Freitag, 17. Mai 2019

Der zauberhafte Wunschbuchladen, Bd. 4, Die wilden Vier, Katja Frixe


Der zauberhafte Wunschbuchladen ist ein lebhafter Ort, an dem es nie langweilig wird. Aber sogar dort gibt es Regeln, die zeitweilig kontrolliert werden. Eine Kommission hat sich angekündigt um zu überprüfen, ob Frau Eule auch alle Vorgaben des Handbuchs für Wunschbuchläden von 1875 in ihrem Laden einhält.

„‚Und was steht da so drin?‘, erkundigte ich mich.
‚Ach, lauter Regeln, die kein Mensch braucht. Wie viele Bücher pro Regalbrett nebeneinanderstehen sollten, welche Themen jeder Wunschbuchladen führen muss, Verhaltensregeln für Wunschbuchladen-Besitzer und ihre magischen Mitbewohner… Als könnte ich Gustaf und Herrn König Vorschriften machen, was sie zu tun und zu lassen haben.‘ (…)
‚Für die Bücher gibt es natürlich auch Verhaltensregeln‘, fuhr Frau Eule fort. ‚Aber ich mag es, wenn sie ein bisschen frech sind. Wenn sie sich lustige Sachen einfallen lassen, um die Kunden auf sich aufmerksam zu machen.‘“ (S. 56/57)

Ausgerechnet jetzt sind vier wilde Bücher außer Rand und Band geraten! Manchmal stinkt es ganz furchtbar im Laden, unheimliche Schreie ertönen, ein Buch fällt ständig aus dem Regal und blättert sich wild auf. Und seltsame, missgelaunte Kommentare formen sich aus fliegenden Buchstaben in der Luft. Das wird keinen guten Eindruck machen. Ob Clara eine gute Buchdompteurin sein könnte?

Alles wäre nicht so schlimm, wenn nicht auch noch Gustaf, der reimende Kater so schlecht drauf wäre. Er scheint richtig krank zu sein. Sein Herz schmerzt und er muss zum Tierarzt gebracht werden. Der hat zum Glück eine Idee, wie man Gustaf helfen könnte.

Zu allem Überfluss ist Frau Ting, die Bäckerin des Schokohimmels nebenan, verreist. Keine Schokotörtchen im Wunschbuchladen? Wie soll man das aushalten?!

Behaltet Eure Bücherregale im Auge, wenn Ihr diese wunderbare Wunschbuchladen-Geschichte lest. Das Eigenleben der Bücher wird euch verzaubern!

Der zauberhafte Wunschbuchladen, Bd. 4, Die wilden Vier, Katja Frixe, Illustrationen von Florentine Prechtel, Dressler Verlag Hamburg 2018, 176 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 16. Mai 2019

Der Mann ohne Schatten, Joyce Carol Oates


Elihu Hoopes ist 37 Jahre alt, als er 1965 durch eine Infektion einen irreversiblen Hirnschaden erleidet. Sein Kurzzeitgedächtnis kann Informationen maximal 70 Sekunden speichern, neue Langzeiterinnerungen kann er nicht bilden. Da er sich nur an die Vergangenheit vor der Erkrankung erinnern und den Begriff einer Zukunft nicht mehr fassen kann, lebt er für den Rest seines Lebens in einer permanenten Gegenwart. Er weiß nicht, welche Personen sich ihm vor zwei Minuten vorgestellt haben oder dass er vor einer Stunde gegessen hat. Er erinnert sich nicht, ein Gebäude schon einmal betreten zu haben, obwohl er letzte Woche dort war. Und er weiß nicht mehr genau, wer er ist. Er fühlt nur, dass er einsam und verloren ist, verzweifelt auf andere angewiesen, denn die wissen alle mehr als er, sogar über seine Person.

Für die Hirnforschung ist Elihu Hoopes ein Geschenk. Der sehr kooperative, intelligente junge Mann nimmt gern an diversen Tests teil. Die Erforschung seiner Amnesie wird das große Forschungsprojekt eines Instituts, das von einem bedeutenden Wissenschaftler geleitet wird. Besonders zugetan ist diesem Patienten die junge Neuropsychologin Margot Sharpe. Zunächst als Assistentin, später als Leiterin des Instituts entwickelt sie immer neue Tests, um dem Sitz des Gedächtnisses und den Geheimnissen des menschlichen Gehirns auf die Spur zu kommen. Über 30 Jahre wird sie mit Elihu Hoops zusammen arbeiten. Und sich ihm jedes Mal erneut vorstellen, weil er sie vergessen hat.

