wir schon so dicht umschlossen von Gefahr und Finsternis, dass wir bei der verzweifelten Suche nach Errettung aneinanderstoßen. Wir schauen alle nach unten, wo die Menschen gegeneinander kämpfen, wir schauen alle nach oben, wo es ruhig und schön ist, und unterdessen sind wir abgeschnitten durch diese düstere Masse, die uns nicht nach unten und nicht nach oben lässt, sondern vor uns steht wie eine undurchdringliche Mauer, die uns zerschmettern will, aber noch nicht kann. Ich kann nichts anderes tun als rufen und flehen: „Oh Ring, Ring, weite und öffne dich für uns!“ (S. 131)

Ob Originaltext, Roman oder Mischform, eines bleibt in allen Versionen von Annes Tagebuch erhalten: Annes unglaublicher Lebenswille und Optimismus. Sie lebt jahrelang in permanenter Todesangst, Nahrungsmangel und ohne Sonnenlicht, wird ihrer unbeschwerten Kindheit beraubt. Trotz unvermeidlicher Depressionen bleiben ihr Fröhlichkeit und Lebensmut. Das rührt mich an ihrem Tagebuch stets am meisten! Zeitzeugen berichten, dass sie diesen Optimismus selbst im Konzentrationslager in Auschwitz und Bergen-Belsen bis zum Schluss nicht verloren habe. Was für eine beeindruckende Entwicklung hätte ihr noch bevorgestanden, wenn sie den Krieg überlegt hätte! Anne hat jedenfalls ihren Herzenswunsch erfüllt: Sie ist eine berühmte Schriftstellerin geworden. Nicht nur mit dem Tagebuch eines jungen Mädchens, sondern auch durch diesen literarisch sehr gelungenen Roman, den sie leider nicht mehr fertig stellen konnte.

Anne Franks Roman ist herzanrührend und authentisch. Ihre persönliche Entwicklung unter den schlimmen Lebensumständen ist beeindruckend und lässt mich beschämt auf meine Alltagsjammerei blicken. Anne, was bist du für eine tolle Frau!

Liebe Kitty, Anne Frank, aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert, Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019, 208 Seiten, 18,00 EUR

(Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Mittwoch, 26. Juni 2019

Das Wochenende, Bernhard Schlink


Was geschieht, wenn dein Bruder nach 24 Jahren aus der Haft entlassen wird und seine alten Freunde wieder trifft? Ach ja, und welche Rolle spielt es dabei, dass er RAF-Terrorist war und vier Menschen umgebracht hat?

Christiane holt ihren Bruder Jörg aus dem Gefängnis ab und bringt ihn in ihr Wochenendhaus, in das sie eine Gruppe von Freunden eingeladen hat. Sie will Jörg nicht gleich mitten ins Leben stoßen, er soll sich erst einmal geborgen fühlen und Unterstützung bekommen. Ein guter Gedanke, der so leider nicht aufgeht. Das Leben ist weiter gegangen. Die Freunde von damals, die als Studenten die linke Revolution unterstützt hatten, leben jetzt ein bürgerliches Leben, haben Berufe und Familie. Alle haben sich lange nicht gesehen. Aber die alten Beziehungen und Rollen entfalten sich sofort wieder, neue Bande werden geknüpft, alte und neue Fragen tauchen auf. Wie steht Jörg heute zu seinen Taten von damals? Wer hat sein Versteck an die Polizei verraten? Was will Jörg in Zukunft machen, weiter kämpfen oder neu anfangen? Wie ist das eigene Leben zu bewerten, wenn man seine Träume nicht verwirklichen und seine Ziele nicht erreichen konnte?

Aus den ganz persönlichen Fragen entspinnen sich die großen gesellschaftlichen Fragen. Hat die RAF ihr Ziel erreicht, es anders zu machen als die Elterngeneration, die zu Mittätern des Naziregimes wurden? Oder ist Gewalt immer falsch? Ist es vertretbar Terroristen zu begnadigen?

Ein weiterer Handlungsstrang spielt sich fiktiv ab. Da gab es noch Jan, der sich vor 25 Jahren das Leben genommen hat. Oder hat er dies nur vorgetäuscht? Eine der Freundinnen, die davon träumt Schriftstellerin zu werden, spinnt Jans Leben aus, wie es hätte verlaufen können, wenn er im Untergrund weitergelebt hätte und verbindet es mit den Ereignissen des 11. September 2001. Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen linkem und islamistischem Terror? Oder ist es egal, wer die Gewalt ausübt und warum?

„Du hast mich den ganzen Abend angeschaut, als fragtest du dich, ob ich, was ich sage, eigentlich glaube. Oder ob ich bei Trost bin. Glaub mir, ich bin bei Trost und ich glaube, was ich sage. Ich frage mich umgekehrt, ob du und deinesgleichen begreift, was mit der Welt los ist. Du denkst wohl, der 11. September wäre eine verrückte Muslimkiste gewesen. (…) – die Welt braucht manchmal einen Schock, um zu Sinnen zu kommen. Wie die Menschen – mein Vater lebt nach seinem ersten Herzinfarkt endlich so vernünftig, wie er schon immer hätte leben sollen. Bei anderen braucht’s zwei oder drei.“
„Manche sterben am Herzinfarkt.“ (S. 61)

Bernhard Schlink hat ein komplexes Beziehungsgeflecht geschaffen und betrachtet den Terrorismus gekonnt von der ganz persönlichen Warte. Was macht es mit einem Menschen, wenn er gemordet hat? Und wie gehen andere damit um? In den drei Tagen des Wochenendes werden Lebenslügen entlarvt, existenzielle Fragen gestellt und Dinge ausgesprochen, die der Einzelne für die Wahrheit hält. So werden die Auswirkungen von Terrorismus für den Einzelnen beleuchtet, ohne dass die gesellschaftliche Tragweite ausgeblendet wird. Der Leser kommt nicht umhin sich selbst Fragen zu stellen. Wie würde ich mich verhalten, wenn ein mir nahestehender Mensch gemordet hätte? Wie weit wäre ich selbst gegangen, um gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu bekämpfen?

Die Zeit der RAF scheint lange zurück zu liegen. Jedoch ist das Buch aktueller denn je, seit sich in Deutschland der rechte Terror gegen Politiker richtet, gezielt Migranten ermordet werden und rechte Netzwerke sich bis hinein in die Bundeswehr und andere staatliche Institutionen erstrecken.

Ein gut erzählter, spannender Roman, der Terrorismus auf persönlicher Ebene erfahrbar und den Leser nachdenklich macht.

Das Wochenende, Bernhard Schlink, Diogenes Verlag, Zürich 2010, 240 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 20. Juni 2019

Ein ganzes Leben, Robert Seethaler

Dieses dünne (und groß gedruckte) Buch beschreibt ein ganzes Leben, das des Andreas Eggers. An einem nicht genau bekannten Tag etwa 1898 wird er geboren und verbringt sein Leben fast ununterbrochen in einem österreichischen Bergdorf. Nach dem Tod der Eltern wächst er als Ziehsohn eines gewalttätigen Bauern auf.

Das Erzähltempo dieses Romans ist langsam. Genauso langsam, wie Eggers Leben ereignisarm dahin geht. Sein Dasein ist zeitlebens von harter körperlicher Arbeit in der Natur geprägt. Doch Eggers ist anspruchslos und so stört es ihn nicht. Die diversen Schicksalsschläge, die ihn treffen, nimmt Eggers gleichmütig hin. Zwar legt sich irgendwann eine gewissen Traurigkeit über seine Seele. Aber im Großen und Ganzen ist er zufrieden mit der kargen Bergwelt und seinem Leben.
"Ins Wirtshaus ging er selten und mehr als eine Mahlzeit und ein Glas Bier gönnte er sich nie. Er verbrachte kaum eine Nacht im Bett, meistens schlief er im Heu, auf Dachböden, in Kammern und Ställen neben dem Vieh. Manchmal, in lauen Sommernächten, breitete er irgendwo auf einer frisch gemähten Wiese eine Decke aus, legte sich auf den Rücken und blickte zum Sternenhimmel hinauf. Dann dachte er an seine Zukunft, die sich so unendlich weit vor ihm ausbreitete, gerade weil er nichts von ihr erwartete. Und manchmal, wenn er lange genug so dalag, hatte er das Gefühl, die Erde unter seinem Rücken würde sich ganz sachte heben und senken, und in diesen Momenten wusste er, dass die Berge atmeten." (S. 34)
In seine Lebenszeit fallen diverse geschichtliche Ereignisse, etwa der zweite Weltkrieg, in dem er kämpft, oder die Mondlandung der Amerikaner. Aber diese Dinge scheinen Eggers nur am Rande zu streifen. Sie tangieren ihn kaum, solange er nur am Leben bleibt. Nicht alle um ihn herum haben dieses Glück. Zu sehr seltenen Gelegenheiten nimmt Eggers das Fernsehen zur Kenntnis, welches ihm die große Welt zeigen könnte. Aber mit Ausnahme der Mondlandung nimmt er diese Möglichkeit nicht wahr. Er braucht die große Welt nicht.

Der Roman lässt die Leserin eintauchen in den gleichförmigen Gemütszustand des wortkargen, naturverbundenen Mannes. Unspektakulär wie sein Leben plätschert auch der Roman dahin.

Das Buch lässt sich gut lesen, hinterlässt aber bei mir keinen großen Eindruck.

Ein ganzes Leben, Robert Seethaler, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2016, 192 Seiten, 11,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...