Margot Sharpe ist einsam und lebt ganz für die Wissenschaft. Sie verliebt sich in ihren Probanden. Ist dieser Mann noch zu Liebe fähig? Erwidert er ihre Zuneigung? Sie hält ihre Gefühle geheim vor Dritten, denn dem ethischen Kodex der Forschung entspricht es nicht, einem Probanden so nahe zu kommen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, einen Menschen so lange zu testen und zu erforschen, obwohl für ihn keine Chance auf Heilung besteht. Beutet die Wissenschaft Elihu Hoopes aus?

„Kaplan und Margot wechseln einen raschen Blick. Tatsache ist, dass der Amnesiekranke nicht jedes Mal gleich auf den Händedruck reagiert hat. Sein Verhalten hat sich durch den ‚derben Händedruck‘ teilweise verändert, auch wenn er die besonderen Bedingungen dieses Händedrucks vergessen hat.
Auf der Damentoilette, zu der sie flieht, sobald sie kann, zittert Margot vor Aufregung über diesen Befund. Eine wichtige Entdeckung! (…) Ein Teil des Gehirns funktioniert wie das Gedächtnis. Das widerspricht den gängigen Annahmen, ist aber so. (…) Sagt zu ihrem Gesicht im Spiegel: ‚Oh, Gott. Was tun wir ihm an. Was tue ich ihm an. Eli! Möge Gott mir verzeihen.‘“ (S. 75/76)

Der Roman geht eindrücklich auf Fragen der Identität und der Komplexität des menschlichen Gehirns ein. Wer bin ich, wenn ich nicht weiß, wer ich war? Gibt es andere Formen des Erinnerns, als das, was ich mit Worten wiedergeben kann? Offenbar gibt es ein emotionales und ein körperliches Gedächtnis. Welche sichtbaren Emotionen und Reaktionen eines Hirngeschädigten sind echt? Spielt er vielleicht nur etwas vor, um Erwartungen anderer zu erfüllen, auf die er angewiesen ist? Fragen der wissenschaftlichen Ethik stellen sich. Es wird deutlich, dass menschliche Reaktionen der individuellen Interpretation unterliegen. Sieht ein Wissenschaftler das, was er sehen will?

Vorbild für die Gestalt des Elihu Hoopes ist der Amerikaner Henry Gustav Molaison (1926-2008), der allerdings nicht durch eine Infektion, sondern durch eine operative Durchtrennung von Hirnregionen eine Amnesie erlitt. Ab der 1940er Jahre wurden derartige Operationen bei Epileptikern durchgeführt, um Krampfanfälle zu vermeiden. Lange vor Erfindung des MRT war die Kenntnis über die verschiedenen Hirnregionen noch gering, so dass man den angerichteten Schaden unterschätzte. Der Proband wurde tatsächlich 30 Jahre lang von Wissenschaftlern getestet, insbesondere durch die Ärztin Brenda Miller, die für ihre Arbeit diverse Forschungspreise gewann.

Das Thema dieses Romans ist ausgesprochen spannend. Ein Extremfall wie der des Elihu Hoopes macht erst deutlich, wie sehr wir für die Identitätsbildung auf Erinnerungen angewiesen sind. Wir basteln uns unsere Biografie und Geschichte aus Erinnerungen zusammen, die sich offenbar über den Verlauf des Lebens hinweg stets neu verfestigen müssen, um Sinn zu machen. Eine subjektive Bewertung aktueller Ereignisse ist uns nur möglich, wenn wir sie in einen Kontext einsortieren können.

Interessant geschildert ist die Figur der Wissenschaftlerin Margot Sharpe. Sie ist die erste Frau, die eine nennenswerte Position an einer Universität in ihrem Fach erlangt. Dafür zahlt sie einen hohen Preis. Einerseits wird sie von männlichen Kollegen ausgebeutet, andererseits sind ihr normale Beziehungen zu Männern neben ihrer Arbeit kaum möglich. Ihre intelligente, scharfsinnige Art schreckt so manchen Mann ab, der eher eine liebe kleine Hausfrau heiraten möchte. Ihre Einsamkeit ist erschreckend. Mehr und mehr wird Elihu Hoopes ihr Lebensinhalt, von dem sie so abhängig zu sein scheint wie er von ihr.

Der Roman hat hier und da ein paar Längen, auch weil sich Situationen notwendigerweise wiederholen. Das Eingeperrtsein in der Leere des Jetzt, in dem alles scheinbar zum ersten Mal geschieht, ist ja gerade Teil der Geschichte. Dennoch ist das Buch sehr lesenswert und macht nachdenklich.

Ständig im Hier und Jetzt zu sein, ist nicht so erstrebenswert, wie es scheint. Die Tiefe menschlicher Gefühle und Gedanken bleibt ein Mysterium, dem man in diesem Roman gut nachspüren kann. Lesenswert!

Der Mann ohne Schatten, Joyce Carol Oates, aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, 381 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 13. Mai 2019

Paris Echo, Sebastian Faulks

Paris – jeder verbindet etwas mit dem Namen dieser Stadt, selbst jemand, der noch nie selbst dort gewesen ist. Man könnte sagen, die Stadt hat ein Echo. In ihr hallen Erinnerungen wider, Sehnsüchte, Geschichte und Geschichten, Menschen und Völker.


Dieser Roman wird abwechselnd von zwei sehr unterschiedlichen Personen erzählt, von Hannah Kohler, einen Historikerin aus den USA von Anfang Dreißig und Tariq Zafar, einem neunzehnjährigen Marokkaner. Beide sind nach Paris gekommen, um dieses Echo der Vergangenheit zu spüren.

Tariq mag das Leben in Tanger nicht, wo er mit Vater und Stiefmutter lebt. Es scheint ihm, als sei er gar nicht wirklich lebendig. Er spricht fließend französisch, da seine Mutter Halbfranzösin war und viele Jahre in Paris gelebt hat. Sie starb, als Tariq noch klein war. Er möchte mehr über sie wissen, über ihr Leben in Europa. Paris kennt er nur aus Filmen, aber es scheint ihm, als sei dort das Leben. Also bricht er dorthin auf, ohne Papiere, ohne Geld, ohne Plan, geleitet nur von seiner Sehnsucht.

Dort begegnet er durch Zufall Hannah, die einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt in Paris verbringt. Hannahs Aufenthalt gestaltet sich gegensätzlich zu dem von Tariq. Sie ist vor zehn Jahren bereits einmal länger In Paris gewesen, sie hat sich in ihr Forschungsthema bereits genau eingelesen und den Weg durch die Institute bereits geplant, in denen sie recherchieren will. Sie besitzt einen Stadtplan, hat ein Apartment gemietet, ist gut organisiert. Hannah befasst sich mit der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis 1940 bis 1944, insbesondere mit dem Leben der Frauen in Paris und der Résistance.

Tariq bemerkt bald, dass er nichts weiß über die Geschichte Europas, nicht einmal die seines eigenen Landes, nichts über das Leben und die Frauen, an denen er jedoch sehr interessiert ist. Er wird ausgelacht, weil er nicht einmal weiß, wer dieser Typ de Gaulle ist. Er beneidet Hannah um ihr Wissen, auch um ihre Kenntnis der eigenen Abstammung, die Herkunftsländer ihrer Vorfahren. Denn er empfindet nur eine große Lücke, die er auch vor Ort in Paris kaum zu füllen vermag.

Hannah hingegen beneidet Tariq um seine Unbefangenheit. Er reist „ohne Gepäck“ im doppelten Sinne, ist aber offen und saugt alles Unbekannte in sich auf, ohne von Vorurteilen gehemmt zu sein. Hannahs Recherche über das Leben der Frauen in den 40er Jahren vermischt sich immer mehr mit den schmerzlichen Erfahrungen, die sie selbst vor zehn Jahren in Paris gemacht und noch nicht wirklich hinter sich gelassen hat.

Beide stellen sich die Frage, welchen Wert das Erinnern hat, das historische als auch das persönliche. Verhindert das Gedenken an Gräueltaten wirklich deren Wiederholung? Was ist der Unterschied zwischen Gedenken und dem Verharren in altem Schmerz und Hass? Spiegelt nicht das heutige Verhältnis der Franzosen und Nordafrikaner zueinander, das Tariq in Paris erlebt, genau dieses Festhalten an alten Ressentiments?

„‘What, really, is the difference between the commemoration of an artrocity and the perpetuation of a grievance?’
Julian breathed in. ‘I think we know.’
‘Don’t just dismiss the question.’
‘I’m not. Only a few years ago the Serbs were massacring Bosnian Muslims to get their own back for the way the Serbs were beaten by the Ottoman Turks at the Battle of Kosovo in 1380-something! The whole Serbian identity is built on the myth of Kosovo Polje. Wouldn’t it be better if they’d just forgotten? Six hundred years is a bloody long time to brood.’” (S. 225)

 Die Buchkapitel sind nach Pariser Métrostationen benannt. Tariq liebt die Métro, mit der er sich durch die Stadt bewegt, in der er verschiedene Mädchen beobachtet und Menschen trifft. Durch die Stationsnamen lernt er so manches über die historischen Orte und Personen, die diese Stadt in sich vereint. So wird die Fahrt in der Métro zur Reise zu sich selbst.

Ein faszinierendes Buch, sehr dicht geschrieben, mit glaubwürdigen Charakteren, deren Weg man gern begleitet. Was verbindest Du mit Paris?

Paris Echo, Sebastian Faulks, englischsprachige Ausgabe, Hutchinson Verlag, London 2018, 298 Seiten

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...